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Marie Bianca Exner (l.) und Paula Kamilla Schomerus wollen die Zustände in ihrem Studium nicht mehr länger hinnehmen. Foto: phs

Kritik am Studiengang GHR 300

Lüneburg. Drei Jahre ist es her, dass der neue Master für angehende Lehrer erstmals angeboten wurde. Mittlerweile durchläuft der dritte Jahrgang den Studiengang „GHR 300“. Zufrieden sind die wenigsten. Paula Kamilla Schomerus hat 2014 gemeinsam mit rund 250 anderen Studenten begonnen. Die wesentlichen Änderungen: Statt zwei dauert das neue Programm vier Semester, außerdem ist eine fünfmonatige Praxisphase vorgesehen. Der Grundgedanke, dass die Studenten frühzeitig mehr praktische Erfahrungen sammeln, sei nicht schlecht, findet die 28-Jährige, doch die Umsetzung dafür mangelhaft. So müssten manche Studenten für den Unterricht weit fahren, die Kosten dafür selbst tragen. Die Qualität leide.

Der Master sieht vor, dass die Studenten mindestens drei Tage pro Woche in der Schule verbringen, sie auch Unterricht selbst gestalten. Dabei stehen ihnen Mentoren, also Lehrer, die an der Schule tätig sind, und Dozenten von der Uni zur Seite. Das erste Problem habe sich schon bei der Verteilung der Studenten auf die Schulen aufgetan, argumentiert auch Marie Bianca Exner (24), die im 4. Semester Deutsch und Kunst studiert. „Manche von uns mussten nach Buchholz oder Buxtehude, während Schulen in Lüneburg komplett ohne Praktikanten geblieben sind.“ Die „extremen Fahrtzeiten“ seien ebenso ein Problem, wie die Kosten, die man nicht mit dem Semesterticket lösen könnte.

Die 24-Jährige hat im Gegensatz zu vielen anderen Glück, sie konnte mit einer Lehrerin nach Luhdorf zur Schule pendeln. „Für den Bus ab Winsen hätte ich sonst täglich zwischen 4 und 6 Euro zahlen müssen.“ Die Problematik mit den Fahrtzeiten sieht auch Prof. Dr. Pierangelo Maset vom Institut für Kunst, Musik und ihre Vermittlung. „Die unterschiedliche Verteilung führt zu einer ungleichen Behandlung der Studenten, manche müssen zwei bis drei Stunden Anfahrt auf sich nehmen.“

Auch die Dozenten würden darunter leiden. Schließlich müssten sie zu Unterrichtsbesuchen anreisen, auch seien im Anschluss an den Schultag Reflexionsgespräche geplant. Paula Kamilla Schomerus: „Das beeinflusst die Qualität des Besuchs. Für die Lehrenden ist das eine hohe Belastung, wenn sie an einem Tag drei verschiedene Schulen abklappern müssen.“ So seien zahlreiche Nachgespräche einfach ausgefallen, „weil der Dozent weiter musste“.

Maset weiß, dass der neue Master stärker auf die Forschung ausgelegt werden und zu einer engeren Verzahnung mit den Schulen führen sollte. „Das funktioniert natürlich nicht, wenn die Studenten nicht an Forschungsschulen kommen.“ Stattdessen würden Dozenten bei schlechtem Wetter am Bahnhof stehen, um sich im Anschluss „im besten Fall eine Bastelarbeit anzugucken“. Im aktuellen Durchlauf sei nicht ein einziger Praktikant im Fach Kunst an einer Lüneburger Schule.

Keine Zeit für freie Entfaltung und eigene Projekte

Marie Bianca Exner hat das erlebt, ihre Mentorin unterrichtet Kunst, hat das Fach aber nicht studiert. „Dann ist überhaupt kein Austausch möglich“, kritisiert sie. Teilweise sei sie mit ihren Ideen sogar angeeckt, weil das Verständnis dafür gefehlt habe. Auch seien die ohnehin wenigen Kunststunden so eng getaktet, dass keine Zeit für freie Entfaltung und eigene Projekte bleibe. Schomerus weiß: „Bei einigen Kommillitonen hat der Stress, der durch das Praktikum verursacht wurde, fast zu einem Burnout geführt.“

Dass diese Erfahrungen die Lust aufs Lehrersein beeinträchtigen, glaubt Hagen Steffel, Dozent im Fach Kunst. „Ich halte es für extrem unglücklich, dass so ein Leistungsdruck aufgebaut wird.“ Das Praktikum gleiche schon fast einem Referendariat, nur dass es unter deutlich schlechteren Bedingungen ablaufe. Bei Paula Kamilla Schomerus hat die Praxiszeit zu erheblichen Zweifeln geführt. „Ich überlege mir gerade sehr gut, ob ich mich diesen Strukturen unterwerfen möchte.“
Von Anna Paarmann

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3 Kommentare

  1. Die Seite hat mal wieder zwei Medaillen. Die erste ist natürlich, dass das Leuphana-Programm mal wieder schlecht umgesetzt worden ist, das ist ja mittlerweile Gang und Gäbe. Auf der anderen Seite sollten die Studierenden sich mal überlegen, ob sie den richtigen Job gewählt haben, wenn sie schon mit solchen Gegebenheiten in die Richtung eines Burn-out rennen. Was sollen erst „normale“ Arbeitnehmer sagen?
    Ich stelle diese Thesen einfach mal zur freien Diskussion bzw. zum Nachdenken…

    • Silversurger
      der gute hält es aus, um den schlechten ist es eh nicht schade, meinen sie das?

  2. Ich kann diesem Artikel und dem Sentiment der beiden Studentinnen nur bedingt zustimmen. Ich bin selbst GHR300 Studentin und habe das Praktikum absolviert. Natürlich ist das Pendeln anstrengend und, ja, die Wege sind teilweise lang, die Verteilung auf die Schulen teilweise suboptimal – aber es ist nun mal auch nicht möglich 18 Studierende an eine Schule zu stecken, nur damit keiner einen weiten Weg auf sich nehmen muss. Übersehen wird dabei, wie viel Praxiserfahrung wir über die 18 Wochen des Praktikums sammeln können – in einem noch geschützten Rahmen; das ist beim Referendariat nicht mehr so. Ich kennen außerdem viele Studierende, die tolle Praktikumserfahrungen gemacht haben. Aus meiner Sicht berichtet dieser Artikel entsprechend sehr einseitig…