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Die Grünstreifen an den Straßen sollen gepflegt werden, aber auch als Futterquelle für Insekten dienen– ein Dilemma (Foto: dth)

Mäher zerstört wichtige Biotope +++ mit Video

Bardowick/Lüneburg. „Alle reden vom Insektensterben, aber wo bleiben die Konsequenzen in unserem Handeln? Viel Zeit bleibt nicht mehr“, ist sich Thomas Mitschke sicher. Der Kreisvorsitzende des Naturschutzbundes (Nabu) Lüneburg betrachtet wütend den Grünstreifen an der Kreisstraße zwischen Vögelsen und Lüneburg. Nur wenige blühende Grasnelken an einer Straßenbarke hat der Mäher übrig gelassen.

Ordnungs- und Sauberkeitsempfinden in Frage gestellt

Sonst ist von der blühenden Pracht der vergangenen Tage, an der sich Wildbienen und Schmetterlinge gütlich taten, nichts mehr übrig geblieben. Er wurde auf wenige Zentimeter herunterrasiert. Ein Bild, das derzeit in vielen Teilen des Landkreises zu sehen ist. Mitschke sagt: „Wir können nicht immer nur auf der Landwirtschaft herumhacken. Unser falsch verstandenes Ordnungs- und Sauberkeitsempfinden führt dazu, dass wir Insekten wie der Wildbiene auch noch die letzten Nahrungs- und Lebensräume nehmen.“ Und Mitschke ist mit seinem Ärger nicht alleine.

Teilweise wurden sogar Gräben bis aufs Schwarze ausgemäht. Und unter anderem kommt vom kreiseigenen Betrieb für Straßenbau- und Unterhaltung (SBU) ein Mulchmäher zum Einsatz. Mitschke: „Der häkselt wirklich alles klein.“ Auch der Vögelser Ratsherr Detlef Stange ist entrüstet: „Ich finde schade, dass die ganzen Blumen, insbesondere die Grasnelken nicht mehr wachsen.“ Das sei ärgerlich. Stange: „Der Landkreis sollte darauf achten, dass erst gemäht wird, wenn die Pflanzen verblüht sind.“ Ähnlich sahen das Leserbriefschreiber in den vergangenen Tagen.

Mähen für mehr Verkehsrsicherheit

Auf das Niedermähen der blühenden Grünstreifen angesprochen, sagt Landkreis-Sprecher Hannes Wönig: „Es wird versucht, so etwas zu vermeiden. Aber aufgrund der langfristigen Einsatzplanung wird das nicht immer gelingen.“ Insgesamt ist der SBU für 381 Kilometer Straßen zuständig und damit auch für die Pflege der Seitenräume links und rechts der Straßen, also in doppelter Länge. Hinzukommen 176 Kilometer Radwege, die teilweise von der Straße abgesetzt sind und zu denen eigene Grünstreifen gehören. Die Grünstreifen haben laut Wönig mehrere Funktionen, beispielsweise zur Entwässerung: „Die Seitenbereiche werden deshalb zweimal im Jahr gemäht. Das dient zum einen der Verkehrssicherheit und zum anderen wird damit vermieden, dass der Straßenunterbau durchfeuchtet und die Straße nicht mehr trägt.“

„Wir können nicht länger tatenlos zusehen!“
Thomas Mitschke, Nabu-Kreisvorsitzender

Mit den Erklärungen gibt sich Mitschke nicht zufrieden und fordert einen Runden Tisch für Kreis und Kommunen, um dem Insektensterben in der Region zu begegnen. Und sei es mit insgesamt späteren Mähterminen. Mitschke: „Wir können nicht länger tatenlos zusehen!“ Der Landkreis hingegen kündigt an, nach der Sommerpause das Nachhaltigkeitskonzept des Landes Niedersachsen in die politischen Gremien des Kreises zu tragen. Wönig: „Hier wird dann auch besprochen, inwieweit sich daraus weitere Ansätze zum Bienenschutz ergeben.“ Und: „Ein neues Projekt, das dem Landrat persönlich besonders wichtig ist, steht bereits in den Startlöchern: Im nächsten Umweltausschuss steht unter der Vorlagennummer 2017/205 das Projekt ‚Die Region Lüneburg summt!‘ auf der Tagesordnung.“

