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Roland und Ute Siewert vom DLRG warnen eindringlich vor dem Baden in der Elbe. "Die Schwimmer begeben sich in Lebensgefahr!", erklären sie. Foto: t&w

Die Elbe und ihre Gefahren

Alt Garge. Jetzt, im Sommer, gehen Ute und Roland Siewert aus Alt Garge jeden Tag schwimmen. 1000 Meter im Becken des nahen Waldbades, manc hmal auch mehr. Dort die Bahnen zu ziehen, ist ihr täglicher Ausgleich. Noch näher als das Schwimmbad fließt die Elbe, ihr Haus – mit der idyllischen Adresse „Am Park“ – liegt nur etwa 200 Meter vom Ufer entfernt. Dennoch kämen Siewerts als Mitglieder der Deutschen Lebensrettungs Gesellschaft (DLRG) nicht auf die Idee, ihr tägliches Bad im Fluss zu nehmen. „Zu gefährlich“, lautet das Urteil des engagierten Ehepaares.

Denn viele unterschätzten die Gefahren des Stromes, im Landkreis Lüneburg sind vergangenes Jahr ein 44-jähriger Mann und ein Student aus Korea darin ertrunken. Nach DLRG-Informationen seien 36 Personen aus Deutschland in den letzten zwei Jahren in dem Fluss umgekommen. „Das Waldbad wurde ja vor über 40 Jahren dafür extra dafür gebaut, damit die Leute nicht mehr in der Elbe schwimmen“, erinnert sich Ute Siewert. Damals war die Zahl der Ertrunkenen deutlich größer. Viele Gefahren lauern in dem Wasser: Die Strömung, die Temperatur und der Schiffsverkehr sind nur einige davon (siehe Infokasten). „Außerdem können immer weniger Menschen sicher schwimmen“, berichtet Roland Siewert.

Mit Leidenschaft beim DLRG

Um das zu ändern, sind der 59-Jährige mit dem blonden, vollen Haar und seine drei Jahre jüngere Frau aktiv in der Schwimmerausbildung. Sie bringt Kindern und Jugendlichen in der Hauptschule Bleckede das Schwimmen bei, auch an der Volkshochschule gibt sie Kurse. Er kümmert sich um den Rettungsschwimmernachwuchs, jedes Jahr leitet er einen zweiwöchigen Lehrgang, mit Theorie- und Praxisteilen. „Halbwegs geübte Schwimmer sollten mit dem Rettungsschwimmabzeichen in Bronze wenig Probleme haben.“ Schwieriger werde es später mit Silber und Gold. „Gold habe ich vor Jahren mal gemacht, als ich noch fitter war.“ Die Prüfung hat es in sich – 300 Meter schwimmen mit Kleidung und anschließendes Entkleiden (im Wasser) ist nur eine der vielen Aufgaben. Aber letztlich lebensrettend: Roland Siewert musste einmal einen erschöpften Schwimmer aus der Elbe ziehen, „das war ganz schön schwer, völlig Entkräftete sind etwa doppelt so schwer aus dem Wasser zu ziehen wie Andere.“

Für den Sparkassenangestellten und seine Frau ist die ehrenamtliche Arbeit im DLRG eine Herzenssache, ein zentraler Inhalt ihres Lebens. Wenn sie darüber reden, erzählen die beiden ansonsten eher norddeutsch-reserviert wirkenden Eheleute mit Leidenschaft und vielen Details. Etwa, dass sie eigentlich über die Kinder vor ungefähr 20 Jahren in den Verein hineingerutscht sind, darin dann immer mehr Verantwortung übernommen haben. Dass sie sich über mehr Nachwuchs im Verein freuen würden. Und wie aufregend eine Fahrt im DLRG-Boot ist, dessen Kosten sich die Ortsgruppe Alt Garge mit der in Dahlenburg teilt. Damit können die Mitglieder des Vereins auch den Rettungsbootführerschein erwerben. Zu einem Notfall ausrücken musste die „Nivea 58“ bisher noch nicht – „zum Glück“, wie Siewerts sagen.

Reizvoller Ort mit Geschichte

In Alt Garge wohnen sie gerne – sie wurde schon in dem Ort bei Bleckede geboren, er ist später dazugezogen. „Natürlich ist die Gegend hier sehr reizvoll“, erzählt er, doch die Nähe zum Wasser wurde ihnen immer wieder zum Verhängnis: In den Jahrhunderthochwassern krochen Fluten bis vor die Haustüren, nur dank des davor gelegenen Geländes des ehemaligen Porenbetonwerkes waren sie halbwegs geschützt.

In der Jugend der gebürtigen Alt Gargerin drohten von der anderen Uferseite aber noch ganz andere Gefahren: Dort erhoben sich die Grenztürme der DDR. Eine Mutprobe war es damals, von der westlichen Seite aus möglichst weit an das Land des real existierenden Sozialismus zu schwimmen, vielleicht sogar die Elbe komplett zu durchqueren. Ein Bekannter der Siewerts sei dort von Volkspolizisten aufgegriffen worden und lange Zeit gefangen gehalten. Zum Glück sind diese Zeiten vorbei. Als Mutprobe ist das Durchschwimmen der Elbe aber noch immer ungeeignet.

Strömung wird unterschätzt
Roland und Ute Siewert kennen viele Gründe, weswegen niemand in Elbe bei Bleckede schwimmen sollte:

▶ Fehlende Abkühlung: Oft gehen Schwimmer im erhitzten Zustand ins Wasser. Schlimmstenfalls führt das zu einem Atemreflex, bei dem sie Wasser schlucken

▶ Unterschätzte Strömung: Der kräftige Elbstrom zieht Schwimmer flussabwärts. Viele geraten dann in Panik und schwimmen dagegen an – das raubt Kräfte und führt zum Ertrinken. Sich treiben lassen ist das bessere Verhalten.

▶ Besonders an den Buhnenköpfen können sich Strudel bilden und Schwimmer nach unten ziehen

▶ Viel Verkehr: Schnellboote und Schiffe fahren die Elbe entlang, eine Kollision kann schlimme Folgen haben

▶Helfen kann den in Not geratenen Schwimmern der DLRG meistens nicht mehr. „Hier gibt es in der Regel keinen Wachdienst.“ Einsatzkräfte kommen nicht rechtzeitig, zudem macht das trübe Wasser der Elbe die Rettung schwierig.

Von Robin Williamson