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Stalking-Opfer Lisa Gehring hat ständig das Gefühl, verfolgt zu werden. In jedem vorbeifahrenden Auto sieht sie ihren Stalker, der noch immer auf freiem Fuß ist.
Stalking-Opfer Lisa Gehring hat ständig das Gefühl, verfolgt zu werden. In jedem vorbeifahrenden Auto sieht sie ihren Stalker, der noch immer auf freiem Fuß ist.

Stalking: Ein Leben in ständiger Angst

Lüneburg. Lisa Gehring schaut sich ständig um, hat immer das Gefühl, verfolgt zu werden. Seit zwei Jahren ist das so. Schuld ist ein Mann, sagt sie, den sie anf angs mochte, mit dem sie anbändelte, der später aber sein anderes Gesicht zeigte. Über eineinhalb Jahre hat er der heute 30-jährigen Frau permanent nachgestellt – gestalkt, wie es heute heißt.

Es wurde schlimm, als sie ihm die Tür nicht mehr öffnete, seine Nachrichten und Anrufe ­ignorierte. Er tauchte plötzlich bei ihrer Arbeit auf, verbreitete Gerüchte, sie würde Medikamente stehlen, erzählt sie. Die Mutter eines zehnjährigen Sohnes aus Kirchgellersen verlor ihren Job. Ein Umzug brachte nichts, schnell hatte er ihre neue Adresse herausgefunden. Mal waren die Reifen ihres Autos zerstochen, mal handgeschriebene Drohbriefe im Briefkasten.

Schon im Juni 2015 hat die junge Frau bei der Polizei Anzeige erstattet, eine Anwältin eingeschaltet und ein Annäherungsverbot gegen ihren Stalker erwirkt. Lisa Gehring ist Nebenklägerin in einem Strafverfahren, das zurzeit am Amtsgericht gegen den Mann läuft. Der Vorwurf: gefährliche Körperverletzung. Der Mann habe sich als Arzt ausgegeben und ihr Medikamente verabreicht. Tatsächlich aber hat er nie eine medizinische Ausbildung absolviert.

Lisa Gehring ist mittlerweile mit einem neuen Partner glücklich, erwartet ihr zweites Kind. Sie will mit dem Thema abschließen, doch das könne sie erst, wenn ihr Stalker hinter Gittern sitzt. Er habe zwar seit Dezember nicht mehr vor ihrer Tür gestanden, denunziere sie aber noch immer im Internet. Der LZ liegen neben Kopien der Drohbriefe und Anklageschriften auch Fotos des Mannes vor, die ihn in Arztmontur zeigen.

Mit diesen Fotos war er in einer Dating-App angemeldet, wo er Lisa Gehring kennenlernte. „Da hat er sich als Anästhesist und Notarzt am Lüneburger Klinikum ausgegeben, er kam nett rüber“, erzählt sie. Hartnäckig sei er aber auch gewesen, habe auf ein Treffen bestanden. Lisa Gehring ließ sich überreden, beide tranken zusammen Kaffee. Etwa vier Wochen hielt die Schwärmerei an, fast täglich sahen sie sich.

Doch eines Tages kippte die Stimmung. „Wir saßen im Auto, haben darüber diskutiert, welcher Weg der schnellste sei. Da hat er einfach während der Fahrt die Handbremse gezogen und mich angeschrien.“ Da habe sie ihn aus dem Auto geworfen und ihm „lautstark“ deutlich gemacht, dass sie ihn nicht mehr sehen wolle. Gehalten habe er sich daran nicht.

Er habe ihrem Sohn in der Schule aufgelauert, ihre Eltern angerufen, ihren Müll durchwühlt. Als Lisa Gehring zur Polizei ging, „ist den Beamten die Kinnlade runtergeklappt, als ich den Namen nannte.“ Sie erfuhr: „Er ist einschlägig bekannt in Lüneburg und Umgebung und wird gesucht.“ Dank ihres Hinweises habe die Polizei seine Wohnung durchsucht und „neben Arzt­equipment auch den Generalschlüssel des Salzhausener Krankenhauses gefunden.“ Denn seine Arzt-Rolle habe er so weit getrieben, dass er gar einen Notarztwagen gestohlen hat.