Das sagt die Stadt Lüneburg

Die LZ hat auch bei der Stadt Lüneburg nachgefragt, wie sie es mit der Bienenfreundlichkeit, insbesondere mit dem Abmähen öffentlicher Grünflächen, hält. Dazu sagt Stadtsprecherin Ann-Cathrin Behnck: „Solange es mit der Verkehrssicherungspflicht vereinbar ist und keine Giftpflanzen darunter sind, bleiben die Gräser in der Regel stehen.“ Es werde in jedem Fall einzeln geprüft, ob ein Mähen notwendig und sinnvoll sei. So blieb ein großer Teil des Bewuchses an den Sülzwiesen sowie am Kreidebergsee stehen. Aktiv kümmere sich die städtische „Abwasser, Grün & Lüneburger Service GmbH“ zudem um das Anpflanzen bienenfreundlicher Pflanzen, beispielsweise auf dem Kreisel Konrad-Adenauer-Straße, Ecke Wilhelm-Leuschner-Straße im Stadtteil Kaltenmoor.

Zudem bietet der Lüneburger Kurpark Bienen ein Zuhause. Jüngst wurde von der AGL der dortige Bienenstand um ein weiteres Exemplar erweitert, zirka 150 Meter von der Konzertmuschel entfernt. Betreut werden die Stände von Paten aus den Reihen des Kreisimkervereins Lüneburg. Deren Vorsitzende Claudia Kutzick sagt: „Wir stehen mit Stadt und Landkreis im engen Austausch über das Anpflanzen blühfreundlicher Pflanzen. Aber wir können nur beraten und nicht entscheiden.“ Auf die Frage, was sie sich denn wünschen würde, sagt Imkerin Kutzick: „Mehr bienenfreundliche Pflanzen, die auch von Juni bis September blühen, Randstreifen und öffentliche Grünflächen, die nicht gemäht werden und dass in der Landwirtschaft nicht mehr so viele Monokulturen angebaut werden. Auch würde ich mir wünschen, dass an Ackerrändern Kornblumen und Malven gedeihen können.“ Oder Grasnelken oder Seifenkraut, wenn es nicht schon abgemäht wurde.

Von Dennis Thomas

Kulturfolger: Die Sandgrasnelke

Vor Jahrzehnten war die Sandgrasnelke vor allem auf Sandtrockenrasen zu finden. Ihre nahen Verwandten aus der Familie der Bleiwurzgewächse sind vor allem an der Nordsee oder im Harz zu Hause: die Strand-Grasnelke und die Galmei-Grasnelke. Allen dreien ist gemeinsam, dass sie „Extrembesiedler“ sind, sagt der Lüneburger Umweltexperte Burkhard Jäkel. Die Strand-Grasnelke behauptet sich beispielsweise in den Salzwiesen der Nordseeküste.

Und die Galmei-Grasnelke kommt gut mit Böden mit Schwermetallbelastung zurecht, beispielsweise in erzreichen Gegenden wie dem Harz. Auch die hiesige, salztolerante Sandgrasnelke meistert aufgrund ihrer genetischen Ausstattung eher unwirtlichere Standorte wie Straßenränderund spielt dort ihren Konkurrenzvorteil auf jenen Böden aus, die beispielsweise durch Streusalz belastet sind.

