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28. Juni 2007: Auf dem Hof des Kernkraftwerkes Krümmel brennt ein Maschinentransformator mit 70 Tonnen Kühlöl unter einer massiven Rauchentwicklung. Foto: tja

Krümmel: Eine Rauchsäule bedeutete das Ende

Krümmel. 28. Juni 2007. Um 15.02 führt auf dem Gelände des Kernkraftwerkes Krümmel ein Kurzschluss in einem der beiden Maschinentransformatoren, über die Strom ins Netz gespeist wird, zu einem Brand. 70 Tonnen Transformator-Öl gehen, spektakulär begleitet von einer gewaltigen Rauchsäule, in Flammen auf. „Aus Feuerwehr-Sicht war der Einsatz nichts Besonderes. Von Radioaktivität war nicht auszugehen, den Brand bekamen wir mit jeder Menge Schaum schnell in den Griff“, erinnert sich Ingo Schwarz, damals wie heute Zugführer der Feuerwehr.

Für Kraftwerksbetreiber Vattenfall offenbarte das Feuer aber schnell jede Menge Probleme – von technischer Art bis hin zur Krisenkommunikation. Rauch war in die Leitwarte gezogen, dort herrschte Durcheinander, Systeme funktionierten plötzlich nicht mehr einwandfrei. Bald rollten im Konzern Köpfe, Manager und Sprecher mussten gehen. Atomkraftgegner machten mobil, schlachteten den Zwischenfall für ihre Zwecke aus. „Ich habe bis heute das Gefühl, dass es ein Sabotageakt war“, meint Bettina Boll, die Jahrzehnte gegen den Atommeiler kämpfte.

Die Atomaufsicht des Landes zog die Zügel an, prüfte jahrelang die Zuverlässigkeit von Vattenfall als Betreiber von Atomkraftwerken. Denn 2009 kommt es beim Wiederanfahren nach dem Trafo-Brand zu einer neuen Panne, die Anlage steht wieder still. Krümmel, der weltweit leistungsstärkste Siedewasserreaktor, geht danach nie wieder in die Produktion.

Fast 400 meldepflichtige Zwischenfälle

„Es war bekannt, dass die technische Aufrüstung, wie sie in Krümmel durch die Leistungssteigerung erfolgte, zu Problemen bei nachgeschalteten Komponenten führt“, erinnert sich Bettina Boll. Vattenfall motzte den Meiler am Elbufer dennoch auf mehr als 1400 Megawatt Leistung auf.

Und dann versagten Mensch und Technik: Erst der Maschinentrafo, dann Kommunikationspannen, später der Eigenbedarfstrafo. Das waren der zweite, dritte und vierte Sargnagel – und dann kam Fukushima. Das brachte den politischen Beschluss zum Atomausstieg. Seitdem haben die erneuerbaren Energien Priorität.

„Krümmel galt damals schon als Pannenreaktor“, erinnert sich Bürgermeister Olaf Schulze (SPD). Er wohnt nur einen Steinwurf vom Meiler entfernt. Fast 400 meldepflichtige Ereignisse gab es in dem am 14. September 1983 in Betrieb genommenen Kraftwerk bisher. „Ich war immer gegen die Nutzung der Atomkraft, da war das Aus, das Frau Merkel nach dem Unglück von Fukushima durchsetzte, nur konsequent. Aber finanziell würde die Stadt heute deutlich besser dastehen, weil uns die Steuereinnahmen natürlich fehlen“, so Schulze.

In Krümmel mag man heute über das Malheur von vor zehn Jahren nicht mehr sprechen. Der damalige Kraftwerksleiter Hans-Dieter Lucht möchte sich nicht so gerne erinnern. „Das ist Geschichte“, sagt er und lehnt eine Einschätzung der Dinge ab.

Frisch saniert, keine Stromproduktion

War nicht eigentlich alles übertrieben? Es brannte doch nur ein Trafo, was auch anderenorts passiert. „Dass Bilder von Qualm und Rauch in einem Kernkraftwerk dazu geeignet sind, die Menschen zu verunsichern, verstehen wir und wir haben für unsere Kommunikationsarbeit daraus die Lehre gezogen. Es liegt uns aber fern, die Arbeit unserer Vorgänger zu kommentieren oder gar zu kritisieren“, heißt es aus der Konzernzentrale von Vattenfall.

Und so steht Krümmel heute mit frisch sanierter Fassade wie eh und je in der Landschaft, erzeugt nur keinen Strom mehr. In der laufenden Nachbetriebsphase kümmern sich 150 Mitarbeiter – früher waren es im Normalbetrieb 350, während der Revisionen sogar 1000 weitere – um alle Systeme. Beim Rückbau sollen die Beschäftigten noch jahrelang Arbeit finden. Und dann?

Auf dem Krümmel-Gelände lagern Tonnen von Strahlenmüll, wie auch nebenan auf dem Areal des Helmholtz-Zentrums. Die Hinterlassenschaften der Technologie stellen weiterhin ein Problem dar, zumal viele Deponien selbst die Annahme des unkritischen Bauschutts ablehnen.

Von Timo Jann

One comment

  1. Die Brandursache an einem Blocktrafo im Kernkraftwerk Krümmel ist auf die genehmigte Leistungserhöhung zurückzuführen, die zur betriebsbedingten assymetrischen Belastung der Blocktrafos führte, was durch den Komponentenschutz ( Buchholz ) den Turbinenabwurf mit Schnellabschaltung bewirkte. Zur wiederholten Vermeidung wurde der hoch redundante Buchholzschutz unzulässigerweise blockiert, was den fatalen Trafobrand nach sich zog. Während der Brandrauch durch die Warte waberte, versagten die Hochdruckeinspeisesysteme zur Kühlung des Reaktors. In dieser kritischen Situation musste die Druckentlastung mit teilweiser Freilegung des Kerns manuell eingeleitet werden um den Reaktor mit den Niederdrucksystemen aus Dieselstrom bespeisen zu können. Zur Auslösung der Beinahekatastrophe war kein Tsunami erforderlich, eine unverantwortliche Betriebsleitung und unfähige Genehmigungsbehörde waren ausreichend.