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Viele Menschen schmücken die Gräber ihrer Liebsten mit Figuren, zum Beispiel in Form von Engeln. Wenn die gestohlen werden, ist das oft besonders schmerzhaft. Foto: phs

Adendorf: Fassungslosigkeit über Grabschmuck-Diebstahl

Adendorf. Es war ein Geschenk für ihren Mann, ein kleiner pausbäckiger Engel aus Keramik, den sie ihm an einem Sonntag aufs Grab gestellt ha t. Die 80-Jährige wollte ihm eine Freude machen, zeigen, dass es noch immer Menschen gibt, die ihn lieben und sich um ihn kümmern. Als sie sein Grab auf dem Adendorfer Friedhof ein paar Tage später wieder besucht, ist der Engel verschwunden. „Geklaut“, vermutet die Adendorferin, „und das nicht zum ersten Mal.“ Ein Erlebnis, das sie wütend, traurig, „ein Stück weit fassungslos“ zurück lässt. „Was sind das nur für Menschen, die Tote bestehlen?“, fragt sie, die das Problem unbedingt öffentlich machen, ihren Namen aus Angst vor Tratsch aber nicht in der Zeitung lesen will.

Vorkommnisse sind kein Einzelfall

Was die Adendorferin schildert, ist kein Einzelfall. Und kein Problem, mit dem nur die Verantwortlichen auf dem Adendorfer Friedhof zu kämpfen haben. „Diebstähle sind auf vielen Friedhöfen im Landkreis ein Thema“, sagt Superintendent Christian Cordes. Auch auf den Friedhöfen in Lüneburg verschwinden laut Stadtpressesprecher Daniel Gritz immer wieder Blumen, Vasen oder kleine Grabbeigaben. Nicht immer seien die Sachen dann gestohlen, „manche erlauben sich auch einen schlechten Scherz und stellen Blumen oder Figuren auf ein anderes Grab“.

„Das ist nicht einfach nur ein Diebstahl, sondern ein gesellschaftliches Problem, ein Symptom für einen Verlust von Werten.“
Renate Weseloh-Klages, Pastorin

Oft genug verschwinden Grabschmuck und Blumen allerdings für immer. Die Engelsfiguren vom Grab ihres Mannes zum Beispiel hat die 80 Jahre alte Adendorferin nie wieder gesehen. Und auch Adendorfs Friedhofsgärtner Jan-Henrik Hardt berichtet, dass selbst Blumen, die er gerade erst gepflanzt hat, aus der Erde gerissen werden und nie wieder auftauchen. „Ich habe mir mal die Mühe gemacht und den ganzen Friedhof nach den Blumen abgesucht“, sagt er, „doch gefunden habe ich nichts.“

Grabschmuck-Diebstahl ist ein gesellschaftliches Problem

Was die Diebe mit Figuren und Blumen tatsächlich anstellen, bleibt Spekulation. Doch ob sie nun geklaut und weggeworfen, auf ein anderes Grab gestellt oder mit nach Hause genommen werden, spielt für Adendorfs Pastorin Renate Weseloh-Klages keine Rolle. Sie macht der Diebstahl an sich „fassungslos“. Und sie ist überzeugt: „Das ist nicht einfach nur ein Diebstahl, sondern ein gesellschaftliches Problem, ein Symptom für einen nachhaltigen Verlust von Werten.“ Was fühlt wohl jemand, der einem Toten die Blumen vom Grab stiehlt, um sie auf ein anderes Grab oder bei sich auf den Wohnzimmertisch zu stellen? Diese Frage hat sich die Pastorin schon häufiger gestellt, „und sie lässt mich immer ratlos zurück“. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, was mit den Leuten los ist, dass man selbst vor den Toten keinen Respekt mehr hat.“

Die 80 Jahre Adendorferin hat inzwischen eine neue Engelsfigur auf das Grab ihres Mannes gestellt. Und sie hat ihm dabei zugeflüstert, er solle sich schütteln, wenn die wieder einer klauen will. „Vielleicht hilft es ja“, sagt sie und zwingt sich zum Lächeln. Sie will sich von den Dieben nicht unterkriegen lassen. „Immerhin liegt hier mein Mann. Und der soll es auch jetzt noch schön haben.“

Von Anna Sprockhoff

Rat des Fachmanns: Grabschmuck kennzeichnen

Ein Patentrezept gegen die Diebstähle auf Friedhöfen hat auch Hans-Georg Grzenia nicht. Doch der zuständige Mitarbeiter der Stadt Lüneburg hat sein Team sensibilisiert, zu schauen, ob nicht jemand zum Beispiel mit leeren Händen kommt und den Friedhof vollbepackt mit frischen Blumen wieder verlassen will. Auch ansonsten sollen die Mitarbeiter immer die Augen offen halten. „Wird jemand beim Stehlen beobachtet, bringen wir das zur Anzeige“, erklärt er.

Werden Gräber aufgegeben und von den Angehörigen abgeräumt, bittet die Friedhofsverwaltung, kurz Bescheid zu sagen, „Wir räumen ab!“ Dann wüssten alle Beschäftigten Bescheid: „Was da passiert, ist in Ordnung!“ Ein weiterer Tipp des Fachmannes: Pflanzschalen, Vasen und Grabbeigaben kennzeichnen und nach Möglichkeit die Friedhofsverwaltung darüber informieren. „Wird ein solches Stück dann woanders aufgefunden, wissen alle, das gehört hier nicht hin.“