Auch der Samen der Grasnelke mag mancherorts im Reifenprofil der Autos erst dorthin getragen worden sein. Die Sandgrasnelke ist ein typischer Kulturfolger und ein Gewinner des Straßenbaus. So ist die rosa Blütenpracht derzeit vielerorts rund um Lüneburg auf Grünstreifen entlang der Landstraßen zu sehen. Die Sandgrasnelke ist laut Bundesartenschutzverordnung besonders geschützt. dth

2 Kommentare

  1. Liebe Redakteure des Umwelt-Ressorts,
    bitte schreiben Sie nochmals einen Artikel über die Dringlichkeit des Insektenschutzes, oder am besten jede Woche…. es ist soo sehr wichtig, die Ignoranten aufzuwecken…
    Diese Nachricht im Anhang habe ich gerade heute als Email bekommen, Informationsquelle ist die Bundesregierung für das Umweltinstitut München e.V.
    Bitte schreiben Sie auch weiter gegen die Grünstreifenrodung… selbst in Wäldern wird dieser Unsinn praktiziert, kürzlich gerade im Wald zwischen Lüneburg und Adendorf, der von vielen Radfahrern genutzt wird.
    Ich bin sehr entsetzt und besorgt und setze meine Hoffnung auf Sie.
    Mit herzlichen Grüßen,
    Heike Schröder
    Anhang:
    20.07.2017
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    Wo sind sie geblieben? Das große Insektensterben

    Wo sind sie geblieben? Das große Insektensterben

    Liebe Freundinnen und Freunde des Umweltinstituts,

    in Deutschland gibt es heute 80 Prozent weniger Insekten als noch 1982. Fast 3.000 Insektenarten werden als ausgestorben oder gefährdet eingestuft. Ganz besonders betroffen sind Schmetterlinge, Wildbienen und Schwebfliegen, die einen wichtigen Beitrag zur Bestäubung vieler Pflanzen leisten. Diese erschreckenden Ergebnisse lieferte in der letzten Woche die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage.

    Hauptursache für diese dramatische Entwicklung ist die intensive Landwirtschaft mit ihren Monokulturen und dem steigenden Pestizideinsatz. Auch die Artenvielfalt entlang der Nahrungskette ist dadurch akut bedroht. Mit dem Rückgang der Insekten nimmt unweigerlich auch die Anzahl der insektenfressenden Vögel ab. Die Auswirkungen sind gravierend: Fast drei Viertel der heimischen Vogelarten der Äcker und Wiesen sind gefährdet oder vom Aussterben bedroht.

    Schon rund 26.000 Menschen haben sich deshalb bereits an unserer Aktion „Rettet die Vögel!“ beteiligt und die Bundesregierung aufgefordert, Pestizide zu verbieten und Agar-Wüsten wieder in vielfältige Landschaften zu verwandeln. Denn auch wenn die Bundesregierung das Problem erkannt hat, unternimmt sie bisher nichts, um die Artenvielfalt zu retten. Helfen Sie uns, noch mehr Druck zu machen und unseren Appell möglichst weit zu verbreiten. Leiten Sie die Aktion dazu an FreundInnen und Bekannte weiter.

    • Ist das „Umwelt Institut“ derart schlecht informiert in den Belangen der Umwelt?
      Eigentlich sollte denen bekannt sein, dass diese Aussage nicht auf Deutschland zutrifft.

      Die „80%“ sind von einem Umweltverein in einem Biotop bei Krefeld festgestellt worden.
      Wie dort die Landwirtschaft oder das Randstreifen mähen verantwortlich sein sollen ist mir schleierhaft.
      Und der dort festgestellte Rückgang kann keinesfalls Rückschlüsse auf Deutschland belegen.

      http://www.sueddeutsche.de/wissen/umwelt-wenn-jede-alltagsbeobachtung-zu-alarmismus-fuehrt-1.3597607

      Bedenklich wie mit derartigen Fake-News Spendengelder generiert werden.

      Haben Sie eigentlich ein Handy? WLan?
      Das Umwelt Institut hält das für unkalkulierbare Risiken.