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Erst Industriemechanikerin, jetzt Bäckerin: Norma-Jean Nack hat ihren Traumjob gefunden. (Foto: be)

Kleine Extras machen die Ausbildung schmackhaft

Lüneburg. Gehen Deutschland die Lehrlinge aus? Laut Deutschem Industrie- und Handelskammertag (DIHK) kann jeder dritte Betrieb seine Ausbildungsplätze inzwische n nicht mehr besetzen, Tendenz steigend. So wuchs die Zahl offener Azubi-Plätze im Vorjahr um knapp 5 Prozent (LZ berichtete). Vor dem Start des Ausbildungsjahres am 1. August gibt es gleichzeitig aber auch noch viele Jugendliche ohne Lehrstelle, 22 300 sind es landesweit. Die Industrie- und Handelskammer mahnt deshalb, dass Jugendliche möglichst flexibel sein sollten. Denn während Einzelhandelsberufe und Ausbildungen in Metall- und Elektroberufen besonders beliebt seien, gebe es in Branchen wie der Gastronomie und Hotellerie, Reinigung und Klempnerei noch viele offene Stellen. Dass es durchaus gelingen kann, Jugendliche für vermeintlich unattraktive Berufe zu gewinnen, zeigen Beispiele aus der Region.

Wohngeld, freie Tage für gute Noten und ein Fahrrad

Nachwuchs finden? „Kein Problem“, sagt Jannik Harms und fügt hinzu: „Wenn man sich Mühe gibt.“ Das scheint bei der Lüneburger Bäckerei Harms, die von dem 31-Jährigen und dessen Eltern geführt wird, offenbar geklappt zu haben, über einen Mangel an Ausbildungsplatzbewerbern können sie sich nicht beschweren. „Wir haben 30 bis 40 Bewerbungen übers Jahr“, sagt Harms, in dessen Betrieb Bäcker und Fachverkäufer ausgebildet werden. Weil aber nicht jeder für den Job auch geeignet ist, werden Probetage und zweiwöchige Praktika angeboten. „Da merkt man dann schnell, ob Begeisterung vorhanden ist.“

Den Lehrlingen wird aber auch einiges geboten: Zusätzlich zum Tariflohn gibt es bei Harms Zuschüsse für eine eigene Wohnung, für jede Eins im Zeugnis einen zusätzlichen Urlaubstag. Und wer nach bestandener Prüfung im Betrieb bleibt, bekommt ein Fahrrad geschenkt.
Keine Extrawürste, dafür aber 100 Euro zusätzlich zum monatlichen Tariflohn zahlt die Barnstädter Bäckerei Kruse ihren Auszubildenden, „ab dem zweiten Lehrjahr gibt es dann auch Weihnachts- und Urlaubsgeld“, sagt Geschäftsführerin Hanna Kruse. Nachwuchs-Probleme kenne man nicht, den Bedarf an Auszubildenden – aktuell sind es neun im Verkauf, eine in der Produktion, sieben weitere kommen mit Beginn des neuen Lehrjahrs im August dazu – decke man durch Beteiligung an Azubi-Messen in der Region. „Vieles läuft aber auch durch Mund-zu-Mund-Propaganda“. Dass diese auch entsprechend positiv ausfällt, dafür sorgt Vasvije Krasnici, sie ist bei Kruse Azubi-Mentorin. „Wir unternehmen gemeinsam Ausflüge, es gibt Azubi-Abende oder wir sitzen bei einer Party-Pizza zusammen und klönen“, sagt die 28-Jährige.

