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Gleich beim ersten Treffen waren Jason und Amandus, der zum Autismusbegleithund ausgebildet wird, ein Herz und eine Seele. Nun hofft der Zehnjährige, dass sein vierbeiniger Freund ihn bald durch den Alltag begleitet.

Sicherheitsberater auf vier Pfoten

Lüneburg. Zum neuen Schuljahr wechselt Jason an die Schule am Katzenberg in Adendorf. Und er freut sich darauf. Dabei war Schule für ihn in den vergangenen Jahr en oft mit schmerzvollen Erfahrungen verbunden. Der Grund: Der Zehnjährige ist am Asperger-Syndrom erkrankt, eine Variante des Autismus. „Jason lebt in seiner eigenen Welt, reagiert anders als andere“, umschreiben seine Eltern. Das hat immer wieder zu Konflikten geführt und dem Kind das Leben schwer gemacht. Doch nun zeichnet sich eine gute Wende für ihn ab. Auch weil die Hoffnung besteht, dass Jason einen Autismusbegleithund zur Seite gestellt bekommt. Dessen Ausbildung ist jedoch teuer, die Eltern gehen deshalb an die Öffentlichkeit und bitten um Spenden.

In der Krabbelgruppe gab es erste Anzeichen

Jason ist der dritte von vier Söhnen von Simone und Mathias Bien. Als er in die Krabbelgruppe kam, „fiel erstmals auf, dass er oft abseits saß, sich zurückzog oder die Ohren zuhielt, wenn um ihn herum Trubel war“, berichtet seine Mutter. Erst viel später sei ihnen bewusst geworden, dass sich ihr Kind überfordert gefühlt und so auf Lärm und Reize aus dem Umfeld reagiert habe. In der Kita spitzte sich das zu, immer wieder war Jason über Stunden nicht ansprechbar.

Dann begann die Schulzeit, rückblickend ein Trauma für den Jungen und seine Eltern. Seine Mutter schildert das so: „Die vielen Kinder, Anforderungen wie Hausaufgaben vorzutragen, das sorgte bei ihm für Stress. Jason verkroch sich unter dem Tisch. Oder er reagierte mit Schreien und rannte weinend aus der Klasse, um eine ruhige Ecke zu finden. Dass Lehrer auf ihn einredeten, verstärkte das noch.“ Oft musste Simone Bien ihn von der Schule abholen, „dann hieß es, man schaffe es nicht, ihn im Unterricht mitzunehmen“. Andere Kinder hätten ihren Sohn gehänselt, sagt die Mutter, weil er sich absonderte und es ihm schwer fiel, Kontakte zu knüpfen.

Zusammenbrüche und Depressionen

Jason reagierte mit Zusammenbrüchen. „Zu Hause angekommen, verkroch er sich im Bett.“ Die Situation sei eskaliert, als ihn eines Tages eine Lehrerin am Arm aus der Klasse zog, Jason erzählte daheim verstört davon. Da war das Fass für die Eltern übergelaufen. Bei einem Gespräch mit der Direktorin plädierten sie dafür, dass Jason in eine andere Klasse wechseln sollte. Die stimmte zu und schlug außerdem Ergotherapie zur Verbesserung der Motorik und Einordnung von Sinneswahrnehmungen sowie eine Begutachtung für eine sonderpädagogische Maßnahme vor. Letztere habe aber eineinhalb Jahre auf sich warten lassen, weil sie nicht von der Schule beantragt worden sei, schildert Mathias Bien. „Es heißt doch immer, dass Schulen inklusiv sein sollen. Anstatt unserem Sohn zu helfen, wurde er immer mehr aus dem Unterricht herausgezogen, durfte zum Beispiel am Schwimmunterricht nicht teilnehmen.“ Jason habe zeitweise Depressionen gehabt.

„Er saß oft abseits, zog sich zurück oder hielt sich die Ohren zu, wenn um ihn herum Trubel war.“
Simone Bien, Mutter

Dann tat sich Licht am Horizont auf. „Die Ergotherapeutin, bei der unser Sohn Julian in Behandlung war, sagte, es könne sich bei ihm um Mutismus, eine Form von Sprachlosigkeit handeln und dass Geschwister manchmal an Asperger erkrankt sind.“ Simone Bien recherchierte im Internet, wandte sich danach ans Jugendamt der Stadt und traf dort auf Ethel Koj, Stadtteilmanagerin im Bonhoeffer-Haus. „Sie hat uns sehr geholfen, indem sie uns den Tipp gab, dass es gute Möglichkeiten für eine Diagnose in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Barenbeck gebe.“

Im Juli 2016 dann gab es die Gewissheit. Parallel dazu beantragten die Eltern eine Schulbegleitung, die zum Beispiel in Momenten der Überforderung mit Jason nach draußen geht. Nach vielem Hin und Her konnte außerdem von der Schule erwirkt werden, dass Jason nun ein Notebook mit allen Arbeitsunterlagen hat, da sich seine Finger beim Schreiben verkrampfen. Gut aufgehoben sahen die Eltern ihren Sohn bei der Schule dennoch nicht, deshalb suchten sie nach einer anderen. Die Wahl fiel auf die Schule am Katzenberg, die große Erfahrungen mit Integrations- und Kooperationsklassen hat. „Wir wurden dort total nett empfangen und gut informiert, das waren wir gar nicht mehr gewohnt.“

Mit Labrador Amandus verstand er sich gleich gut

Nach der Diagnose wurde Jason außerdem therapeutisch begleitet vom Autismus-Institut Hamburg, Außenstelle Lüneburg. Dort erfuhr Simone Bien, dass es spezielle Begleithunde für Asperger-Autisten gibt. „Ausgebildet werden sie vom Verein Rehahunde Deutschland.“ Nachdem sie einen Fragebogen ausgefüllt hatten, wurden sie nach Cammin bei Rostock eingeladen. Dort lernte Jason den Labrador Amandus kennen, sie wurden schnell beste Freunde. Amandus könnte künftig sozusagen sein „Sicherheitsberater“ werden und seine Selbstständigkeit fördern. „Denn Jason rennt manchmal spontan einfach drauf los. Der Hund ist dafür ausgebildet, ihn stets zu begleiten. Wenn sich das Kind bedrängt fühlt, schirmt er ihn ab. Bei Zusammenbrüchen sucht das Tier die Nähe, so dass Jason kuscheln kann.“ Auch in der neuen Schule könnte Amandus an seiner Seite sein, das habe der Direktor schon zugesagt, verdeutlichen die Eltern.

Ausbildung kostet etwa 28 000 Euro

Doch es gibt eine finanzielle Hürde: Die Ausbildung von Amandus kostet 28 000 Euro. „So viel Geld haben wir nicht.“ 3000 Euro, das sei machbar. „Der Rest müsste über Spenden finanziert werden“, sagt Mathias Bien. Erste Sponsoren habe die Familie über Facebook gefunden, so soll zum Beispiel ein Benefiz-Beachvolleyball-Tunier für Jason am Donnerstag, 3. August, von 17 bis 24 Uhr auf dem Gelände der Lüneburger Universität stattfinden. „Das Stadtteilfest im Bonhoeffer-Haus soll unter dem Motto ‚Amandus, willkommen in meiner Welt‘ stattfinden“, sagen die Eltern glücklich.

▶ Wer ebenfalls helfen möchte, wendet sich per E-Mail an mathias@familie-bien.de, weitere Informationen gibt es zudem auf Rehahunde.de im Internet.

Von Antje Schäfer

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