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Eigentümer und Schiffsführer Henning Jahn lässt sein Schiff der Kategorie „Scharnebeck-Max“ durchs Hebewerk schleusen.

Der Kanal-Express zwischen Hamburg und Braunschweig

Hamburg/Scharnebeck. Das größte Binnenschiff, das auf dem Elbe-Seitenkanal fahren kann, verkehrt jetzt regelmäßig als Express-Schiff im Shuttleverkehr zwischen Braunschweig und Hamburg. Mit einer Länge von 99,86 Metern und einer Breite von 11,45 Metern gehört die „MS Hanse“ zu den sogenannten „Scharnebeck-Max“-Schiffen. Neben der maximalen Länge, die die Tröge des Schiffshebewerks zulassen, geht das Schiff auch in der Breite an die Grenze des Machbaren. So musste Schiffsführer und Eigentümer Henning Jahn (38) jetzt erneut Fingerspitzengefühl beweisen, als er seine „MS Hanse“ durch das ehemals weltgrößte Schiffshebewerk manövrierte.

Der Neubau „MS Hanse“ bewältigt die 179 Kilometer lange Strecke Hamburg-Braunschweig mit einer Transitzeit von weniger als 24 Stunden. „Das ist ähnlich schnell wie der Lkw“, sagt Heiko Tominski, Sales Manager der Deutschen Binnenreederei (DBR) in Hamburg, für die die „MS Hanse“ im Einsatz ist. Und mit jeder Fahrt spart das Schiff durchschnittlich 60 Lkw-Touren ein und der Treibstoff- und CO₂-Ausstoß wird im Vergleich zur Lkw-Transportleistung sogar um zwei Drittel reduziert, heißt es in einer Mitteilung der „Hafen Hamburg Marketing“. Die bisher eingesetzten Schubverbände müssen am Schiffshebewerk Scharnebeck getrennt und in zwei Teilen geschleust werden. Ein zeitaufwendiger Vorgang, der bei der „MS Hanse“ entfällt. Sie reduziert als Einzelfahrer die Schleusenzeit und damit auch die Transitzeit deutlich, heißt es.

Am Donnerstag hatte die Hanse-Crew in Hamburg ihre vorherige Ladung gelöscht und am Abend erneut 48 Container mit Doppellänge aufgenommen. Der Breite nach stehen vier Container-Reihen nebeneinander, üblich sind bei anderen Binnenschiffen eher drei. Und der Länge nach passen sogar sechs der 40-Fußcontainer auf die „MS Hanse“. Das Ganze zweilagig. Möglich wären sogar vier Lagen. Doch damit käme Jahn mit seinem Schiff unter den meisten Brücken auf der Route gar nicht mehr durch. In jedem Fall ist es buchstäblich ein weites Feld, das der 38-Jährige vom Führerhaus, seinem zweiten Wohnzimmer, vom Heck der „MS Hanse“ aus überblickt. Als er im Scharnebecker Unterhafen auf den Trog des Schiffshebewerkes zusteuert, ist er neben Kamera-Bildern auch auf die Kommandos zweier Mitarbeiter an Deck angewiesen, die ihn per Funk bei der Einfahrt lotsen. Es wird eng, rechts und links hat das Schiff im Trog nur noch gut 20 Zentimeter Luft.

Mehr als 15.400 Schiffe passierten 2016 das Schiffshebewerk

Es ist still im Führerhaus, Jahn konzentriert sich auf das rund 100 Meter entfernte Trogtor, der Bug seines Schiffes ist nämlich schon da. Ein Warnsignal ertönt: „Huii-huii-huiii“. Die Fenster werden kleiner, die Decke senkt sich, das ganze Führhaus sinkt ab, bis die Panorama-Aussicht auf einen Sichtschlitz in Höhe der Container-Oberkante zusammengeschrumpft ist. Langsam schiebt sich das breite Binnenschiff in den Trog. „Jo! Passt!“, sagt Jahn und nimmt die Funkkopfhörer ab. Binnenschifffahrt hat bei Jahn Familientradition, er ist die fünfte Generation in dem Berufsstand. Früher fuhr Jahn ein kleineres Schiff im Bereich Stade, meist Massengut. Jahn sagt: „Aber man sieht ja, dass die Containermengen zunehmen.“ Er investierte in den Neubau der „MS Hanse“.

Mehr als 15.400 Schiffe passierten 2016 das Schiffshebewerk. Mit zehn Millionen Güter-Tonnen waren die Ladungsmengen 2016 insgesamt leicht rückläufig. Der Transport der Standard-Container (TEU) von und nach Hamburg stieg aber um zwölf Prozent auf rund 120.000 TEU. Vor allem der Binnenhafen Braunschweig galt als ein Motor dieser Entwicklung. Die „MS Hanse“ bedient die Route von Hamburg über Elbe, Elbe-Seitenkanal und Mittellandkanal bis Braunschweig laut Jahn zunächst zweimal wöchentlich in jede Richtung. Die Schiffskategorie „Scharnebeck-Max“ ist eine Zwischenlösung, um die vorhandene Infrastruktur bestmöglich auszunutzen bis sie selbst erneuert wird. Bekanntlich sind im Bundesverkehrswegeplan rund 270 Millionen Euro für den Bau einer neuen Schleuse am Elbe-Seitenkanal geplant, damit künftig auch die längeren Schubverbände den Kanal passieren können.
Von Dennis Thomas