Aktuell
Home | Lokales | Pfadfinder: Auf die Ranger ist Verlass
Der Stamm 429 der „Royal Rangers“ hat sichtlich Spaß im Sommerlager. Foto: phs

Pfadfinder: Auf die Ranger ist Verlass

Lüneburg/Welle. Menja steht mit skeptischem Blick vor einem Holzbalken. Schafft die Siebenjährige es, hinüber zu klettern? Ganz schön hoch. Allein kriegt sie das kaum hin. Vorsichtig greift sie an das Holz über ihrem Kopf, ihre Hände schwitzen. Sich jetzt hinüber zu schwingen wie die Älteren in ihrer Lüneburger Pfadfindergruppe – keine Chance. Hilflos sieht sie sich um. Ob sie um Hilfe bitten soll? Ein rothaariges Mädchen im beigefarbenen Baumwollhemd kniet plötzlich neben ihr und formt ihre Hände zu einem Antritt. „Hier, Räuberleiter!“, ruft sie. Menja nimmt die Hilfe an. Mit einem Mal sitzt sie auf dem Hindernis, Arme und Beine um den Stamm geklammert. Auf der anderen Seite nimmt sie ein anderer Pfadfinder mit Schirmmütze in Empfang und hebt sie herunter. Geschafft! Mit ihrem Team hat auch sie diese Disziplin der „Camp-Olympiade“ im Lager der Pfadfinder „Royal Rangers“ bewältigt – sie hat gelernt: Auf ihre Gruppe kann sie sich verlassen.

Rundgang durch das Camp

Ihre Ursprünge hat die Pfadfinderbewegung in England – und noch 100 Jahre später sind allein in Deutschland mehr als 200 000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in Pfadfinderverbänden organisiert. Davon sind 20 000 Mitglied bei den „Royal Rangers“ – Tendenz steigend: „Wir haben zwischen drei und fünf Prozent Zuwachs im Jahr“, sagt Sprecher Benjamin Hoffmann. Die Pfadfinder hätten keine großen Nachwuchssorgen – im Gegensatz zu freiwilligen Rettungsdiensten oder vielen Sportvereinen. Die Naturburschen und -mädels, so scheint es, sind noch heute attraktiv.

Der gemeinsame Gruß hat Symbolcharakter

„Allzeit bereit“ grüßen sich die Pfadfinder, auch die „Royal Rangers“. Dazu heben sie ihre rechte Hand etwa auf Schulterhöhe, die mittleren drei Finger weisen nach oben, während sie von Daumen und kleinem Finger umschlossen werden. Ein Gruß mit Symbolkraft: Der Daumen schützt die Anderen, die Schwächeren. Die älteren, erfahreneren Ranger kümmern sich um die jüngeren.
Verantwortungsgefühl, das der Jugend von heute fehlt? Mathias Schröder findet schon. Der 47-Jährige ist Distriktsleiter der Royal Rangers, seit Jahrzehnten Pfadfinder. „Die Kinder haben sich verändert, so wie sich die Gesellschaft auch verändert hat.“ Das allgegenwärtige Internet und sich verändernde Familienstrukturen sieht er als Grund dafür. Die Kinder seien es weniger gewöhnt als früher, Verantwortung auch für andere zu übernehmen, sich selbst zu versorgen – „doch bei den Pfadfindern lernen sie genau das“.

Was sagt das Fahrtenhemd über seinen Träger aus?

Bei den Pfadfindern ist noch vieles wie vor 100 Jahren, zum Beispiel die Nähe zur Natur: Aus Baumstämmen, Seilen und Planen haben sich die „Pfadis“, wie sie sich gerne nennen, eine Zeltstadt in Welle bei Tostedt gebaut. Die bietet Platz für die mehr als 300 Teilnehmer. Hoch ragt in der Mitte das Banner der „Royal Rangers“ in Form eines christlichen Kreuzes empor. Lagerfeuerduft zieht über die Jurten, der Rauch aus den offenen Feuerstellen beißt in den Augen. Fließendes Wasser gibt es nur an der Wasserstelle, elektronische Geräte sind unerwünscht.

