Donnerstag , 22. Februar 2018
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Naturwälder werden aus der Bewirtschaftung herausgenommen und sich selbst überlassen. Unter anderem steigt damit der Totholzanteil, was sich wiederum positiv auf die Artenvielfalt auswirkt. Foto: phs

Amt Neuhaus: Ein Dorado der Vielfalt entsteht

Göhrde/Amt Neuhaus. Die Fahrt ins Paradies erfordert ein geländegängiges Auto und vor allem Ortskenntnis: Gut, dass Revierförster Torsten Buchholz über beides v erfügt. Meterhohes Gras hat die Waldwege überwuchert. Dazu ist der Boden durch tagelangen Dauerregen extrem aufgeweicht. Pfützen und kleine Tümpel haben sich gebildet – der ideale Lebensraum für Libellen, aber auch für unzählige Fliegen, Mücken, Bremsen und andere, weniger angenehme Insekten. Aufgeregt umschwirren die jetzt die Köpfe der Waldbesucher. Doch Torsten Buchholz scheint das nicht zu stören. Oder er ist den Sturzflug der kleinen Blutsauger inzwischen gewohnt.

Seit gut einem Jahr ist er der Förster der Revierförsterei Grünenjäger, gelegen im äußersten Zipfel der Gemeinde Amt Neuhaus. Mit 3500 Hektar ist sie die größte Försterei in der Landesforst. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit: Ein Teil der Waldflächen wird aus der waldbaulichen Nutzung herausgenommen, um sie künftig der natürlichen Entwicklung zu überlassen.

„Insgesamt handelt es sich um 1002 Hektar, auf denen die Natur wieder ihre eigene Dynamik entwickeln darf und soll“, erklärt Dr. Uwe Barge, Leiter des Forstamtes Göhrde, zu dem auch die Revierförsterei Grünenjäger gehört. Über die Fläche hatte Dr. Barge bereits im September vergangenen Jahres einen entsprechenden Vertrag mit Prof. Dr. Johannes Prüter, dem Leiter der Biosphärenreservatsverwaltung (BRV) geschlossen. „Die ausgewählten Flächen der natürlichen Waldentwicklung repräsentieren typische Standorte unseres Raumes,“ betonte Prof. Dr. Prüter damals: „Sie werden eine Grundlage bilden für die Ausweisung von Kernzonen im Biosphärenreservat.“ Dies sei ein wichtiger Schritt für die weitere Anerkennung des Gebietes durch die UNESCO. Schließlich ist das Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue der niedersächsische Beitrag zu dem von der UNESCO anerkannten länder–übergreifenden Biosphärenreservat „Flusslandschaft Elbe“.

„Insgesamt handelt es sich um 1002 Hektar, auf denen die Natur wieder ihre eigene Dynamik entwickeln darf und soll.“
Dr. Uwe Barge, Leiter des Forstamtes Göhrde

Doch bevor sich die Natur auf den 1002 Hektar gänzlich ungestört entwickeln kann, müssen zunächst noch einige waldbauliche Fehler aus der Vergangenheit korrigiert werden. So wurden etwa noch zu Zeiten der DDR jede Menge Sitka-Fichten im Revier der Försterei Grünenjäger gepflanzt. Eine Baumart, die erst seit Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland forstlich angebaut wird und ihren Ursprung im äußersten Westen Nordamerikas vom südlichen Alaska bis Nordkalifornien hat. Die Sitka-Fichte kommt zwar bestens mit großen Niederschlagsmengen zurecht, allerdings muss der Boden tiefgründig und locker sein. „Staunässse mag die Sitka-Fichte überhaupt nicht, da reagiert das Wurzelwerk sehr empfindlich“, erklärt der Forstamtschef. Doch gerade an ihrem Standort in der Revierförsterei Grünenjäger haben die Sitka-Fichten mit der Staunässe zu kämpfen.

Kontrollgang auf der Aufforstungsfläche, auf der die Sitka-Fichte bereits gefällt wurde (v.l.): Torsten Buchholz, Dr. Uwe Barge und Betriebsdezernent Andreas Möhring.

Um wieder Platz für heimische Baumarten zu schaffen, werden deshalb die Nadelbäume gefällt, die entstehenden Freiflächen durch Flatterulme, Eiche und zum Teil auch durch Buchen wieder aufgeforstet. Baumarten, die dem Standort nicht nur deutlich besser angepasst sind als die Sitka-Fichte, sondern auch wieder eine naturnahe Entwicklung ermöglichen. So fühlt sich zum Beispiel die Flatterulme auf feuchten Böden am wohlsten, verträgt selbst Überschwemmungen von mehreren Wochen.

„Insgesamt sind es gut 70 Hektar, die wir in den nächsten Jahren im Auftrag des Landes umbauen werden“, berichtet Dr. Uwe Barge – wohlwissend, dass er und seine Kollegen damit den Grundstock für einen Wald legen, der nicht mehr der Holzgewinnung, sondern ausschließlich der Natur dienen wird. Kosten dieser Aktion pro Hektar: „Zwischen 10 000 und 20 000 Euro“, verrät Forstamtsleiter Dr. Barge.

Die Jagd allerdings wird auch künftig im naturnahen Wald notwendig sein, oder wie es Dr. Barge beschreibt: „Wir werden uns auf diesen Flächen auch zukünftig um landeskulturell angepasste Wildbestände kümmern müssen, um so eine ökologische Waldentwicklung zu ermöglichen. Unser gemeinsames Ziel ist es nämlich, die naturschutzfachlichen Schätze für nachfolgenden Generationen zu erhalten.“

Dafür nehmen Förster Torsten Buchholz und seine Kollegen während ihrer täglichen Arbeit im Wald den Angriff der Mücken und anderer kleiner Quälgeister gerne in Kauf . . .

Von Klaus Reschke

Naturwald im Kreis

Mit 106 Naturwäldern und einer Fläche von rund 4500 Hek–tar nimmt Niedersachsen deutschlandweit einen der vorderen Plätze bei der Ausweisung von Naturwaldreservaten ein. Nahezu 90 Prozent der Naturwälder liegen in den Niedersächsischen Landesforsten.

Im Landkreis Lüneburg sind es vor allem die Revierförstereien Busschewald mit der Bennerstedt (zwischen Scharnebeck und Brietlingen) sowie jenseits der Elbe Grünenjäger und Falkenhof in der Gemeinde Amt Neuhaus mit ihren Flächen an der Rögnitz, die Teile ihrer Forst der natürlichen Waldentwicklung überlassen müssen. Aber auch im Bienenbütteler Ortsteil Grünhagen und im Süsing entstehen Naturwald-Areale. Konkret heißt das: kein Holzeinschlag, keine Pflege. Auch am Rande des Naturschutz- und Natura-2000-Gebietes „Barnstedt-Melbecker Bach“ entsteht auf einer landeseigenen, knapp 3,5 Hektar großen Fläche ein Naturwald.

Dort finden sich bereits in der feuchten Niederung des Barnstedt-Melbecker Baches Röhrichte und Erlen-Bruchwald. Zusammen mit einem alten Eichen-Mischwald auf dem angrenzenden Geesthang soll sich dieser Bereich in Zukunft ohne weiteres Eingreifen des Menschen entwickeln. Insgesamt sollen zehn Prozent des Landeswaldes der natürlichen Entwicklung überlassen werden. 2013 lag die Quote bei 5,1 Prozent. kre

One comment

  1. Ein kleines Zeichen der Hoffnung, weiter so!