Inzwischen weiß Lisa Gehring, dass sie nicht das einzige Opfer des Mannes war, bei mindestens fünf anderen Frauen habe er mit der Masche ebenfalls landen können. Es lägen Anzeigen in Brandenburg, Ratzeburg und Kiel vor. Zuletzt habe er vor drei Wochen in Norderstedt eine dort wohnende Frau verprügelt.

Heute macht sich Lisa Gehring selbst Vorwürfe, weil sie damals „so blind“ gewesen sei. Sie erinnert sich, dass sie sich an manchen Tagen unwohl gefühlt habe. „Manchmal war ich ganz benebelt.“ Sie dachte sich nichts weiter dabei, sondern ließ sich von ihrem Freund ein Medikament spritzen. „Ich kenne so viele Mitarbeiter am Lüneburger Klinikum, wieso habe ich nicht einfach mal nachgefragt?“

Dass sich ihr Bekannter als Arzt ausgab, zählt zu den Anklagepunkten des laufenden Strafprozesses. Der 30-Jährige soll sich unter anderem mehrfach in Arztkleidung auf unterschiedlichen Stationen des Städtischen Klinikums aufgehalten haben. Dietmar Hogrefe, Direktor des Amtsgerichts, nennt auf LZ-Nachfrage zudem das Führen eines Fahrzeuges ohne Fahrerlaubnis und Hehlerei als weitere Vergehen, die ihm zur Last gelegt werden. Er scheint unbelehrbar, denn schon im April 2016 war der Mann wegen Hehlerei, Fahrens ohne Fahrerlaubnis mit Kennzeichenmissbrauch und Verstoß gegen das Pflichtversicherungsgesetz zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt worden. Hogrefe sagt: „Parallel läuft derzeit ein Prozess gegen ihn vor dem Amtsgericht Lübeck mit ähnlichen Vorwürfen.“

Lüneburgs Polizeisprecher Kai Richter und seine Kollegen kennen den Mann ebenfalls gut. Es habe mehrmals strafrechtliche Ermittlungen gegen ihn gegeben, unter anderem wegen Verleumdung, Verletzung der Privatsphäre, Missbrauch von Titeln, Nachstellung, Fahren ohne Fahrerlaubnis und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr.

Lisa Gehring lebt weiter in Angst. Sie sagt: „Ich hoffe, dass das alles bald vorbei ist.“

▶ Der Fall der jungen Frau wird auch in der Sat.1-Sendung „Akte 2017“ thematisiert, die voraussichtliche Ausstrahlung ist am Dienstag, 4. Juli, 22.15 Uhr.

Von Anna Paarmann

Tipps der Polizei

Was tun bei Stalking?

▶ Dem Stalker unmissverständlich klarmachen, dass Sie keinerlei Kontakt wünschen.
▶ Informieren Sie Ihr Umfeld – Öffentlichkeit hilft.
▶ Bei einer akuten Bedrohung, wenn der Stalker Sie verfolgt oder in Ihre Wohnung eindringt, die Polizei per Notruf alarmieren.
▶ Dokumentieren Sie alles, was der Stalker schickt, mitteilt oder unternimmt.
▶ Persönliche Daten nicht über den Hausmüll entsorgen.
▶ Lassen Sie sich bei Telefonterror über technische Schutzmöglichkeiten (geheime Rufnummern, Fangschaltung, Zweitanschlüsse etc.) beraten.
▶ Wenden Sie sich an eine Opferhilfeeinrichtung.
Weitere Informationen gibt es auf www.polizei-beratung.de/opferinformationen/stalking/tipps im Internet.