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Heiko Hecht (links) sieht dem G20 entspannt entgegen, durchaus genervt von den Sichereheitsmaßnahmen ist Anwohner Malte von Gottberg - hier vor den gut bewachten Messehallen. (Fotos: nh)

Leben in der Sicherheitszone

Hamburg. Heiko Hecht ist ein Fan des G20-Gipfels in Hamburg. „Diese Großstadt bietet genau die richtige Infrastruktur für ein solches Ereignis“, sagt der 39-Jährige Anwalt für Arbeitsrecht. Und das, obwohl gerade er besonders betroffen ist von den Sicherheitsmaßnahmen: Seine Kanzlei liegt am Kaiserkai, mitten in der Sicherheitszone der Elbphilharmonie – dort findet am Freitagabend ein Empfang für sie Staatsgäste statt. Am Neuen Wall, also in unmittelbarer Nähe, befindet sich ein weiteres Büro des Juristen. Der Standort ist in diesen Tagen besonders pikant: Genau gegenüber liegt das Hotel, in dem der türkische Präsident Recep Erdogan absteigen wird.

„Ich mache mir eine schöne Zeit mit meiner Familie“
Heiko Hecht, Anlieger

Am Messegelände und an der Elbphilharmonie stehen Kolonnen von Mannschaftswagen der Polizei, häufig eskortiert von Wasserwerfern. Über den Köpfen der Beamten zieht der Polizeihubschrauber seine Kreise. Besonders in den Abendstunden wirkt die Luft elektrisch geladen, wenn Gruppen von Polizisten mit schweren Schutzanzügen in Zweierreihen durch die Straßen patroullieren, vielleicht gleich eine unangemeldete Demonstration stoppen, vielleicht plötzlich Passanten kontrollieren – oder einfach vorbeiziehen. Kaum ein Ort auf diesem Planeten ist momentan so gesichert wie die beiden Bereiche in der Hamburger Innenstadt. Um die vielen Staatschefs ausreichend zu schützen, hat die Hamburger Polizei mehrere „Sicherheitszonen“ eingerichtet. In diesen Bereichen ist die Polizeipräsenz besonders stark, Büros und Wohnungen wurden im Vorfeld kontrolliert und Straßen gesperrt. Anwohner müssen ihre Ausweise permanent bereit halten.

Sicherheit dank Polizeipräsenz

Heiko Hecht macht sich wegen der Sicherheitsmaßnahmen keinen Kopf. „Die Kanzeleien sind ab Donnerstag geschlossen, ich mache mir eine schöne Zeit mit meiner Familie,“ erzählt der zweifache Vater. Dank der großen Polizeipräsenz der letzten Tage „fühlt man sich hier sehr sicher.“ In den Kanälen vor seinem Büro kurven Polizeiboote auf Patrouille, nach und nach werden Metallzäune aufgestellt, die Straßen für Autos gesperrt. Ein mulmiges Gefühl habe das ehemalige Mitglied der Hamburger Bürgerschaft nicht, „ich vertraue der Polizei komplett.“ Jeder Attentäter würde sofort ausgeschaltet werden, Demonstranten hätten keine Chance, seine Büros zu erreichen – „die müssten mit einem Boot kommen.“

Aufgrund der Nähe zu Erdogans Unterkunft habe die Polizei ihn bereits in seinem Büro besucht. „Geradezu erleichtert war der Beamte, als er erfuhr, dass wir das Büro über die Zeit dicht machen“, ansonsten hätten die Personalien von jedem, der ein- und ausgeht, festgestellt werden müssen. Insbesondere für Anwälte könne das ein Ärgernis werden, sagt er – denn die hätten „kein gesteigertes Interesse daran, wenn die Polizei jeden Mandanten dokumentiert“.

