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Zwei Frauen, die voll im Leben stehen: Heide Bock (l.), 77, ist drei Mal Weltbestzeit in ihrer Altersklasse gelaufen, Brigitte Halenta, 80, hat in den letzten 16 Monaten fünf Romane veröffentlicht. Foto: phs

Zwei Freundinnen auf Abenteuerreise: „Altsein bedeutet Freiheit “

Lüneburg. Als Freundinnen wollten sie noch etwas erleben: Heide Bock, 77, Marathonläuferin aus München. Und Brigitte Halenta, 80, Schriftstellerin aus Lübeck. G emeinsam wagten sie das „Abenteuer Alter“ und starteten am 10. Juni in München eine etwas andere Reise nach Lübeck. Ihr Konzept: Heide Bock läuft täglich 20 Kilometer, Brigitte Halenta liest jeden Abend 20 Seiten aus ihrem Buch „Die Breite der Zeit“. Ihr Ziel: Gemeinsam Spaß haben – und dabei das gängige Altersbild in der Gesellschaft verändern. Heute, am 35. Tag ihrer Reise, machen die Freundinnen Station in Lüneburg, um 20 Uhr liest Halenta im Alten Kaufhaus aus ihrem Buch. Redakteurin Anna Sprockhoff traf die beiden Frauen vorab in Hitzacker – und sprach mit ihnen über Alter, Leben und Tod.

Interview

Wie sind Sie auf die Idee für diese Tour gekommen?
Brigitte Halenta: Heide und ich haben uns vor mehr als 45 Jahren in Ausbildungsgruppen kennengelernt. Damals haben wir Rollenspiele gemacht, dabei auch alte Frauen gespielt und uns geschworen: So wollen wir nie werden. Wir nahmen uns vor, mit 70 irgendwas Tolles zu machen. Nun bin ich 80 und Heide ist 77 – es wurde also Zeit. Doch die Frage war: Wie kriegen wir unsere Interessen zusammen? Da Heide immer laufen muss, meinte ich zu ihr, dann kannst du ja von München nach Lübeck laufen. Ich weiß noch, wie wir in meinem Wohnzimmer saßen, du Heide, auf der roten Couch und die Frage aufkam: Wie viel kannst du denn am Tag laufen?
Heide Bock: Und ich habe gesagt: 20 Kilometer. Wir haben einfach gesponnen. Im ersten Moment haben wir nicht gedacht, dass das alles realisierbar ist. Aber je weiter wir fantasiert haben, desto klarer wurde: Wir machen das!

Das Motto Ihrer Reise ist ein Zitat aus Ihrem Buch, Frau Halenta: „Altsein ist wie Jungsein eine ganz besondere Art, in der Welt zu sein.“ Warum sollten sich junge Frauen aufs Alter freuen?
Halenta: Altsein bedeutet Freiheit. Sie können sich ja fast alles leisten . . .
Bock: . . .alles sagen . . .
Halenta : Ich kann zum Beispiel hemmungslos mit jungen Männern flirten, es hat keinerlei Folgen, macht nur Spaß.

. . . andere könnten lästern.
Halenta: Na und? Ich meine, dass ich keine konkreten Folgen fürchten muss, der Mann wird nicht aufstehen und sagen: Nun komm mal mit! Ich habe meine psychotherapeutische Praxis 2010 aufgegeben und fühle seitdem eine unheimliche Freiheit, das tun zu können, was ich will. Wenn Sie sich im Alter nicht einkapseln, nicht denken, dass es sich für eine Frau in Ihrem Alter nicht gehört, mit jungen Männern zu flirten, dann haben Sie unbegrenzte Möglichkeiten, mit dem Leben zu spielen.

Ist es das, was besser ist am Altsein als am Jungsein?
Halenta: Wenn Sie jung sind, dann müssen Sie noch so viel, strampeln sich ab. Alles ist so furchtbar ernst, mit jedem Mann, mit dem es nicht klappt, geht die Welt unter. Das hört nachher alles auf, Gott sei dank! Sie sind viel unabhängiger, man kann die Dinge anders einordnen, mit mehr Gelassenheit sehen und vor allem mit Humor.

