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Der streng geschützte Juchtenkäfer (Osmoderma eremita) sitzt an einem Baum. Nun droht diese Art den Neubau des Elbdeichs im Wendland deutlich zu verteuern. Foto: nh

Die teure Käfer-WG von Jasebeck

Jasebeck. Es duftet intensiv nach Pfirsich, wenn der Eremit versucht, Weibchen anzulocken. Spätestens seit Stuttgart 21 treibt diese Duftspur des seltenen Käfer s den Planern Angstschweiß auf die Stirn: Der Eremit, auch Juchtenkäfer genannt, gehört zu den vom Aussterben bedrohten Arten. Er kann ganze Baustellen zum Erliegen bringen. Über ein Jahr dauerte es, bis in Stuttgart die Motorsägen an die Brutbäume der streng geschützten Käfer angesetzt werden durften. Dieses Schicksal soll zwei mächtigen alten Eichen im niedersächsischen Wendland erspart bleiben. Sie prägen das Elbholz bei Jasebeck, wo sich eine der letzten natürlichen Auenlandschaften entlang des Stromes befindet.

Bäume stehen zu dicht am Deich

Die Baumriesen müssten eigentlich dem dringend benötigten Neubau des Elbdeiches weichen, da sie viel zu dicht am Deich stehen. Die Deiche müssen um mindestens 70 Zentimeter erhöht werden, denn beim Elbhochwasser vor vier Jahren standen die Fluten bis zur Deichkrone. Doch auch hier an der Elbe residiert der Juchtenkäfer, ausgerechnet in einer Art Wohngemeinschaft mit dem nicht minder seltenen Heldbock, auch als Großer Eichenbock bekannt. Beide Käfer lieben alte solitäre Bäume, die nicht mehr ganz gesund sind, aber noch aufrecht stehen.
Um dem Lebensglück dieser extrem seltenen Käfer nicht im Weg zu stehen, haben sich die Deichplaner vom Landesamt für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) zu einem besonderen Schritt entschlossen. Sie müssen den Naturschutz gewährleisten und wollen den Käfern und ihren beiden Lieblingseichen deshalb eine persönliche Spundwand spendieren – Kosten: 500 000 Euro.

„Wir müssen uns entscheiden: Was sind uns Arten wert?“
Franz Höchtl, Stellvertretender Leiter des Biosphärenreservats

Vor Ort an der Elbe stößt diese Idee bei vielen Menschen auf Unverständnis. „In den 1970er-Jahren, als der Deich gebaut wurde, hätten die Eichen eigentlich gefällt werden müssen“, meint der Deichhauptmann des Dannenberger Deich- und Wasserverbandes, Willi Fabel. Auch Peter Hildebrandt, Geschäftsführer des Deichverbandes, kann nicht verstehen, warum der Käferschutz wichtiger sein soll als die Sicherheit von Deichen. Doch schon beim Bau des Deiches vor rund 40 Jahren hätten die Planer ihr Herz für die prächtigen Eichen entdeckt und sie stehen lassen – deswegen hätten sie den Deich viel zu steil gebaut.

Ein Plädoyer für die Kettensäge

Angesichts der stetig steigenden Pegelstände sei das nicht mehr zu verantworten, sagt Willi Fabel. Er plädiert für die Kettensäge. „Man könnte ja die Bäume, die eh schon im Absterben begriffen sind, anderswo aufrecht stellen, damit die Käfer bleiben“, schlägt er vor.

Doch würden die seltenen Insekten das überleben? Franz Höchtl ist skeptisch. Der stellvertretende Leiter des Naturschutzgebietes „Biosphärenreservat Niedersächsische Elbtalaue“ sagt: „Wir müssen uns entscheiden: Was sind uns Arten wert?“ Sowohl der Eremit als auch der Heldbock seien durch die strenge Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie geschützt. Diese Naturschutz-Richtlinie der Europäischen Union hat das Ziel, wildlebende Arten und deren Lebensräume zu sichern.
Die Länder seien verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen, um die Käfer nicht zu beeinträchtigen, erläutert Höchtl: „Man kann diese uralten Eichen nicht einfach fällen und woanders hinlegen. Diese Lebensraumbäume sind mehrere Hundert Jahre alt.“

Genau diesen Lebensraum braucht der Eremit. In dem sich langsam zersetzenden Stamm sammelt sich Mulm an, in den abgestorbenen Baumbereichen verbringt der Käfer sein ganzes Leben. Lebende stehende Bäume bieten Feuchtigkeit. „Wenn man die Bäume absägt und woanders aufstellt, was denkbar wäre, geht die Feuchtigkeit verloren und die Larven sterben ab. Dann ist Schluss“, sagt Naturschützer Höchtl.

Die Spundwand sei nur eine Option. Um den Käfer optimal zu bewahren, könne man ihn auch umsiedeln. Aber das könne noch viel teurer werden, mahnt Höchtl. Noch gibt es kein Planfeststellungsverfahren für die Erneuerung des Deiches an dieser Stelle. Aber wenn es so weit ist, müssen alle Belange gehört werden – und Behörden, Planer, Wasserwirtschaft und Anwohner müssen sich einigen. „Keine einfache Kiste“, sagt Franz Höchtl.

Von Björn Vogt