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Stefanie Nicklaus, hier im „Double Knee Hook“, gehört schon zu den fortgeschrittenen Poledance-Kursteilnehmerinnen. Foto: t&w

Poledance entwickelt sich immer mehr zu einem Trendsport

Lüneburg. Anja Gresens hängt kopfüber in einem großen Kursraum. Allein ihre Oberschenkel, mit denen sie eine 45 Millimeter dicke Stange umklammert, halten ihren Körper in der Luft. Ihre Arme sind ausgestreckt. Sie lächelt, obwohl ihr die Anstrengung ins Gesicht geschrieben steht. Sie rutscht einige Zentimeter Richtung Boden, dann finden die Innenseiten ihrer Schenkel wieder Halt am Stahl. Der „Basic Invert“ ist eine von vielen Figuren, die die Trainerin an der Poledance-Stange einnehmen kann. Seit neun Jahren beschäftigt sie sich mit der Tanz- und Sportform, die weit verbreitet ist, aber immer wieder in eine verruchte Ecke gesteckt werde.

Um aufzuklären und ihr Wissen weiterzugeben, hat sich die 34-Jährige in Hamburg zur Trainerin ausbilden lassen, Poledance-Instructor heißt das offiziell. Seit Jahresbeginn gibt sie Kurse in einem eigens mit sechs Stangen ausgestatteten Raum im Combat Center in Lüneburg. Die Nachfrage sei groß. Sie hat sich auf „Polefit“ spezialisiert – eine Mischung aus Poledance und Fitness.

Die Trainerin weiß um die gängigen Vorurteile: „Viele kennen die Stripperinnen aus dem Fernsehen, damit hat das aber nichts zu tun“, betont sie. Vielmehr gehe es beim Poledance darum, seinen Körper unter Kon­trolle zu haben. Deshalb sollte ein Anfänger auch ganz unten starten. „Ich jage niemanden die Stange hoch, bei dem ich weiß, dass er sich noch nicht halten kann.“

Stefanie Nicklaus und Sarah Bäßler beherrschen schon viele Figuren, sie können sich mit den Kniekehlen einhaken und drehen, im „Seat Safety“ an der Stange sitzen. Die beiden Frauen absolvieren zurzeit ihren zweiten sechswöchigen Kursus, an die ungewohnten Bewegungen und den rutschigen dünnen Pfahl mussten sie sich erst gewöhnen.

Stefanie Nicklaus lacht, als sie an die ersten Trainingseinheiten zurückdenkt, oft ist die 43-Jährige mit sogenannten Polekisses, also blauen Flecken, nach Hause gekommen, weil sie unkontrolliert gegen die Stange gefallen ist. Auch ihre Hände mussten sich erstmal an den Sport gewöhnen. „Man braucht unheimlich viel Griffkraft, deshalb tun einem die Fingerknöchel am Anfang weh.“

Sarah Bäßler spürt nach dem Training meist die Innenseiten ihrer Schenkel, die Schienbeine und Kniekehlen. Die 26-Jährige hat aber festgestellt, dass das Schmerzempfinden mit der Zeit nachlasse; es sei schön zu merken, wie Bauch, Rücken und Arme gestärkt werden.

Anleiterin Anja Gresens setzt bewusst andere Akzente, neben dem Stangentanz ist ihr die Athletik wichtig. In der ersten halben Stunde bringt sie ihre „Mädels“ mit Laufen, Dehnen, Kniebeugen, Sit-ups und Liegestützen erstmal ordentlich ins Schwitzen.

Für die passionierte Reiterin Stefanie Nicklaus ist Polefit vor allem ein guter Ausgleich. Schon beim ersten Training sei der Funke übergesprungen. „Es macht irre viel Spaß.“ Zu Hause trainiere sie mit YouTube-Videos, dadurch habe sie die notwendige Grundfitness für Poledance. „Es verbindet Tanz mit Ästhetik und Athletik.“

Sarah Bäßler hat schon in Hamburg getanzt. Das sieht man ihr an, sie wirkt besonders grazil an der Stange, Hände und Füße sind stets gestreckt. Neben dem sportlichen Aspekt gefällt der jungen Frau der Gruppengedanke. In jedem der fünf aktuell laufenden Kurse arbeitet Anja Gresens mit den Teilnehmerinnen eine Choreographie aus. Dabei geht es vor allem darum, in allen Bewegungen synchron zu sein.

Beim freien Training an jedem Sonnabend von 14 bis 17 Uhr filmen sich die Sportlerinnen auch mal gegenseitig. Das empfindet Stefanie Nicklaus als besonders hilfreich. „Poledance muss von außen leicht und mühelos aussehen, dafür muss man sich unheimlich konzentrieren“, sagt sie. Nach einem Lied von dreieinhalb Minuten Länge sei sie oft „total fertig“.

Sarah Bäßler hat anfangs ungern erzählt, dass sie jetzt Poledance macht, heute ist das anders. „Für mich ist Poledance etwas Tänzerisches und Schönes, nichts extrem Erotisches.“ Schmunzeln musste sie dennoch bei der Reaktion ihrer Großmutter. „Sie hat gefragt, ob ich in einer Bar tanze.“

Von Anna Paarmann

Einst eine Männerdomäne

Entstehungsgeschichte

Poledance wurde früher primär von Männern betrieben, es hat sich aus der traditionellen asiatischen Akrobatik entwickelt. Dort werden Stangen und Pfähle schon seit dem 12. Jahrhundert zum Trainieren des Körpers benutzt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchte der Stangentanz in amerikanischen Wanderzirkussen auf, 1950 eröffneten die ersten Stripclubs. Populär wurde der Poledance in den 80ern zunächst in Nordamerika, dann in der ganzen Welt. Gleichzeitig öffneten die ersten Studios ihre Türen. Heute bemüht sich der internationale Poledance-Verband darum, dass das Internationale Olympische Komitee Poledance in das Programm der Olympischen Spiele aufnimmt.