Donnerstag , 13. Dezember 2018
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Erchan (M.) hat den schweren Medizinball ergattert, er wird aber von allen Seiten belagert. Foto: t&w

Spielend Deutsch lernen durch Leuphana-Projekt

Lüneburg. Levi kniet auf einer Mattenlandschaft in der Sporthalle der Leuphana, ihm gegenüber sitzt Ramos. Die beiden Jungs strecken ihre geba llten Fäuste aus, stoßen sie von oben, von unten und dann frontal gegeneinander. „Wir kämpfen fair“, sagen sie – im Rhythmus der Bewegungen. Es ist ein Ritual, erst dann dürfen die Drittklässler in die Übung einsteigen. Acht Paare hocken auf den grauen und roten Matten. Die Aufgabe: ihr Gegenüber auf den Boden zu drücken. Die Stimmung in der Halle ist ausgelassen, es wird viel gelacht. Dass dabei auch gleichzeitig die Sprache gefördert wird, merken die Kinder der Anne-Frank-Schule gar nicht.

Studenten der Leuphana erteilen den Unterricht

Das Projekt „Sprachsensibler Sportunterricht“ hat Prof. Dr. Jessica Süßenbach von ihrer alten Arbeitsstelle, der Uni Duisburg-Essen, mit nach Lüneburg gebracht. Die 3b von Joachim Schmirander ist die erste Klasse, die für den Sportunterricht immer dienstags zum Uni-Campus fährt. Für die Anne-Frank-Schule kam die Kooperation zum richtigen Zeitpunkt, die eigene Sporthalle wird renoviert. Auch die Leuphana profitiert davon. Denn der Unterricht wird von Master-Studenten gegeben.

Die zehn angehenden Berufsschullehrer gestalten aber nicht nur die wöchentliche Sportstunde, sie müssen sich auch gegenseitig beobachten. Jeweils in Zweier-Teams stehen die Studenten vor den Schülern, die anderen machen sich am Rand Notizen. Eine Nachbereitung findet dann im begleitenden Seminar von Jessica Süßenbach statt. Das Ziel des Projekts: eine Konzeption für sprachsensiblen Sportunterricht zu entwickeln.

Der Professorin für Sportpädagogik und -didaktik ist wichtig, dass sich die Studenten als Sprachvorbild wahrnehmen, ihre Ansprachen mit Gestik und Mimik unterstützen, sportspezifisches Vokabular vermitteln. „Sie sollen den Kindern Deutsch auf eine körperlich spürbare Art und Weise näherbringen.“

Schulsport geeignetes Umfeld für Erfolgserlebnisse

Die 47-Jährige sieht im Schulsport ein geeignetes Umfeld, um Kindern Erfolgserlebnisse zu vermitteln. Dadurch, dass auf dem Stundenplan Spielen, Kämpfen und Tanzen stehen, sei für jeden etwas dabei. Auch dürften sich die Kinder an der Unterrichtsgestaltung beteiligen, Plakate und Bildkarten mitentwerfen, Spielregeln erarbeiten.

Für den Themenblock „Kämpfen“ sind Jan-Hendrik Loch (34) und Jan-Christopher Katzorke (26) zuständig, beide sind dankbar für die Möglichkeit, Erfahrungen in der Praxis sammeln zu können. „Auch wenn Kinder für uns als Berufsschullehrer später nicht die Zielgruppe sind, ist dieser pädagogische Teil spannend“, sagt Jan-Hendrik Loch, der als Quereinsteiger an die Leuphana gekommen ist. Er weiß, dass klare Ansprachen wichtig sind. „Wir müssen Ruhe in die Gruppe bekommen.“ Raufen sei etwas, was die Schüler auf dem Pausenhof ohnehin machten, beim Kämpfen gebe es klare Regeln. „Fair Play, Stopp bedeutet Stopp, anderen nicht wehtun, gleiche Größe und gleiches Geschlecht.“

Schon bei dem Begrüßungs-Sitzkreis ist zu spüren, dass sich die Acht- bis Zehnjährigen auf die Stunde freuen. Und die Erinnerungen an die vorige Woche sind bei niemandem verblasst. Levi weiß noch, dass er seinen auf dem Bauch liegenden Partner umdrehen musste. „Von der Bauch- in die Rückenlage“, korrigiert Loch ihn. An Vertrauensübungen erinnert sich Malak (9). „Einer hat die Augen verbunden bekommen, der andere musste sagen, wohin er gehen kann und aufpassen, dass er nicht irgendwo gegen läuft.“ Auch dafür nennt der angehende Lehrer das Fachwort: „Ihr habt euren Partner geführt, Malak.“

16 Schüler stürzen sich auf einen Medizinball

Die Stunde endet wie sie angefangen hat: mit einem Spiel. Katzorke legt einen Medizinball in die Mitte und teilt die Schüler in zwei Teams auf. „Das Ziel des Spiels ist es, den Ball auf die andere Seite zu befördern.“ Chaos vorprogrammiert. 16 Schüler stürzen sich auf den Leder-Ball, das Kinder-Knäuel ist kaum zu entwirren. Ein Mädchen weint, weil es sich die Knie aufgescheuert hat. Jan-Hendrik Loch unterbricht das Spiel, greift sich den Ball, krabbelt auf allen Vieren über das Feld und rollt den Ball vor sich her. „So soll das aussehen.“

Was schiefgelaufen ist, wissen danach auch die Drittklässler. Levi sagt, dass er lieber eine lange Sporthose angehabt hätte, Erchan schmerzen die Hände. „Da sind immer alle draufgekrabbelt.“ Die Erkenntnis: Gewalt tut weh, deshalb muss man sich auch beim Kämpfen an die Regeln halten.

Von Anna Paarman