„Was Pfadfinder heutzutage attraktiv macht, ist der Reiz des Einfachen“, ist Michael Meyer überzeugt. Er ist Leiter des Lüneburger „Royal-Rangers“-Stamm Nr. 429, außerdem Lehrer im Referendariat. „Kinder haben heutzutage einfach alles: massig Spielzeug, Smartphones, einen eigenen Computer.“ Im Pfadfinderlager ist das anders. Mitgebracht haben die Kinder Kleidung, ihre Isomatte und sich. „Hier zählt die Gruppe, das Gemeinschaftsgefühl“, sagt Meyer.

Erfolge werden in einem Logbuch erfasst

Die Kinder im Lager sind bunt gemischt, kommen aus allen sozialen Schichten. Mit und ohne Behinderung, Typ Überflieger bis Sorgenkind bilden sie im Pfadfindercamp eine Gemeinschaft. „Die Uniform hilft dabei, die Unterschiede zu verbergen“, sagt Meyer. Und gerade die Verschiedenheit stärke das Gemeinschaftsgefühl. „Die Gruppe ist eben nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Also müssen sich die Kinder untereinander helfen.“ So wie bei Menja.

Bildergalerie

Sie steht noch ganz am Anfang ihrer Pfadfinder-Karriere. Auf ihrer Brust steht in roter Schrift „Starter“ – doch auch darauf ist sie mächtig stolz. Schon als Kleinkind träumte sie davon, Pfadfinderin zu werden. Als es dann soweit war, konnte sie ihr Glück kaum fassen: Zu jeder Gelegenheit zog sie ihr Fahrtenhemd an, die Vorfreude auf das Camp war riesig. Eigentlich ist sie dafür noch etwas zu jung, doch hat sie einen Vorteil: Ihr Vater Christoph ist Leiter des Pfadfinderlagers. In den nächsten Jahren wird sie spielerisch an die typischen Pfadfinder-Fertigkeiten herangeführt.

Natürlich fällt darunter das fast schon klischeehafte Knotenbinden, aber auch Kenntnisse über die Natur und das Christentum. Als „Royal Ranger“ muss sie Prüfungen ablegen, ihre Erfolge werden in ihrem Logbuch verzeichnet. So wird ihr geistliches und körperliches Wachstum dokumentiert – nicht umsonst nennt sich die Entwicklung vom „Royal Ranger Starter“ bis hin zum Pfadranger „Wachstumspfad“. Vielleicht wird sie eines Tages einem ängstlichen Kind bei einem Hindernis die Räuberleiter geben. Gelernt hat sie es…

Royal Rangers

Ursprünglich kommen die „Royal Rangers“-Pfadfinder (übersetzt etwa „Königliche Waldhüter“) aus den USA, seit 1981 gibt es sie auch in Deutschland. Als „Christliche Pfadfinderschaft Royal Rangers“ sind sie ein Werk des Bundes freikirchlicher Pfingstgemeinden. Wie viele andere Pfadfindergruppen verschreiben sie sich dem christlichen Glauben.

In Lüneburg gibt es zwei Stämme der „Royal Rangers“. Mehr als 20 000 Mitglieder hat der Verband in Deutschland.

von Robin Williamson

One comment

  1. Michael Scholochow

    Leider ist der Begriff „Pfadfinder“ nicht geschützt. Jede/r kann sich demnach „Pfadfinder“ nennen. Also auch die Royal Rangers. Diese Gruppe ist beim „Weltbund der Pfadfinder“(Genf),in der sich weltweit alle Gruppen befinden die nach den Ideen des Robert Baden Powell arbeiten, nicht registriert. Die Royal Ranger sind die Kinder/Jugendorganisation einer freikirchlichen Glaubensgemeinschaft und haben den Zweck, die Glaubensinhalte dieser Gemeinschaft bei Kindern/Jugendlichen zu verbreiten/verfestigen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.