Und was am Jungsein sehnen Sie zurück?
Halenta: Ich vermisse die größere körperliche Belastbarkeit. Und Heide, wenn du schon mit 30 das Laufen entdeckt hättest, wärst du einen Weltrekord nach dem nächsten gelaufen.
Bock : Da hätte ich aber auch größere Konkurrenz gehabt. Jetzt bin ich alt und kann laufen wie ich will, ich komme immer aufs Treppchen. Das ist herrlich. Keiner kommt und gefährdet mich. In Deutschland gibt es noch eine echte Konkurrentin. Aber die muss es auch geben, sonst macht es keinen Spaß. Ehrlich? Ich vermisse nichts am Jungsein.

In Ihrem Tour-Blog ist zu lesen, dass Sie seit 60 endlich das tun, was Sie glücklich macht: Marathon laufen und Bücher schreiben. Warum so spät?
Halenta: Ich habe immer schon geschrieben, mich aber nie um Veröffentlichungen gekümmert. Wenn ich das mit Anfang 20 getan hätte, wäre ich da so reingerutscht. Wenn Sie das mit 60 versuchen, können Sie es eigentlich gleich lassen. Die Verlage wollen junge Autoren, die sie aufbauen können, keine 60-Jährige. Und da sind wir schon bei dem latenten Altersrassismus unserer Gesellschaft.
Bock: Ich wusste gar nicht, dass ich ein Talent zum Laufen habe, bis ich mit 60 durch Zufall damit angefangen habe. Wie gut ich darin bin, haben mir dann erst andere erzählen müssen.

Bereuen Sie, dass der Schritt erst so spät kam?
Halenta: Nein. Ich habe sehr früh drei Kinder bekommen, dann war ich getrennt . . . Ich musste Geld verdienen, eine Entscheidung treffen. Für mich persönlich war es auch nicht zu spät mit dem Schreiben, für meinen Erfolg als Autorin schon.
Bock: Ich hatte da schon ein Nachholbedürfnis. 60, das war spät für mich. Ich hätte gerne in jüngeren Jahren angefangen mit dem Laufen. Dafür habe ich dann alles reingelegt ins Laufen. Und herausgekommen sind sehr schnelle Zeiten.
Halenta: Hätte Heide das Laufen nicht entdeckt, würde ihr etwas fehlen, da bliebe immer eine gewisse Unzufriedenheit. Alter ist eine wunderbare Zeitspanne, um das zu vervollkommnen, was es noch zu vervollkommnen gibt im Leben. Vorher ist man sehr viel mehr außengelenkt, folgt dem Bild, das man von sich selbst hat und versucht so zu sein, wie eine junge Frau in der eigenen Vorstellung zu sein hat. Später kann man das alles ad acta legen und sich fragen: Was ist denn eigentlich meins?

Sie bezeichnen sich als „Repräsentantinnen eines neuen Bildes vom Alter“. Was ist das Neue daran?
Halenta: Die hundertprozentige Teilnahme am Leben. Alter wird im Kopf gemacht. Wenn Sie sich sagen, für mich ist das Leben jetzt gelaufen, wenn Sie keine Pläne mehr machen, keine Zukunft mehr sehen, dann sind Sie auf dem absteigenden Ast. Alter braucht Zukunft.

Was sind Ihre Zukunftspläne?
Halenta: Mein nächstes Buch.
Bock: Mein nächster Marathon.
Halenta: Im Alter ändert sich gar nicht so viel. Für die Jungen ist Alter ein Defizitmodell, man sieht nur das, was alles verloren scheint. Dabei kann ich für mich nicht sagen, dass ich so viele Defizite hätte. Ich ziehe mich so an wie immer, ich schminke mich wie immer, ich mache dieselben Sachen wie immer. Klar, ich habe ein paar mehr Falten. Aber die tun nicht weh. Und ich brauche mehr Erholung, gehe ein bisschen langsamer, seit ich eine neue Hüfte habe.

