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Ganz ohne Tiere wollen Florian und Jana Zeyn mit Tochter paula auch nach dem Verkauf ihrer Milchkühe nicht leben. Heute halten sie eine kleine Herde Fleischrinder auf der Weide -- ihr letztes Refugium. (Foto: t&w)

Nach dem Ausstieg . . .

Wittorf. Es ist ein Dienstag im September, als die letzte Kuh den Stall verlässt. Florian Zeyn hat schlecht geschlafen in dieser Nacht, der Gedanke an den Absch ied quält ihn seit Tagen, doch der Landwirt will sich nichts anmerken lassen. Pünktlich zum vereinbarten Abhol-Termin steht er vor der Stalltür, treibt die Schwarzbunte auf den Anhänger, nickt dem Kollegen, der seine gesamte Herde gekauft hat, zum Abschied freundlich zu. Dann setzt er sich ins Auto und fährt heim, ohne nochmal in den Rückspiegel zu schauen. „Die Familientradition endgültig zu beenden“, sagt er, „das ist einfach ein scheiß Gefühl.“

Der Wittorfer wollte nie etwas anderes im Leben sein als Milchbauer, 80 Kühe mit Weidehaltung, das war sein Ding – nur leben ließ es sich nicht davon. Also plante er 2015 einen neuen Stall, holte sich das Okay für den Millionen-Kredit, spielte die Zukunft mit 150 Kühen zigmal durch. Größer werden, das war für viele der Königsweg. Zeyn hingegen, begann zu zweifeln – und zog im letzten Moment die Reißleine (LZ berichtete). Fast zwei Jahre sind seit dem Ausstieg vergangen. Und wer ihn danach fragt, dem sagt Zeyn heute: „Das war die härteste, aber auch die beste Entscheidung meines Lebens.“

Der erste Urlaub seit mehr als 20 Jahren

Vielleicht hätte ihn schon die letzte Milchpreiskrise den Betrieb gekostet, vielleicht auch erst die nächste oder übernächste. Auf jeden Fall würde er heute tiefer denn je in den Schulden stecken. Bei der Kalkulation des neuen Stalls seien die Berater von einem Mindest-Milchpreis von 36 Cent pro Liter ausgegangen, erzählt er. „Tatsächlich lag der Durchschnitts-Milchpreis bis heute weit darunter.“ Für Zeyn wenig überraschend, denn den Glauben an den Weltmarkt, die wachsende Nachfrage in China und den arabischen Ländern hatte er schon lange vor dem letzten Preisabsturz verloren. „Immer nur größer und größer und größer“, sagt er, „so richtig konnte ich da nie dran glauben.“ Hinzu kam: „Das war einfach nicht unser Ding.“ Die Verantwortung, der Druck, der Schuldenberg, „das hätte mich fertig gemacht“.

Wittorf, ein verregneter Sommertag, auf dem Hof der Familie Zeyn stehen Pfützen, Jungviehställe und Kälberiglus sind leer, nur das Plakat mit einem Herz aus Milch hängt noch an der Scheunenwand. Florian Zeyn sitzt mit Ehefrau Jana und Tochter Paula im Haus am Wohnzimmertisch, alle drei sind braungebrannt von einer Woche Camping an der Ostsee. Für den 39-Jährigen war es der erste richtige Urlaub seit mehr als 20 Jahren, für die fünf Jahre alte Paula die erste lange Reise ihres Lebens. Nach dem Verkauf der Kühe dauerte es, bis sich die Freiheit, kein eigenes Milchvieh mehr melken zu müssen, auch frei anfühlte. Heute ist die Familie angekommen. „Es geht uns gut mit dem Ausstieg“, sagt Jana Zeyn. Mit einem Leben, in dem es Feierabend und Urlaub gibt. „In dem wir uns nicht mehr jeden Abend fragen müssen, ob wir richtig entschieden oder unsere Existenz riskiert haben.“

Ihr Geld verdienen Jana und Florian Zeyn heute in einem Kuhstall im Nachbardorf, arbeiten zusammen mit einem großen Milchviehbetrieb – für sie ohne Risiko. „Das passt zum Familienleben“, sagen sie, „und wir haben unterm Strich deutlich mehr zum Leben als vorher.“ Den Stall am Dorfrand und das umliegende Land nutzen ihre Partner, mit den verlässlichen Einnahmen haben sie begonnen, ihre Schulden abzubezahlen. Nebenbei bauen sie eine kleine Herde japanischer Wagye-Rinder auf, wollen irgendwann in die Direktvermarktung des Edel-Fleisches einsteigen. Leben, sagen sie, werden sie davon vermutlich nie können. „Doch ganz ohne Rinder . . . das geht irgendwie auch nicht.“

Florian und Jana Zeyn haben den Ausstieg nie bereut, doch die eigenen Milchkühe, „die fehlen uns nach wie vor“. Zwar steht das Paar weiterhin jeden Tag im Kuhstall, „doch da bestimmen wir nicht allein den Kurs, würden manches vielleicht anders machen“, sagt Jana Zeyn. Ihre Kühe haben sie nach dem Verkauf nur ein einziges Mal im neuen Roboter-Stall besucht, „das fühlte sich furchtbar an, also sind wir nicht wieder hin gegegangen“. Auch die Lieder, die beim letzten Mal Melken liefen hat Jana Zeyn nie wieder gehört. Und der Melkstand sieht noch so aus, wie sie ihn verlassen hat – nur dreckiger und voller Spinnweben. Zigmal hat sich das Paar vorgenommen ihn aufzuräumen – und jedes Mal einen Grund gefunden, es nicht zu tun.

Von Anna Sprockhoff

Trend in Zahlen: Immer weniger Milchbauern

Seit Jahrzehnten sinkt die Zahl der Milchviehhalter im Land, in Niedersachsen sind laut Landesvereinigung Milch allein zwischen November 2015 und November 2016 rund 430 Betriebe aus der Milchviehhaltung ausgestiegen. Aktuelle Zahlen für alle Betriebe im Landkreis Lüneburg gibt es derzeit nicht, doch ein Blick in die Mitglieder-Statistik des Milchkontrollvereins zeigt, dass die Entwicklung auch vor dem Kreis nicht Halt macht.

Dort waren 2015 noch 67 Milchviehbetriebe mit 6276 Kühen registriert, 2016 sank die Zahl der Betriebe auf 64, die Kuhzahl stieg um 256 auf 6532 Tiere. Aktuell sind es nur noch 62 Betriebe mit 6433 Kühen.