Mittwoch , 20. September 2017
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Jochen und Hilke Hartmann gehen schon seit Jahren im Ackerbau und in der Hühnerhaltung neue Wege, haben für ihren Hennen einen Wald angelegt. Foto: t&w

Bunt, lebendig, artenreich: Über die Vision einer anderen Landwirtschaft

Rettmer. Jochen Hartmann steht in einem Getreidefeld am Stadtrand von Lüneburg, zu seinen Füßen ranken Leindotter, Weiß- und Rosenklee, dazwischen suchen Bienen , Hummeln und Schmetterlinge nach Nektar. Der 36 Jahre alte Landwirt kommt oft hierher in den letzten Wochen, steht einfach da und beobachtet das Leben auf seinem Acker. „Das macht mich stolz“, sagt er. Und es zeigt, dass konventionelle Landwirtschaft auch anders sein kann. Bunter. Lebendiger. Vielfältiger. Noch ist es eine Vision, die da wächst. Doch gemeinsam mit neun anderen Bauern in Deutschland arbeitet Jochen Hartmann daran, sie reif für die Praxis zu machen.

Dialog- und Demonstrationsprojekt F.R.A.N.Z 

Wissenschaftlich begleitet und finanziert wird der Probeanbau innerhalb des Dialog- und Demonstrationsprojektes F.R.A.N.Z (Für Ressourcen, Agrarwirtschaft & Naturschutz mit Zukunft), einer auf zehn Jahre angelegten Gemeinschaftsinitiative mit dem Ziel, mehr Artenvielfalt in der Agrarlandschaft zu schaffen. Auch die Bundesministerien für Umwelt und Landwirtschaft unterstützen das Projekt, als Schirmherrin macht sich Bundesumweltministerin Dr. Barbara Hendricks (SPD) heute Nachmittag persönlich ein Bild von Hartmanns Zukunftsäckern. Der Landwirt hat sich vorgenommen, ihr vor allem eine Botschaft mit auf den Weg zu geben. „Eine andere Landwirtschaft kann funktionieren, aber nur wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schafft.“

Das große Ziel von F.R.A.N.Z ist es, die erprobten Naturschutz-Maßnahmen in Förderprogramme zu gießen und damit auf möglichst vielen Feldern Lebensräume für wildlebende Tier- und Pflanzenarten zu schaffen. Zunächst allerdings müssen die Beteiligten herausfinden, was geht und was nicht geht, welche Maßnahme sich wie umsetzen und mit den Interessen der Landwirte vereinbaren lässt.

Mitten in den Feldern stehen Blühstreifen und bieten Lebensraum für wildlebende Tier- und Pflanzenarten. Das könnte ein Teil einer anderen Form der konventionellen Landwirtschaft sein.

Gestartet ist Jochen Hartmann in diesem Jahr mit drei Projekten auf vier Prozent seiner Fläche, Ziel sind nach vier Jahren rund ein Dutzend Maßnahmen auf mindestens zehn Prozent der 200 Hektar Betriebsfläche. „Das macht verdammt viel Arbeit“, sagt er, „aber es ist auch eine fantastische Chance zu lernen, wie wir Landwirtschaft besser machen können.“
Die ersten Zweifel am konventionellen Kurs der Landwirtschaft kamen Hartmann schon vor Jahren, ihm fehlte im Ackerbau der Blick aufs große Ganze, die Suche nach Lösungen im natürlichen Kreislauf. Er dachte über den Umstieg auf Öko nach und entschied sich aus Angst vor einem zu engen Korsett aus Auflagen dagegen. Stattdessen begann er auszuprobieren.

Um den Hühnern in den Mobilställen ein artgerechtes Leben zu bieten, pflanzten er und seine Frau Hilke einen Wald aus Pappeln, Obstbäumen und Beeren-Sträuchern. Um das Bodenleben auf seinen Äckern zu verbessern, experimentierten sie mit verschiedenen Zwischenfrüchten. Als sich im Frühjahr 2015 die Chance auf Teilnahme am F.R.A.N.Z.-Projekt ergab, erschien ihm das wie Fügung. Hartmann bewarb sich – und ist nun einer von zehn Auserwählten.

„Das macht viel Arbeit, aber es ist auch eine fantastische Chance zu lernen, wie wir Landwirtschaft besser machen können.“
Jochen Hartmann, Landwirt

Nach und nach werden sich seine Äcker in den nächsten Jahren verändern, bunter und vielfältiger werden. In Praxis-Jahr eins wachsen auf fünf Flächen zwölf Meter breite Blühstreifen, nicht wie üblich am Rand der Felder, sondern mittendrin. „Das unterbricht die großen Strukturen und bietet Deckung, Lebensraum und Nahrung für Insekten, Vögel, Feldhasen und Amphibien“, sagt er. Außerdem verzichtet Hartmann bei einem Gerstefeld auf chemischen Pflanzenschutz, lässt dafür zwischen den Getreidehalmen Ackerwildkräuter wachsen. „Noch wissen wir nicht, wie groß die Ertragseinbußen werden“, sagt er, „aber es brummt und surrt in dem Feld schon wie verrückt.“

Erste Erfolge zeigen sich auch in den vier 40 mal 40 Meter großen Lerchenfenstern. „Auf diesen Flächen haben wir mitten im Feld Erbsen gesät, in denen die Ornithologen neben der Feldlerche inzwischen auch schon die seltene Schafstelze gesichtet haben.“ Darüber hinaus verzichtet Hartmann freiwillig auf das Mähen einiger seiner Ackerrandstreifen, durchsucht das Internet nach weiteren Praxisbeispielen, schult Sinne und Verstand für die natürlichen Kreisläufe und berät sich so oft wie möglich mit den Begleit-Wissenschaftlern des Projekts. Schon lange weiß er, dass Landwirtschaft sich ändern muss, um Zukunft zu haben. Dass die Vision einer neuen Bewirtschaftungskultur nun auf seinen Feldern wächst, „beflügelt“, sagt er. Und es erfüllt: „Zu sehen, wie schnell das Leben zurückkehrt auf die Äcker, wie es blüht und bunt wird, das macht mich als Landwirt wirklich glücklich.“

Von Anna Sprockhoff

Das Projekt: Typische Betriebe ausgewählt

Das Verbundsprojekt F.R.A.N.Z wird unter Federführung der Michael Otto Stiftung für Umweltschutz gemeinsam mit dem Deutschen Bauernverband durchgeführt. Wissenschaftlich begleitet wird es durch die Thünen-Institute für Ländliche Räume, Betriebswirtschaft und Biodiversität sowie die Universität Göttingen und das Michael-Otto-Institut des Nabu.

Weitere Partner aus den Regionen unterstützen das Projekt. Zu den zehn Demons-trationsbetrieben gehören Ackerbau- und Grünlandbetriebe, um die Maßnahmen auch auf andere Betriebe bundesweit übertragen zu können, wurden für die jeweilige Region typische Betriebe ausgewählt.