Aktuell
Home | Lokales | Gefangenenlager Bando — Eine Spurensuche in Lüneburg
Bei seinem Besuch der Bando-Ausstellung stieß Jobst von Saldern auf Hinweise zu seinem in einem japanischen Kriegsgefangenenlager verstorbenen Großvater. Foto: t&w

Gefangenenlager Bando — Eine Spurensuche in Lüneburg

Lüneburg. „v. Saldern, Siegfried, Kapitänleutnant“. Es ist nur eine schlichte Eintragung und einer von mehreren Namen einer Liste. Doch sie reichte aus, dass si ch Jobst von Saldern von Hamburg auf den Weg machte, um sich die Sonderausstellung „Begegnungen hinter Stacheldraht – Deutsche Kriegsgefangene im Lager Bando in Japan, 1917 – 1920“ im Museum Lüneburg anzuschauen. Mit nach Lüneburg brachte er die tragische Geschichte seiner 1917 in Japan verstorbenen Großeltern.

Kolonialzeit in Tsingtao

Jobst von Saldern sitzt in seinem Rollstuhl und schaut auf die großflächigen Transparente im Museum mit den Motiven aus dem japanischen Kriegsgefangenenlager Bando. Nach der Kapitulation der deutschen Truppen 1914 vor den Japanern im Kampf um die chinesische Stadt Tsingtao, von der aus Deutschland sein Kolonialstreben im asiatischen Raum vorantreiben wollte, waren dort und in Nachbarlagern bis zum Ende des Ersten Weltkriegs deutsche Soldaten inhaftiert, darunter Siegfried von Saldern, der Großvater Jobst von Salderns. „Mein Großvater wollte unbedingt nach Tsingtao. Für Offiziere war es damals erstrebenswert, im Ausland dienen zu dürfen“, erzählt der 79-Jährige. Grund waren die Annehmlichkeiten, die den Offizieren in den besetzten Gebieten zugute kamen. Unter anderem durften sie ihre Ehefrauen nachholen, was auch von Saldern machte.

Doch die Freude über die gemeinsame Kolonialzeit in Tsingtao währte nicht lange: Im November 1914, wenige Monate nach Eintreffen von Ehefrau Irma, mussten die Deutschen sich den Japanern geschlagen geben. „Obwohl meine Großmutter mit den beiden Söhnen Horst und Sylvester nach Hause hätte zurückkehren können, wollte sie an der Seite ihres Mannes bleiben“, weiß Jobst von Saldern. Während Kapitänleutnant von Saldern ins Lager Kurume gebracht wurde, durfte Irma von Saldern ein Wohnhaus in der Nähe beziehen.

Schmerz über Verlust der Ehefrau

Doch ein Einbruch in das Wohnhaus setzte der Ehe ein abruptes Ende. Irma von Saldern wurde vom Einbrecher erstochen, den sie auf frischer Tat ertappte. In seinem Schmerz über den Verlust seiner Frau fasste Ehemann Siegfried den Entschluss, auch selbst aus dem Leben zu scheiden – und hinterließ seine beiden Söhne als Vollwaisen. Sohn Horst, Jobst von Salderns Vater, konnte 1919 über Umwege nach Deutschland zurückkehren.

Die Familie ist in Lüneburg übrigens keine Unbekannte: Neffe Matthias von Saldern lehrte bis vor kurzem an der Leuphana. Und es war ein von Saldern, der 1371 in der schicksalhaften Ursula-Nacht die herzoglichen Soldaten gegen die aufständischen und bekanntlich erfolgreichen Lüneburger anführte – und von ihnen erschlagen wurde.
Weil Jobst von Saldern gerade die parallel in Kiel gezeigte Ausstellung zur damaligen deutschen Kolonie Tsingtao besucht hatte, war es für ihn naheliegend, auch nach Lüneburg zu kommen: „Es ist hier eine passende Fortsetzung des Themas, und sie ist wirklich gut gemacht.“

Angehörige berichten bei „Erzählnachmittag“ im Museum

Das bestätigt Paul Friedrich Meyer. Der Hamburger war über die Zeitung auf die Ausstellung aufmerksam geworden. „Mein Vater war auch in Tsingtao, obwohl er dort eigentlich als Kaufmann unterwegs war. Als der Krieg ausbrach, musste er als Reserveoffizier mitkämpfen und geriet so in Gefangenschaft.“ Ob er in einem der Orchester mitgespielt hat, die sich in dem Lager formiert hatten (LZ berichtete), will Meyer nicht ausschließen: „Er spielte Cello, das ist gut möglich.“ Auf dem großen Wandfoto in der Ausstellung konnte er seinen 1973 verstorbenen Vater aber nicht wiederfinden. Dafür hat er aber vielleicht eine Überraschung für Lüneburg: „Ich habe zu Hause noch einen Koffer voller Dokumente. Ich schau mal, was ich mitbringen kann“, versprach er Museumsleiterin Prof. Dr. Heike Düselder.

Weitere Nachkommen der früheren Bando-Gefangenen werden am 9. Juli zu einem „Erzählnachmittag“ ins Museum kommen. „Das Thema bewegt viele der betroffenen Familien noch sehr“, sagt Heike Düselder, die zu dem Treffen eingeladen hat. Die öffentliche Veranstaltung beginnt um 14.30 Uhr.

Von Ulf Stüwe

Ausstellung läuft noch bis zum 23. Juli: Begegnungen hinter Stacheldraht

Rund 1500 Besucher haben die Sonderausstellung „Begegnungen hinter Stacheldraht – Deutsche Kriegsgefangene im Lager Bando in Japan, 1917 – 1920“ bislang gesehen. Sie wird noch bis zum 23. Juli im Museum Lüneburg gezeigt.

Zu sehen sind 150 Originalexponate, ein Drittel davon stammt aus Japan, auch das Deutsche Historische Museum in Berlin ist mit Leihgaben beteiligt, ebenso das Lüneburger Stadtarchiv. Hamburg, Hannover und Wilhelmshaven haben Interesse an der Wanderausstellung geäußert.

Die Kosten der Schau, 250 000 Euro, übernahm zur Hälfte die Stiftung Niedersachsen, je 25 000 Euro gaben die Stadt und die Sparkassenstiftung dazu, den Rest übernahmen die niedersächsische Staatskanzlei und das Ministerium für Wissenschaft und Kultur.