Schließlich solle sich keiner der Auszubildenden „wie eine Nummer fühlen und auch Spaß bei der Arbeit haben“.
Dass das Bäcker-Handwerk bei Jugendlichen dennoch mit Image-Problemen zu kämpfen hat, weiß Günter Neumann, bei der Handwerkskammer Braunschweig-Lüneburg-Stade für Berufsbildungsrecht und und Internationale Berufsbildung zuständig. „Viele schauen nur auf die Arbeitszeiten“, sagt Neumann. Die sind in der Tat gewöhnungsbedürftig, denn Arbeitsbeginn ist zwischen 2 und 3 Uhr morgens, manchmal sogar noch früher. Die Vorteile – „man kann sehr kreativ sein, die Produkte landen direkt beim Kunden und man bekommt gleich Resonanz“ – würden viel zu wenig in den Blick genommen. Hinzu komme, dass immer mehr Schüler das Abitur anstrebten, „der Anteil eines Jahrgangs liegt jetzt bei 54 Prozent“. Überhaupt lasse die Informationsarbeit an den Gymnasien über Ausbildungsberufe zu wünschen übrig.

Zu wenig Informationen über Karrieremöglichkeiten im Handwerk

Das sieht auch Torben Sanders so. Der Mitinhaber der Landschlachterei in Neetze beklagt, dass in den Schulen zu wenig über Karrieremöglichkeiten im Handwerk informiert wird. So sei häufig zu wenig bekannt, dass sich die Lehrzeit für Realschul-Absolventen um ein halbes Jahr reduziere und man nach einem Meisterabschluss studieren könne. Probleme bei der Azubi-Suche habe aber auch sein Betrieb bislang nicht gehabt: „Es gibt immer passende Bewerber.“
Wie sehr auch die Abiturienten im Handwerk gebraucht werden, zeigen aktuelle Zahlen: So ist die Anzahl der abgeschlossenen Lehrverträge im vergangenen Jahr bundesweit um 6 Prozent gestiegen, im Kammerbezirk Lüneburg sogar um 12 Prozent. „Das Handwerk brummt, der Bedarf an Fachkräften ist groß“, sagt Neumann. Ausbildungsordner für die Betriebe und eine Image-Kampagne fürs Handwerk sollen bei der Nachwuchs-Rekrutierung helfen, vielleicht auch bei einem anderen Problem: „Viele Schulabgänger fangen bei der Suche mit dem vermeintlichen Traumberuf an. Das muss aber nicht immer passen“, weiß Neumann.

Das hat auch Norma-Jean Nack erfahren. Die 20-Jährige lernt bei Kruse Bäckerin, nachdem sie ihr Glück zuvor als Industriemechanikerin versucht hat. „Das war nichts für mich“, sagt Norma-Jean, die sich in ihrem neuen Job deutlich wohler fühlt. „Man hat früh Feierabend und den Tag über frei, an alles andere gewöhnt man sich.“
Dass die Backstube inzwischen auch bei Abiturienten nicht mehr verpönt ist, weiß Jannik Harms zu berichten, seitdem in seinem Betrieb ein Auszubildender mit Abitur das Back-Handwerk erlernt. „Natürlich musste der auch zu uns passen, aber das war kein Problem“, sagt Harms. Seine Erfahrung: „Junge Menschen achten auf das Image der Betriebe. Wenn dieses stimmt, kann man sie auch für sich gewinnen.“

Von Ulf Stüwe

Vor dem Ausbildungsjahr 2017/2018: Die Top 10 bei den Wünschen

Das sind die beliebtesten Ausbildungsberufe bei jungen Frauen und Männern in der Region (Zahlen in Klammern = Bewerber)

  • 1. Kaufmann/-frau im Einzelhandel (82)
  • 2. Kaufmann/-frau – Büromanagement (59)
  • 3. Kfz-Mechatroniker/-in – PKW-Technik 49
  • 4. Verkäufer/in (45)
  • 5. Medizinische/r Fachangestellte/r (40)
  • 6. Industriekaufmann/-frau (34)
  • 7. Koch/Köchin (28)
  • 8. Verwaltungsfachange-stellte/r- Kommunalverwaltung (28)
  • 9. Fachinformatiker/-in – Anwendungsentwicklung (26)
  • 10. Immobilienkaufmann/-frau (22)

Quelle: Agentur für Arbeit Lüneburg-Uelzen; Stand Juni 2017