Aktuell
Home | Lokales | Kinderarzt verzweifelt gesucht: Sonderregelung für Lüneburg?
Drei Wochen alt ist die süße Joela Nora, ihre U3-Untersuchung steht in Kürze an. Doch Mutter Rebecca Broadbent bekommt bei keinem Kinderarzt in Lüneburg dafür einen Termin. Foto: t&w

Kinderarzt verzweifelt gesucht: Sonderregelung für Lüneburg?

Lüneburg. Joela Nora ist gerade mal drei Wochen alt. Mutter Rebecca Broadbent liebt ihren kleinen Sonnenschein und setzt natürlich alles dar an, dass der gesund und munter aufwächst. Dazu gehören auch Arztbesuche zur Früherkennung möglicher Krankheiten und Entwicklungsstörungen. Die sind zwar in Niedersachsen nicht verpflichtend, dennoch erhalten die Eltern eine schriftliche Aufforderung des Landes zur Teilnahme. Doch Rebecca Broadbent sucht vergeblich nach einem Kinderarzt für die bevorstehende U3-Untersuchung: „Ich habe alle Kinderärzte in Lüneburg abtelefoniert, es gab nur Absagen, die Begründungen: ,Wir sind überfüllt‘, ,Wir haben Aufnahmestopp‘ oder ,Nur noch bei schon angemeldeten Geschwisterkindern‘.“

Überall heißt es: Wir haben einen Aufnahmestopp

Mit ihrem Problem ist sie nicht allein, mehrere Mütter und Väter, die bei Lüneburger Kinderärzten keine Termine für notwendige Untersuchungen erhalten, haben sich bei der LZ gemeldet. Auch bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gab es Anrufe und E-Mails: „Schon vor den Sommerferien gingen bei uns Beschwerden ein, in den Ferien hat sich das noch verschärft“, sagt Geschäftsführer Oliver Christoffers – und macht Hoffnung auf eine Aufstockung der Ärztezahl – wenngleich er da „kein lokales Problem“ sieht, ein ähnliches „Phänomen“ gebe es auch in anderen Städten wie Hannover, bedingt unter anderem durch starke Geburtenzahlen.

Ganz neu ist der offensichtliche Mangel aber auch in Lüneburg nicht. Bereits im November vergangenen Jahres hatte die LZ darüber berichtet, schon da hatte es lange Wartelisten gegeben. Damals hatten auch Mediziner wie der Kinderarzt Thomas Struck bestätigt, dass er keine neuen Patienten mehr annehmen könne – auch weil sich trotz zusätzlicher Vorsorgeuntersuchungen seit 25 Jahren nichts an der Zahl der Kinderärzte in Lüneburg verändert habe.

Besser geworden scheint es nicht, im Gegenteil. Rebecca Broadbent schildert ihre vergebliche Suche so: „Es gibt neun Kinderärzte im Telefonbuch, von denen einer lediglich Privatpatienten annimmt. Fünf von ihnen waren zeitgleich im Urlaub, es wurde an Kollegen als Vertretung verwiesen, die noch gar nicht aus ihrem Urlaub zurück waren. Bei anderen wurde ich abgewiesen.“
Ähnlich erging es Viktoria Wilke mit Tochter Lara, die im September ein Jahr alt wird.

Ratlosigkeit und Ärger

Die Lüneburgerin ist gerade in ihre Heimatstadt zurückgekehrt: „Ich habe reihenweise Kinderärzte kontaktiert und immer wieder eine Absage mit dem Hinweis erhalten: ,Wir können zurzeit keine neuen Patienten annehmen.‘ Mittlerweile bin ich absolut ratlos und verärgert. Eine Sprechstundenhilfe, der ihre Absage an mein Kind erkennbar unangenehm war, schilderte selbst die kinderärztliche Versorgung in Lüneburg als ,katastrophal‘ und dass sie daher Eltern nun immer an die Kassenärztliche Vereinigung verweist, damit sie diese Zustände vielleicht bei genügend Druck endlich mal als Problem anerkennt und etwas ändert. Sie sagte mir auch, ihre Praxis würde gern aufstocken. Stattdessen müsse sie Eltern am Telefon aufklären, dass diese einen 40 Kilometer langen Weg zu anderen Kinderärzten in Winsen oder Uelzen in Kauf nehmen müssen.“

