Aktuell
Home | Lokales | Lüneburger Bauwagensiedlung: Ein Idyll am Stadtrand
Gabriel, genannt Gabbo, lebt in der Bauwagensiedlung Fango am Stadtrand. Fango heißt so viel wie Schlamm, was bei Regen wie am Sonnabend gut passt. Die Bewohner sind zwischen zwei Wochen und 65 Jahre alt. Foto: phs

Lüneburger Bauwagensiedlung: Ein Idyll am Stadtrand

Lüneburg. Was gab es nicht für Bedenken von Anwohnern: Die Grundstückspreise könnten verfallen, Lärm Einzug halten. Geschichte. Seitdem sich der Verein Leben(s)wagen Anfang 2010 gründete und mit Bauwagen auf den Platz am Ortsausgang Richtung Vögelsen zog, verlief alles recht undramatisch. Und vermutlich lebt es sich auf dem 9687 Quadratmeter großen Areal noch harmonischer als in einer Siedlung mit ordentlich geschnittenem Vorgartenrasen. Am Sonnabend hatten die zwei Dutzend Bewohner wie in den vergangenen Jahren zu einem Fest eingeladen und stellten sich und ihre 40 Wagen vor.

Weniger Verzicht als erwartet

Gabbo, der seinen Nachnamen unwichtig findet, wohnt seit einem Jahr hier, erst bei anderen, dann in einem Gästedomizil der Gemeinschaft. Vor zwei Monaten hat er einen eigenen Wagen bezogen, zwar mit Stromanschluss, aber ohne Herd und Kühlschrank. Vielleicht acht Quadratmeter groß. 5000 Euro hat der Kölner investiert, auch um die Wände gut zu dämmen, ein Ofen für den Winter fehlt noch. Aber das ist kein Problem für den 26-Jährigen, es wird sich finden. Er hat eine Terrasse angelegt, das Gras ist gemäht, ein paar Inseln mit Disteln, Kräutern und Büschen leuchten farbenfroh. 90 Euro Pacht und Umlage zahlt er im Monat, so wie auch die anderen.

„Ich habe vorher in Wohngemeinschaften gelebt“, erzählt Gabbo, der in Hamburg in einem Lager arbeitet. „Ich hatte gedacht, ich muss hier auf viel verzichten. Muss ich aber gar nicht.“ Es gibt gemeinschaftliche Waschmaschinen, Toiletten, Duschen und eine Badewanne. „Das ist sehr komfortabel.“ Allerdings muss für warmes Wasser ein Boiler mit Holz angeheizt werden. Und klar gibt es auch die WG-typische Frage des Putzens. „Leute haben einen unterschiedlichen Begriff von Sauberkeit, aber hier ist es sauberer, als ich es vorher erlebt habe.“

Leben wie in einer großen Familie

Es wird viel geredet, wie man zusammenlebt. Können Konflikte nicht untereinander geklärt werden, gehen sie ins Plenum. Das gilt auch, wenn jemand neu auf den Platz ziehen will: „Er muss zu uns passen.“ Es gibt ein Probewohnen, mancher merkt dann, dass das enge Leben in der Gemeinschaft nichts für ihn ist.
Von Anfang an ist Ilka Eschricht dabei. Sie lebt mit ihrer Familie hier, die beiden Kinder toben auf dem Gelände. Das Zusammenleben habe sich eingespielt: „Wir müssen nicht mehr alles im Plenum besprechen.“ Eben weil man sich gut kenne und kompromissbereit sei.

Für Ilka Eschricht und ihre Nachbarn ist klar: „Wir wollen bleiben.“ Ihr Pachtvertrag mit der Stadt laufe bis 2020: „Den wollen wir verlängern.“ Ein Kauf des Geländes sei denkbar. Doch noch gebe es keine Verhandlungen mit dem Rathaus.

Auch Gabbo will sich einen Umzug gar nicht vorstellen: „Wieder in eine Wohnung zu ziehen, das ist nicht nichts für mich. Hier ist niemand anonym. Man ist motiviert, etwas mit den anderen zu machen.“ Es sei ein Leben wie in einer großen Familie. Sehr idyllisch, und Protest gibt es ja auch nicht mehr.

Von Carlo Eggeling