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Jürgen Weller sollte 2151 Euro für die Beseitigung einer Rohrverstopfung bezahlen. Künftige Verstopfungen will er mit einem Hochdruckschlauch selbst bekämpfen.

Abzocke bei der Rohrreinigung

Lüneburg. Jürgen Weller hatte den Kanal im Wortsinn voll. Aus den Abflussrohren des Zweifamilienhauses in Lüneburg müffelte es penetrant, Toiletten- und Duschwa sser flossen kaum noch ab. Jürgen Weller wusste: Hier ist professionelle Hilfe gefragt. Im Internet stieß er auf ein Kanalservice-Unternehmen mit Lüneburger Vorwahl. Wohl kein seriöses Unternehmen – wie sich schnell herausstellte. Denn für die Beseitigung der Verstopfung sollte der 58-jährige Krankenpfleger 2151 Euro bezahlen. In bar und sofort! Das Unternehmen selbst war nicht ausfindig zu machen.

Ähnlich dreist wie dubiose Schlüsseldienste

Kein Einzelfall. Die Verbraucherzentrale und der Verband der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen (VDRK) warnen vor den schmutzigen Tricks unseriöser Rohrreinigungsfirmen. Denn die haben sich ebenso wie manch dubiose Schlüssel- oder Elektronotdienste darauf spezialisiert, die Notsituation ihrer Kunden schamlos auszunutzen. Was Hausbesitzer Jürgen Weller zum Zeitpunkt seines Anrufes nicht wusste: Das beauftragte Unternehmen hat seinen Firmensitz überhaupt nicht in Lüneburg, sondern in Uchte bei Hannover. Und der Monteur kam mit einem Fahrzeug mit Bremer Kennzeichen. „Das hat mich bereits stutzig gemacht“, sagt Weller. Zweieinhalb Stunden habe der Mann dann gearbeitet, die Verstopfung auch beseitigt. Doch für seinen Einsatz verlangte der Kanalreiniger stolze 2151 Euro – zahlbar sofort und vor Ort.

Weller weigerte sich. „So viel Geld habe ich auch nicht zu Hause“, sagt der Horndorfer im Gespräch mit der LZ. Das habe den Monteur nicht gestört. Er könne ja zum Geldautomaten gehen. Er warte solange. Weller weigerte sich, forderte stattdessen eine detaillierte schriftliche Rechnung und schickte den Monteur vom Hof.
Das traut sich nicht jeder Kunde, der mit einer derart happigen Forderung konfrontiert wird. Bei den Verbraucherzen­tralen und den Handwerkskammern gibt es zuhauf Beschwerden über die oftmals rüden Methoden einiger Rohrreinigungsfirmen. Und die Behörden können offenbar nur wenig gegen die schwarzen Schafe der Branche unternehmen.

Barzahlung erwünscht?

Ralph Sluke vom Verband der Rohr- und Kanal-Technik-Unternehmen fühlt sich an den Kampf mit einer Hydra erinnert: „Man schlägt zehn Köpfe ab und 20 wachsen nach“, versinnbildlicht der Verbands-Geschäftsführer das Problem. Was Sluke, dessen Verband bundeseit 478 Unternehmen vertritt, damit ausdrücken will: „Manch unseriöses Unternehmen taucht mit bis zu 15 verschiedenen Firmennamen auf.“ Gibt‘s Ärger, werde eine Firma dichtgemacht und unter einem anderen Namen einfach neu eröffnet. “Was in diesen Kreisen abläuft, erinnert in Teilen an die Organisierte Kriminalität“, fährt Sluke schweres Geschütz auf. So gebe es allein gegen ein Unternehmen aus Hessen 30 Gewerbe-Untersagungsanträge. Offenbar allerdings nur mit beschränktem Erfolg.

Das Internet ist voll von Erfahrungsberichten unzufriedener Kunden, die sich über den Tisch gezogen fühlen. Vor allem, weil sie von den Monteuren gedrängt werden, sofort bar zu zahlen. „Leider steht uns als Verband keine Klagebefugnis zu, weil wir nicht wirtschaftlich betroffen sind“, bedauert Sluke, „klagen können nur die betroffenen Kunden selbst.“
Auch das Uchter Unternehmen ist laut Sluke bereits andernorts negativ in Erscheinung getreten. Er spricht von Wucher. Diese Einschätzung teilt Jürgen Weller: Er hat inzwischen Vergleichs­angebote von seriösen Lüneburger Firmen eingeholt. Deren Rechnungen hätten für die gleiche Leistung bei 400 bis 600 Euro gelegen.

Plötzlich war die Firma doch gesprächsbereit

Bestärkt durch die Rechtsberatung bei der Verbraucherzentrale in Lüneburg hatte sich Weller noch einmal mit der Firma in Uchte in Verbindung gesetzt. „Mit dem Hinweis von mir auf einen ‚Anwalt‘ waren die plötzlich kooperationsbereit“, staunt Weller. „Das mit dem Rechnungsbetrag könne man doch auch anders klären“, habe eine Frau am Telefon gesagt. Man sei bereit, 900 Euro runterzugehen. „Aber nur, wenn ich ‚tutti-schnell‘ den Restbetrag von 1250 Euro überweise“, wundert sich Weller noch immer über Geschäftsgebahren und Wortwahl der Angestellten. Er ging auf das Angebot ein – „ich wollte die Sache vom Tisch haben.“

Das Unternehmen selbst ist für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Unter der Lüneburger Nummer meldet sich ein Mann, der bestreitet, etwas mit einem Uchter Unternehmen zu tun zu haben. In Uchte selbst ist zwar ein Kanalservice ansässig, die Geschäftsführerin aber bestreitet ebenfalls etwas mit der Sache zu tun haben. Sie klagt vielmehr, dass sie zu unrecht immer wieder mit dem Unternehmen in Verbindung gebracht werde. Das sei geschäftsschädigend.

Seine Lehren hat er aus der Angelegenheit trotzdem gezogen: Der 58-Jährige hat sich im Internet einen Hochdruckschlauch mit Schneidstrahldüse gekauft, mit dem er – an einen Hochdruckreiniger angeschlossen – die verstopften Rohrleitungen künftig selbst reinigen kann. Kosten der Investition: 81 Euro.

Von Klaus Reschke