Viktoria Wilke wird sich nun wohl an die Kinderärztin in Harburg wenden, wo ihre Kleine zuletzt in Behandlung war: „Aber das wird ein Reise-Marathon, ich bin nicht motorisiert, muss öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Das kostet Zeit und Geld, das mir niemand erstattet.“ Denn Fahrtkosten übernehmen Krankenkassen nur in bestimmten Fällen. Wie wichtig der Nachweis der Vorsorgeuntersuchungen ist, erfuhr Viktoria Wilke von ihrer Mutter, die eine Kita leitet: „Für die Aufnahme in Krippen und Kitas sind Impfungen und die Untersuchungen Voraussetzung.“
Christoffers weiß, dass die letzten statistischen Zahlen von 2015 stammen: „Seither hat sich etwas entwickelt, was im Regelwerk noch keinen Niederschlag gefunden hat.“

Über Aufstockung wird im August entschieden

Damit meint er den steigenden Bedarf. „Bei den Kinderärzten haben wir laut Statistik einen Versorgungsgrad von 159,3 Prozent bei 12,25 zugelassenen Arztsitzen, wobei sich bei einem Teil mehrere Ärzte einen Sitz teilen. Damit liegen wir um 3,8 Sitze über der Versorgungsgrenze von 110 Prozent.“ Was sich gut liest, sieht in der Praxis anders aus. So verfüge Lüneburg beispielsweise über eine „Besonderheit“: „Es gibt vier spezialisierte Kinderfachärzte, etwa Kinderkardiologen, die keine U-Untersuchungen machen.“ Dann gibt es mit Prof. Dr. Josef Sonntag im Klinikum noch einen Kinderarzt für Privatpatienten. Davon profitierte beispielsweise Christopher Mai, der für sein Töchterchen Mariella Elfi erstmal sieben andere Ärzte „abklapperte“: „Über Nachbarn erfuhren wir dann, dass man es im Klinikum versuchen könne.“

Christoffers weiß um die Situation der Ärzte, „die nicht mehr als arbeiten können“ und „natürlich“ Notfälle sofort behandelten: „Wobei die Frage ist, was die Eltern als ,Notfall‘ sehen und was der Arzt.“ Der KV-Geschäftsführer hofft auf eine Aufstockung der Kinderärztezahl: „Anfang August tagt der Zulassungsausschuss für Ärzte in Lüneburg. Ihm liegen bereits Anträge auf Sondergenehmigungen vor.“
Für die verzweifelten Eltern hat Christoffers einen Tipp: „Auch Hausärzte dürfen die U-Untersuchungen bei Kindern durchführen. Und nach den Ferien sollten Eltern weiter bei Kinderärzten nachhaken, denn es werden immer wieder Kapazitäten frei.“

Von Rainer Schubert

Vorsorgeuntersuchungen: Das Gelbe Heft

Wird das neugeborene Kind aus der Klinik entlassen, bekommt die Mutter ein Kinder-Untersuchungsheft (Gelbes Heft) ausgehändigt. Darin werden alle Vorsorgeuntersuchungsergebnisse eingetragen. Seit September 2016 gibt es dafür Neuregelungen. So kann in den ersten vier Wochen ein Mukoviszidose-Screening stattfinden, Eltern müssen dem dreistufigen Test zustimmen.

Die neuen Richtlinien heben die Bedeutung der Beratung durch den Kinder- und Jugendarzt, zum Beispiel zu den Themen „Impfen“, zur Prävention von Übergewicht und zum UV-Schutz, als wichtigen Bestandteil der Vorsorgeuntersuchung hervor. Neben der körperlichen Untersuchung hat nun die Beurteilung der emotionalen und sozialen Entwicklung des Kindes einen noch größeren Stellenwert bekommen.

Damit sollen unter anderem psychische Probleme frühzeitig erkannt und behandelt werden können. Ein weiteres Ziel ist es, Misshandlungen im Vorfeld zu verhindern oder zumindest in den ersten Anfängen zu ermitteln, um schnell eingreifen zu können.

Mehr zum Thema: 

Wehe, man braucht einen Arzttermin in Lüneburg

Die schwierige Suche nach einem Arzttermin in Lüneburg — Teil 2