In welchem Moment fühlten Sie sich das erste Mal alt?
Halenta: Ich sorge dafür, dass ich so etwas nicht denke, sonst werden das noch selbsterfüllende Prophezeiungen.↔
Bock: Ich denke, dass solche Momente kommen. Die Frage ist, wie ich damit umgehe. Lasse ich mich unterkriegen oder sage ich: Ja, das ist jetzt so und nun arbeite ich aktiv weiter an der Zukunft.
Halenta: Das Wort Alter steht doch heutzutage für eine riesige Zeitspanne. Und die Zeit, in der Sie auf Hilfe angewiesen sind, Ihren Haushalt nicht mehr alleine führen können, vielleicht die große Wohnung verlassen, ist relativ klein. In Deutschland sind die Menschen 97 Prozent ihrer Lebenszeit nicht auf Pflege angewiesen, das ist ein harter Fakt. Das weit verbeitete Bild von Alter gilt also nur für drei Prozent unserer Lebenszeit. Aber was ist vorher? Wir brauchen ein neues Wort für diese Spanne.

Altsein bedeutet auch, dass der Tod immer näher rückt. Wie gehen Sie damit um?
Halenta: Das ist etwas ganz Wichtiges. Die Endlichkeit und Begrenztheit von Leben ist ein Faktum, das steht schon am ersten Tag unseres Lebens fest. Nur als junger Mensch verdrängt man das, fühlt sich unsterblich. Dabei wird das Leben eigentlich erst vom Tod her sinnvoll. Das Bewusstsein, dass die zeitliche Grenze näher rückt, macht das Leben kostbarer, viel intensiver, Es zeigt uns, was Leben eigentlich bedeutet.

Was bedeutet denn Leben?
Halenta: Der Sinn des Lebens ist das Leben selbst, was anderes gibt es gar nicht. Wir sollen leben – und zwar anständig.

Und was heißt anständig?
Halenta: Man sollte freundlich mit sich selbst sein. Das scheint mir einer der wesentlichen Schlüssel für ein glückliches Leben zu sein. Das klingt harmlos, ist es aber nicht. Wenn Sie sich hetzen, sind Sie nicht mehr freundlich mit sich selbst. Und wenn Sie denken, ich Idiot, was habe ich da wieder gemacht, dann sind Sie auch nicht freundlich mit sich selbst.↔
Bock: All diese Fragen bewältige ich beim Laufen, dabei erfüllen mich drei verschiedene Daseinszustände. Es gibt die Phase, in der mein Körper automatisch läuft, da verliere ich das Gefühl für Zeit und Raum, wache auf einmal auf und habe überhaupt nicht gemerkt, welche Strecke ich gelaufen bin oder welche Zeit ich gebraucht habe. Dann gucke ich mich um und orientiere mich neu, das ist wie eine Art Meditation, ein Trance-Zustand. Die zweite Phase kennzeichnet, dass ich beim Laufen Fragestellungen oder Probleme bewältige. Da merke ich sehr stark den Rhythmus, in dem ich laufe, die Kraft geht nach innen, von außen kriege ich nicht viel mit. Die dritte Phase ist eigentlich die schönste. Dann bin ich ganz in die Natur orientiert und nehme alles um mich herum wahr: die Landschaft, die Farben, die Tiere . . . Das ist, als wenn Körper und Geist alles aufsaugen. Dann bin ich ein vollkommen glücklicher Mensch.

Was wünschen Sie sich noch vom Leben?
Halenta: Mehr Publicity für meine Bücher. Das wünsche ich mir sehr!
Bock: Ich möchte mit 80 so fit sein, dass ich noch einmal die deutsche Bestzeit in der Altersklasse 80 bis 85 Jahre laufe. Und ich möchte diese drei Zustände beim Laufen noch aktiver handhaben, die eigenen Konturen noch stärker spüren, das habe ich in meinem bisherigen Leben zu wenig gemacht.

Und eine letzte Frage, die Sie während Ihrer Reise schon häufiger gehört haben: Was sagen Ihre Männer zu dieser Tour?
Halenta: Wir habe keine Männer . . . zumindest keine, die berechtigt wären, dazu etwas zu sagen.
Das Online-Tagebuch zur Tour der beiden Frauen gibt es unter www.brigittehalenta.de

Von Anna Sprockhoff