Natürlich bedeutet für Heiko Hecht eine außerplanmäßige Drei-Tage-Woche zusätzlichen Stress. „Wir müssen vorarbeiten.“ Dass das Büro trotzdem weniger Umsatz machen wird, nimmt Hecht ebenfalls gelassen hin. „Dann ist das halt so.“

Genervt von Sicherheitsmaßnahmen

Eher genervt von den Sicherheitsmaßnahmen ist der 34-Jährige Malte von Gottberg. „Wir haben seit drei Monaten rund um die Uhr Polizeibewachung vor dem Messegelände.“ Der Grafikdesigner wohnt am Eingang zum „Karolinenviertel“, innerhalb der „Sicherheitszone 2.“ Aktuell, wenige Tage vor dem Gipfeltreffen, sei die Situation recht ruhig. Allerdings war das nicht immer so: „Die Polizeimaßnahmen zu den 1.-Mai-Demos fand ich übertrieben, ich tippe, das sollte eine Übung für G20 sein.“

Unweit des Messegeländes befindet sich die „Rote Flora“, zum 1. Mai kommt es regelmäßig zu Ausschreitungen. „An dem Tag hatte ich gerade meinen Müll weggebracht, war nur kurz um die Ecke gegangen.“ Auf dem Rückweg stellten sich ihm zwei Beamte in den Weg, er sollte seinen Personalausweis vorzeigen, zum Glück hatte er ihn dabei. Doch nach der Kontrolle bekam er ihn noch nicht zurück. „Einer der beiden bestand darauf, mich bis zu meiner Haustür zu begleiten.“ Dort angekommen, behielt der Beamte den Ausweis immer noch ein: „Er befand es für besser, mich noch bis zu meiner Wohnung zu bringen.“ Das wurde von Gottberg schließlich zu viel, und auch der Kollege des Beamten schritt ein und entließ den 34-Jährigen in sein Heim. Trotzdem: „Das war nicht verhältnismäßig.“

„Ich verstehe bis heute nicht, warum der G20 in dieser Großstadt stattfindet.“
Malte von Gottberg, Anwohner

Kurz vor dem G20-Gipfel sei das Gerücht umgegangen, dass Anwohner während des Gipfeltreffens noch nicht mal aus dem Fenster schauen dürften, erzählt von Gottberg. Solche Märchen wurden aber mithilfe einer Infobroschüre, die vor einigen Wochen an die Haushalte ging, zunichte gemacht. Allerdings seien Besuche von Gästen in den Wohnungen „nur mit konkretem Interesse“ erlaubt, erfuhr er – „Keine gute Zeit für Hauspartys“, sagt er schmunzelnd. Im Gegensatz zu vielen anderen bleibt Von Gottberg während des G20 in seiner Wohnung. „Aber wenn es zu doll wird, gehe ich zu Freunden oder meinen Eltern.“

Weniger Kontrollen als erwartet

Ein mulmiges Gefühl, Angst vor Ausschreitungen oder gar einem Terroranschlag hat er jedoch nicht. Er ist eigentlich nur genervt. „Die Polizeipräsenz nervt. Die Absperrungen nerven, das permanente Hubschraubergeschrabbel nervt“, zählt er auf. Auch, dass die Polizisten wohl auch andere Aufgaben wahrnehmen, als sie eigentlich haben. „Ich habe erfahren, dass sie auch Fahrräder auf ihr intaktes Licht überprüfen, das ist hier nicht ihr Job.“ Allerdings hätte er damit gerechnet, dass er im Vorfeld häufiger kontrolliert werden würde, vielleicht auch die Wohnung untersucht wird.

Dass der G20-Gipfel in der Hansestadt stattfindet, hält der gebürtige Hamburger für eine „Schwachsinnsidee“. „Ich verstehe bis heute nicht, warum der in dieser Großstadt stattfindet.“ Er befürwortet zwar, dass sich die Staatschefs treffen und über globale Probleme diskutieren, aber warum hier und nicht in einem kleineren Ort, der sich besser überschauen lässt? „Das hier ist ein Riesenkostenaufwand, und dann auch noch in einem so links-orientierten Viertel.“ Sein Tipp, um die Zeit gut zu überstehen: „Ein Ausweis mit gültiger Adresse wäre von Vorteil.“

Von Robin Williamson