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Der 33 Jahre alte Angeklagte (M.) sitzt vor Prozessstart zwischen Dr. Gerhard Strate (l.) und Johannes Rauwald, zwei seiner insgesamt drei Verteidiger. Foto: phs

Prozess um Angriff auf Polizisten beginnt

Lüneburg. Starke Medienpräsenz am Dienstag im Saal 12 des Lüneburger Landgerichts: Fotografen und Fernsehleute richten vor Beginn der Berufungsverhandlung ihre Kame ras auf das Opfer als Nebenkläger mit seinem renommierten Rechtsanwalt Lorenz Hünnemeyer und auf den mutmaßlichen Täter, der gleich mit drei Verteidigern erscheint, da­runter der prominente Straftverteidiger Dr. Gerhard Strate. Das Verfahren vor der 9. kleinen Strafkammer sorgt überregional für Schlagzeilen, da es um eine brutale Attacke gegen einen 33 Jahre alten Polizisten geht, der auch fast zwei Jahre nach der Tat unter den schrecklichen Folgen leidet und sagt: „Das ist ein komplett anderes Leben“, es habe sich deutlich zum Negativen verändert. Der Angeklagte dagegen schweigt, will sich laut Strate erst später äußern – mit einem klaren Ziel: Freispruch.

Erinnerungslücken durch Alkoholkonsum

In erster Instanz hatte sich der 33-jährige Angeklagte aus Seevetal, der nach eigenen Angaben im Bereich Brand- und Wasserschadenbehebung arbeitet, auf Erinnerungslücken durch starken Alkoholkonsum berufen. Das Amtsgericht Winsen hatte ihn am 3. März wegen schwerer Körperverletzung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte zu einer Haftstrafe von vier Jahren verurteilt. Dagegen zog er in die Berufung.

Das Amtsgericht ging von folgendem Sachverhalt aus: Am 29. August 2015, kurz nach Mitternacht, kommt es während des Dorffestes in Meckelfeld vor der Kneipe „Schnurrbart“ zu einer Auseinandersetzung zwischen jungen Leuten und zwei Sicherheitskräften, die sie nicht in die Gaststätte reinlassen wollen. Die Sicherheitsleute werden attackiert, geschlagen und getreten, schaffen es noch, ihren Disponenten anzurufen, der vier Polizisten alarmiert, die auf dem Festgelände im Einsatz sind – darunter das spätere Opfer. Im Laufschritt legen die Beamten einige hundert Meter zurück, der 33-Jährige kommt zuerst bei dem Pulk von mittlerweile 20 bis 25 Leuten an. Er ruft lauthals: „Halt, stopp! Polizei.“ Er kassiert einen wuchtigen Faustschlag gegen die linke Kopfhälfte, verliert sofort das Bewusstsein und schlägt mit dem Kopf auf dem Straßenpflaster auf. Ein Sicherheitsmann und Polizisten verfolgen einen Flüchtenden, erwischen ihn aber nicht. Der allerdings kommt wenig später zum Tatort zurück und wird festgenommen – es ist der Angeklagte. Er hatte laut dem Amtsgerichtsurteil 2,1 Promille intus, seine Steuerungsfähigkeit sei jedoch nicht eingeschränkt gewesen.

Notoperation rettet Opfer vor dem Tod

Das Opfer erlitt ein Schädel-Hirn-Trauma, nur eine Notoperation mit Öffnung seiner Schädeldecke bewahrte ihn vor dem Tod. Der Polizist lag zwei Wochen im Koma, in der Reha musste er das Sprechen und Laufen wieder lernen, er leidet heute noch unter Sprachstörungen. Immer wieder fehlen ihm wichtige Worte, anfangs konnte er seine Familienangehörigen nicht mal mit deren Namen anreden, ihm fehlten für einfache Gegenstände wie einen Stuhl oder ein Bild die richtigen Worte. Seine Fremdsprachen Englisch und Italienisch beherrschte er gar nicht mehr, kann sich nach eigener Angabe auch heute noch nicht mit seinem aus Italien stammenden Vater unterhalten.

Gestern erzählte der Polizist dem Gericht, dass er mehrere epileptische Anfälle bekommen habe, mit dem linken Ohr nur noch eingeschränkt hören könne und psychisch leide. Das Leben habe sich für ihn komplett verändert, von seiner Lebensplanung habe er sich verabschieden müssen: „Hausbau und Kinderkriegen ist nicht mehr möglich.“ Zwar werde aktuell versucht, ihn wieder in den Polizeidienst zu integrieren, er würde aber keine Waffe tragen und kein Auto fahren dürfen, im Innendienst könne er keine Anrufe entgegennehmen und habe auch keinen Kontakt zu Besuchern. So sei eine Frühpensionierung für ihn nicht ausgeschlossen.

Zu der Attacke gegen ihn konnte der Beamte keine Angaben machen. Das letzte, an das er sich erinnere, sei eine Dienstbesprechung etwa sechs Stunden vor der Tat gewesen – alles andere sei ausgelöscht.

Der Prozess wird am 10. August fortgesetzt, ein Urteil könnte am 23. August gesprochen werden.

Von Rainer Schubert

Hintergrund: Attacken auf Polizisten

Nach den bundesweiten Kriminalstatistiken wurden im vergangenen Jahr mehr als 63 000 Polizisten als Opfer von Straftaten im Dienst erfasst. Dabei ging es zum großen Teil um Widerstand gegen die Polizei, aber auch um Delikte wie schwere Körperverletzung und in sechs im Berichtszeitraum erfassten Fällen sogar um vollendeten Mord. „Schon seit Jahren stellen wir eine deutliche Steigerung derartiger Fälle fest“, sagte Alexander Zimbehl, Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DpolG).

Der Respekt habe deutlich nachgelassen: „Wir müssen mittlerweile bei nahezu jedem Einsatz mit einem tätlichen Angriff rechnen. Was wir brauchen, ist ein klares gesellschaftliches Votum gegen Angriffe auf Polizisten. Darüber hinaus erhoffen wir uns von der Deutschen Polizeigewerkschaft ein deutliches Signal seitens der Justiz, dass solche Taten dementsprechend hart abgeurteilt werden.“ pk