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Inventur in der Apotheke des Lüneburger Klinikums – hier ein Archivbild mit Verena Baumhauer. Künftig sollen die Krankenhäuser auch noch Stationsapotheker beschäftigen, die den Ärzten und Pflegern mit Rat und Tat zur Seite stehen beim Umgang mit Arzneimitteln. Foto: t&w

Geplantes Krankenhausgesetz weckt Kritiker

Lüneburg. Der Fall des Ex-Krankenpflegers Niels H., der Patienten in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst mit Medikamenten umgebracht hat, ist Anlass für das Land Niedersachsen, ein neues Krankenhausgesetz auf den Weg zu bringen. Die Novelle zielt unter anderem darauf, eine weitere Kontrollinstanz zu installieren, um die Sicherheit für die Patienten zu stärken. Die habe in der Tat höchste Priorität, doch mit der neuen Gesetzgebung würden Klinik-Mitarbeiter unter Globalverdacht gestellt und eine überbordende Kontrollbürokratie werde eingeführt, kritisiert nicht nur die Niedersächsische Krankenhausgesellschaft (NKG), sondern auch Lüneburgs Klinikum-Chef Dr. Michael Moormann.

Patientensicherheit oberste Priorität

Ohne Wenn und Aber habe Patientensicherheit oberste Priorität, für die der Gesetzgeber und Kliniken in den vergangenen Jahren bereits vieles auf den Weg gebracht hätten, betont Moormann. So habe der Gesetzgeber eine externe Qualitätssicherung eingeführt. Danach müssen Kliniken in vielen Leistungsbereichen die Behandlung nach festen Vorgaben erfassen. Diese Daten werden auf Bundes- und Landesebene statistisch ausgewertet und analysiert. Gibt es Abweichungen in Qualitätszielen, so wird in einem sogenannten strukturierten Dialog die Ursache für Qualitätsmängel untersucht. Gegebenenfalls muss die Klinik einem Expertengremium Rede und Antwort stehen.

Im Lüneburger Klinikum gebe es neben vielen anderen Sicherheitsmechanismen zudem Check-Listen vor jeder Operation. Ganz neu sei eine Medikations-Software. Diese signalisiert dem Arzt beispielsweise Wechselwirkungen, wenn er zwei oder mehr Medikamente gleichzeitig einsetzt, und fordert den Arzt auf, noch einmal zu prüfen, ob diese negative Folgen für den Patienten haben könnten. Außerdem gebe es in Lüneburg wie auch in anderen Kliniken landesweit inzwischen Patientenfürsprecher, zu denen die Landesregierung die Krankenhäuser als erste Reaktion auf die Mordserie des Krankenpflegers Niels H. verpflichtet hatte.

„Das kann nur jemand fordern, der noch nie in einem Krankenhaus gearbeitet hat.“
Dr. Michael Moormann, Geschäftsführer des Klinikums

Nun legt das Land noch einen drauf: Künftig sollen Kliniken Stationsapotheker zur Beratung von Ärzten und Pflegekräften beim Umgang mit Arzneimitteln beschäftigen. „Hört sich gut an“, sagt auch Moormann, aber das habe den Geschmack von einem Überwacher auf der Station. Anstelle des globalen Misstrauens hätten die Mitarbeiter Wertschätzung verdient. Deshalb hätten sich die NKG und die Gesetzliche Krankenversicherung dagegen ausgesprochen. Ein solcher Apotheker könne zudem nicht kriminelles Verhalten von Klinikpersonal in Sachen Dosierung verhindern, gibt Moormann zu bedenken.

Einführung des Unit-Dose-Systems

Ein sinnvolles Sicherheitskonzept sei aus seiner Sicht hingegen die Einführung des Unit-Dose-Systems. Mittels eines Medikamentenroboters erfolgt die individuelle Zusammenstellung von Arzneien für jeden Patienten. Das allerdings scheint das Land nicht ins Kalkül gezogen zu haben, denn die Investitionskosten müssten von dort fließen. Bei den zusätzlichen Personalkosten für die Stationsapotheker ist offen, wer sie trägt. Zu befürchten sei, dass die Kliniken dafür aufkommen müssen, denn der Gesetzgeber glaube, dass diese „wirtschaftliche Reserven“ hätten, verdeutlicht Moormann. Die allerdings müssten Kliniken wie Lüneburg nutzen, um zum Beispiel teure medizinische Großgeräte zu finanzieren, für deren Anschaffung die jährlichen Zuwendungen vom Land nicht ausreichten. Fraglich ist für die Kritiker auch, ob es überhaupt genug Apotheker gibt, denn bei diesen herrsche Vollbeschäftigung. Das Brisante dabei: Es soll eine Übergangsfrist von drei Jahren geben. Ist die Stelle in der Zeit nicht besetzt, drohen sogenannte Zwangsmaßnahmen, zum Beispiel ein Bußgeld.

Und noch einen weiteren Punkt der Gesetzesnovelle, die voraussichtlich noch vor der Landtagswahl am 14. Januar 2018 verabschiedet werden soll, kritisiert der Klinik-Chef. Es soll eine Personal-Rotation zur Entlastung von Mitarbeitern geben – auch im Sinne der Patientensicherheit. „Das kann nur jemand fordern, der noch nie in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Hier arbeiten hochspezialisierte Teams, die man nicht einfach woanders einsetzen kann. Die Einarbeitung braucht Zeit, außerdem sind alle spezifisch für die Anforderungen in einer Abteilung ausgebildet.“ Im Fußball gäbe es für ermüdete Spieler eine Ersatzbank. Eine solche sei auch in Kliniken zum Abbau von Belastung des Personals denkbar. Konkret bedeutet das: mehr Personal. „Dazu müsste der Gesetzgeber aber auch hier mehr Geld zur Verfügung stellen.“ Doch der hat den Kliniken vor Jahren schon die sogenannten Fallpauschalen verordnet: Für einen Eingriff gibt es einen bestimmten Betrag, „und der ist so bemessen, dass keine Personalreserven aufgebaut werden können“.

Von Antje Schäfer