Donnerstag , 15. November 2018
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Nicolaus Wilhelm Othmar nimmt Abschied von seinem Wagen – und seinem Leben als aktiver Autofahrer. Foto: t&w

Nie wieder Auto fahren

Lüneburg. „Ich sollte kein Auto mehr fahren.“ Der Gedanke geht Nicolaus Wilhelm Othmar zum ersten Mal durch den Kopf, als er gerade 90 geworden ist. Eigentlich fühlt er sich noch nicht als Senior mit Fahrschwächen, der Postdirektor im Ruhestand ist für sein Alter topfit, auch beim Fahren läuft alles reibungslos – kein Unfall, keine Beinahe-Kollision, kein Schreckmoment. Trotzdem kreisen seine Gedanken nun immer häufiger um das Thema. „Bin ich noch fähig zu fahren?“, „Reagiere ich schnell genug?“, „Was, wenn ich einen Unfall baue?“ Sechs Monate ringt er mit sich, dann ist Nicolaus Wilhelm Othmar entschlossen: Er wird nie wieder in seinem Leben ein Auto fahren.

„Ich weiß, dass die Entscheidung richtig gewesen ist und dass wir ohne Auto nicht weniger unternehmen werden als mit.“
Nicolaus Wilhelm Othmar

Den Wagen schenkt Othmar seinem Sohn, als der ihn abholt, stehen der 90-Jährige und seine Frau Marianne auf dem Parkplatz der Lüneburger Seniorenanlage und winken. Sie weint dabei, er lächelt, obwohl auch ihm das Herz schwer ist. „Ich weiß, dass die Entscheidung richtig gewesen ist“, sagt er, „und ich weiß, dass unsere Kinder uns fahren werden, dass wir ohne Auto nicht weniger unternehmen werden als mit.“ Doch in dem Moment geht es nicht allein darum. Als der Wagen vom Hof rollt, ist Nicolaus Wilhelm Othmar plötzlich bewusst, wie alt er geworden ist, dass es ein Abschied nicht nur vom Autofahren wird.

Kreis: Freiwillige Führerscheinabgabe eher selten

Der eigene Wagen bedeutet gerade im Alter für viele Menschen Freiheit, die aufzugeben, fällt schwer. So schwer, dass manche Senioren vom Autofahren nicht lassen wollen – auch dann nicht, wenn die Fahruntüchtigkeit offenkundig ist. Zahlen darüber, wie viele Menschen im höheren Alter ihren Führerschein freiwillig abgeben, erfasst der Landkreis Lüneburg nicht. „Doch aus Erfahrung können wir sagen, dass das sehr selten vorkommt“, sagt Kreissprecherin Katrin Holzmann. Häufiger passiert es, dass die Behörde ältere Bürger zwingt, den Führerschein abzugeben. Und dafür nicht selten einen monatelangen Streit führen muss (LZ berichtete).

Nicolaus Wilhelm Othmar wollte verhindern, dass es eines Tages so weit kommt. Als Postdirektor hat er in seiner Berufslaufbahn mehr als 3800 Verkehrsunfälle bearbeitet, „ich weiß, wie schnell etwas passieren kann“. Und auch er kennt die Zahlen der Unfallstatistiken, die darauf hindeuten, dass ab einem Alter von 70 Jahren die Anzahl von Unfällen aufgrund von Fehlverhalten des Fahrers zunimmt. Othmar selbst hat in den letzten 70 Jahren keinen einzigen Unfall gebaut, nur zwei unverschuldete Kollisionen und ein paar Strafzettel für zu schnelles Fahren kassiert. Eine Autofahrer-Karriere, auf die der 90-Jährige stolz ist – und bleiben wird. Denn auch wenn er den Führerschein lieber in seine Lebenserinnerungen klebt, als ihn beim Landkreis abzugeben, „hinters Steuer werde ich mich nie wieder setzen“, versichert er.

Letzte Fahrt in ein Café

Den Führerschein gemacht hat Nicolaus Wilhelm Othmar 1945, er war gerade 18, hatte als Hilfsarbeiter in Hamburg angeheuert und brauchte die Lizenz zum Fahren des kleinen Lastwagens. Später besaß Othmar eigene Autos, „wunderschöne Wagen, vor allem große Audis und zuletzt den hochgebockten Golf“, er machte mit seiner Frau Touren durch Deutschland, Polen, Belgien, Holland, fuhr Tausende Kilometer. „Autofahren gehörte zu unserem Leben“, sagt er. Die Plätze des Ehepaares dabei immer gleich verteilt: Sie auf dem Beifahrersitz, er am Steuer.

Genauso war es auch bei der letzten gemeinsamen Fahrt ihres Lebens – zum Nachmittags-Café ins Forsthaus Rote Schleuse. Vielleicht wird Nicolaus Wilhelm Othmar über diesen Tag in seinen Lebenserinnerungen schreiben, für seine Kinder und Enkel festhalten, wie schwer es fällt, das Autofahren aufzugeben – und warum es trotzdem eines Tages sein muss. Mit 90 hat er die Entscheidung selbst getroffen. „Und ja, das tat und tut weh“, sagt er. Aber auch mit 90 habe man Verantwortung. Für sich und für andere.

Von Anna Sprockhoff