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Das allgemeine Bild ist ein anderes als auf diesem gestellten Foto. Wenn von häuslicher Gewalt die Rede ist, denken die meisten an einen rabiaten Ehemann. Doch es gibt auch in Lüneburg viele Fälle, in denen die Gewalt von der Partnerin ausgeht. Foto: t&w

Häusliche Gewalt: Wenn Frauen zuschlagen

Lüneburg. Seine Frau war gestorben, doch Klaus Gärtner * hatte nach einer Zeit der Trauer ein neues Glück gefunden und war verliebt. Am Anfang kribbelte es, der 60-Jährige und seine Freundin Annabel * zogen zusammen. Doch die Stimmung kippte. Gärtner konnte es der Frau nicht recht machen. Beleidigungen nahmen zu, irgendwann schüttete sie ihm eine Tasse Kaffee ins Gesicht. Eine Entschuldigung, eine Versöhnung. Die hielt nicht an. Gärtner kassierte Schläge, nicht einmal als Annabel seine Brille zertrat, wehrte er sich.

Häusliche Gewalt: Auch Frauen werden zu Täterinnen

Evelyn König und Ulrike Peppmüller vom Lüneburger Büro der Stiftung Opferhilfe – es ist an die Justiz angegliedert – erzählen vom Schicksal des Mannes. Er habe lange gebraucht, bis er sich Rat und Unterstützung holte. Und er ist kein Einzelfall. Zwar tauchen diese Tragödien selten im Polizeibericht auf, aber erfahrene Beamte wissen, dass beim Vorwurf der sogenannten häuslichen Gewalt auch Frauen zu Täterinnen werden.

„Das Dunkelfeld ist hoch“, sagt Evelyn König. Männern sei es peinlich, sich als Opfer des angeblich schwachen Geschlechts zu sehen. Es passe nicht zum Selbstbild eines kräftigen Kerls, dass er sich von seiner Frau abwatschen lasse. „Das Umfeld weiß wenig davon, der Mann geht oft nicht einmal zum Arzt. Wie sollte er die blauen Flecken erklären?“ Denn das allgemeine Bild sei ein anderes: Wenn es in Beziehungen zu Gewalt kommt, sind Männer die Täter. Auch so erklärt sich für Sozialarbeiterin Peppmüller die Scham der Männer: „Es gibt diese Karikatur eines betrunkenen Mannes, der nach Hause kommt und von seiner hinter der Tür stehenden Frau mit einer erhobenen Bratpfanne erwartet wird. Er wird zur Witzfigur.“
Das Gefühl hatte auch Klaus Gärtner. Es kam für ihn nicht infrage, sich zu wehren, gar zuzuschlagen. Aber mit wem sollte er reden? Er liebte Annabel, sie würde sich schon ändern. Tat sie nicht, Gärtner ging ins Opferhilfe-Büro. Da brach es aus ihm heraus.

Grenzen zwischen Täter und Opfer oft fließend

„Das erleben wir oft“, schildert Evelyn König ihre Erfahrungen. „Wir kennen uns erst wenige Minuten, und die Männer erzählen die intimsten Dinge. Der Leidensdruck ist hoch.“ Manchmal hören die Beraterinnen Dinge, die sehr abseitig wirken: Da hat eine Täterin erst geprügelt, als ihr Freund dann aus der Wohnung flüchtet, bekommt er Botschaften, in denen sie ihn mit eindeutigen Bildern auffordert zurückzukommen – ins Bett.

Es sei ein langsamer Prozess, sagt Ulrike Peppmüller. Er funktioniere ähnlich wie bei gewalttätigen Männern. Es beginne mit Abwertungen wie „Du bist doch eh zu blöd“ und steigere sich bis zu Schlägen. In einem Fall waren die so heftig, dass eine Frau ihrem nach Hause kommenden Mann auf das frisch operierte Auge schlug. Auch Druck werde aufgebaut, oft über Kinder, die der Mann nicht mehr sehen dürfe. Mädchen und Jungen als Spielball eines Dramas, für das sie nichts können.

Bei Männern und Frauen seien die Grenzen zwischen Täter und Opfer häufig fließend, haben die Sozialarbeiterinnen beobachtet. Zu Gemeinheiten seien beide fähig, unabhängig von Alter und sozialer Stellung.

In den Opferhilfe-Büros arbeiten nur wenige Männer als Ansprechpartner. Einerseits wünschen sich die Kolleginnen, dass sich ihre Klienten eben an Sozialarbeiter wenden könnten. Gleichwohl glaubt Evelyn König, dass es auch hilfreich sein kann, einer Frau gegenüberzusitzen und zu merken: „Es geht auch anders.“ Wer den Weg gefunden hat, kann erzählen, er bekommt eine Übersicht für Hilfsangebote, berichtet die 53-Jährige. Es kann auch um juristische Fragen gehen, denn ein Rosenkrieg hat viele Facetten. Ulrike Peppmüller wünscht sich ähnliche Möglichkeiten wie für Frauen. „Aber es gibt kaum Gesprächsgruppen für diese Männer“, sagt die 61-Jährige. Männerhäuser, in die Opfer massiver Gewalt fliehen können, gebe es im Norden nicht mal eine Handvoll.
Klaus Gärtner hat es schließlich geschafft, sich von Annabel zu lösen. Zwei Jahre war er mit ihr zusammen, bis für ihn klar war: „Es geht nicht mehr.“
* Namen geändert

Von Carlo Eggeling

Unterstützung von der Opferhilfe: Wege aus der Krise

Die Sozialarbeiterinnen empfehlen, eine Liste zu machen, die quasi Soll und Haben summiert: Was mag ich an meinem Partner, was missfällt mir? Häufig werde einem dann klar, dass es wohl keine gemeinsame Zukunft gibt. Zudem sollten auch Männer den Mut haben, sich Hilfe zu suchen und das nicht erst sehr spät. Am Anfang kann vielleicht eine Paarberatung Wege aufzeigen.

Dass sich nur wenige Männer öffnen, belegen Zahlen: Im vergangenen Jahr meldeten sich im Opferhilfe-Büro 20 Frauen als Opfer häuslicher Gewalt, aber nur drei Männer. Wer das Büro in der Reitenden-Diener-Straße 7 aufsuchen will, kann sich darauf verlassen, dass die Beratung anonym erfolgt, vertraulich und kostenlos. Mehr Informationen gibt es unter www.opferhilfe.niedersachsen.de oder unter (04131) 202772.