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Kenan Sapan (l.) und Mustafa Herkci engagieren sich in der Jugendarbeit der Moschee am Lüner Weg. Sie erreichen rund 100 junge Leute.

Muslimische Gemeinde bietet Halt

Lüneburg. In Hamburg sei es schlimmer, aber auch hier gebe es die, die sich Gewalt und Terror verbunden fühlen. Die junge Leute für einen Kampf im Namen des Gla ubens gewinnen wollen. Mustafa Herkci und Kenan Sapan wissen davon. Doch sie halten dagegen. „Wir wollen Jugendliche von Kriminalität und Terror fernhalten“, sagt Herkci. „Der Islam ist etwas anderes.“ Für die jungen Männer bedeutet er tiefe Religiosität und ein vorbildliches Leben. Die beiden gehören zum Vorstand der Jugendabteilung der muslimischen Gemeinde am Lüner Weg. Sie sagen, dass sie bis zu 100 Jugendliche erreichen. Tendenz steigend.

An einem warmen Frühsommerabend sitzen die beiden vor der Moschee am Lüner Weg. Es ist Ramadan, tagsüber essen und trinken Moslems in diesen vier Wochen der inneren Einkehr nichts. Der Mund wird trocken beim Reden, doch es gibt kein Wasser. Für die beiden völlig in Ordnung: „Es ist eine Pflicht im Islam, Körper und Seele kommen zur Ruhe.“ Aber es ist eben auch die Zeit für Grundsätzliches.

„Wer Gutes tut, bekommt Gutes zurück“, sagt Herkci. Der 23-Jährige und seine Freunde werben für ihre Idee: „Wir sind in Flüchtlingsheime gegangen und haben erzählt, was wir machen. Einige kommen.“ An gemeinsamen Pizza-Abenden sitzen dann 50, 60 Jugendliche mit unterschiedlichen Wurzeln zusammen, ihre Familien stammen ursprünglich aus der Türkei, arabischen Ländern, Serbien, Albanien, Russland, aber auch aus Deutschland. Sie sind auch dabei beim Sport in Kaltenmoor.

Gebet ist nach Geschlechtern getrennt

Mädchen und Jungen arbeiten zwar im Jugendvorstand zusammen. Doch wenn es um Unternehmungen geht, gehen sie getrennte Wege. Das wollten beide Gruppen so, sagen die Jugendvorstände. Das ist auch Alltag in ihrer eher konservativen Gemeinde: Bei Festen tafeln Männer und Frauen an jeweils eigenen Tischen. Das Gebet ist nach Geschlechtern getrennt.

Herkci ist hier geboren, hat sein Abitur gemacht und angefangen, in Lübeck Bauingenieurswesen zu studieren: „Aktuell arbeite ich aber in der Metallbranche.“ Klar kennt er Jungs, die geklaut und sich geprügelt haben. „Kein Abschluss, keine Ausbildung, die Familien wollen nichts mehr mit ihnen zu tun haben.“ Die Gemeinde biete Halt. Es gebe religiöse Gesprächskreise, in denen der Glaube an Gott, aber auch persönliche Themen besprochen werden. Eine Botschaft: „In Deutschland wird uns Sicherheit geboten.“ Dieses friedliche Zusammenleben gelte es zu schätzen. Ihr Einfluss auf Altersgenossen ist groß. Eine Mutter erzählt, dass ihr Sohn begonnen habe, die Schule zu schwänzen. Nach Gesprächen mit dem Jugendvorstand habe sich das geändert: „Er steht pünktlich auf und fährt zur Schule.“ Für Herkci und seine Mitstreiter steht fest, dass Ausbildung ein Fundament für ein erfolgreiches Leben ist.

So sieht es auch Kenan Sapan. Der 19-Jährige will sein Abitur machen. Vorbild zu sein für andere, findet er selbstverständlich. So wie es für den Ramadan, also die Fastenzeit, Selbstbeherrschung und Disziplin brauche, gelte dies für das gesamte Leben. Die Zeit der Entbehrung lehre Bescheidenheit: „Ich erkenne, welchen Reichtum ich eigentlich habe, essen und trinken zu können. Es gibt Arme, die das nie haben.“ Eben nicht nur für wenige Wochen. Es sei gut, dass Moslems in diesen Wochen – so wie im Koran vorgegeben – für Bedürftige sammeln.

Tür steht offen für junge Leute

Manches klingt schwärmerisch und manches so fromm, dass man es in einer Gesellschaft voller Reize und scheinbar grenzenloser Selbstverwirklichung kaum glauben mag. Wer allerdings mit jungen Leuten spricht, die sich in freikirchlichen Gruppen engagieren, trifft auf eine ähnliche Religiosität.

Am Abend, beim Fastenbrechen in Familien oder eben mit Freunden, spüre man die Gemeinschaft, erzählen Sapan und Herkci. Gerade, wenn Ramadan ende und die Tage anbrechen, an denen man sich gegenseitig besuche und zusammen esse.

Sie wissen, dass sie nicht alle erreichen werden, doch ihre Tür stehe offen für junge Leute, egal, woher sie kommen. Dann gilt eine Maxime, die wohl auch Alt-Kanzler Konrad Adenauer hätte unterschreiben können. Mustafa Herkci sagt: „Es ist unsere Aufgabe, der Familie und Gesellschaft einen Nutzen zu bringen.“
Von Carlo Eggeling