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Martin Stein (l.) und Udo Westerhold entdeckten bereits im Januar die ersten Funde wie Metallstücke und Keramikscherben im Neubaugebiet „Mühlenweg“. Foto: sel

Artlenburg: Archäologen auf der Spur Heinrichs des Löwen

Artlenburg. Müll kann Geschichten erzählen. Über das Leben und den Alltag derer, die ihn weggeworfen haben. Und manchmal fügen sich Erkenntnisse, die man aus Un rat gewinnt, beinahe nahtlos in die bis dato bekannte, lokale Historie ein. Nach langem und zähem Kampf war es Christian Krohn, Heimatforscher aus Scharnebeck, im Juli 2016 gelungen, eine Grabungsgenehmigung für die „Storchenwiese“ in Artlenburg zu erhalten.

Metallscheiben und Keramikstücke

Bereits im Januar 2014 waren Martin Stein und Udo Westhold mit Suchgeräten losgezogen und hatten hier, im Neubaugebiet im südöstlichen Bereich der Gemeinde, Metallstücke und Keramikscherben aus dem Boden geholt. Mittlerweile ist auf dem 20 Meter langen Suchschnitt eine einstige Abfallgrube ausgehoben und mit einem Zeltdach geschützt worden. „Die Abfallgrube ist zwar nicht besonders groß, aber gut gefüllt“, sagt Arne Homann, der das Ausgrabungsprojekt als Archäologe vor Ort betreut. Die Scherben von mindestens sechs Gefäßen, Tierknochen mit Schlachtspuren, mehrere Eisenfunde, darunter mindestens ein Messer, sind bereits gesichert worden. „Auch Holzkohle wurde gefunden. Sie soll mit der C-14-Methode datiert werden. Dann können wir den Fund auch zeitlich genau einordnen“, erläutert Homann die so genannte Radiokarbonmethode, mit der Kohlenstoffe exakt datiert werden können. Vorerst legt er sich bei den Funden auf das Hochmittelalter fest.

Martin Stein (l.) und Udo Westerhold entdeckten bereits im Januar die ersten Funde wie Metallstücke und Keramikscherben im Neubaugebiet „Mühlenweg“.

Wer sich ein wenig mit der ­Artlenburger Geschichte auskennt, dem fällt dazu spontan das Artlenburger Privileg ein, das kein Geringerer als Heinrich der Löwe im Jahr 1161 auf der Ertheneburg erlassen hat und das als Geburtsstunde der Hanse gilt. Denn in diesem – für damalige Zeiten äußerst fortschrittlichen – Dokument räumt der mächtige Herzog den Kaufleuten aus Gotland dieselben Rechte wie den Lübeckern ein. Vielleicht waren die Nutzer der Abfallgrube Zeitgenossen dieses Ereignisses – aber an derartigen Spekulationen beteiligen sich Wissenschaftler natürlich nicht.

„Dass man an dieser Stelle, 400 Meter entfernt von der ehemaligen Burg, überhaupt etwas findet, hätten weder der ehemalige Bezirksarchäologe Jost Assendorp noch ich je gedacht“, erklärt Christian Krohn die Besonderheit der Ausgrabungsstätte. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern würde sich Krohn, der 30 Jahre lang die Ausgrabungen auf dem Scharnebecker Kronsberg begleitet hat, freuen, wenn auch im südlich angrenzenden Nachbargrundstück gegraben werden könnte. Denn die Experten sind auch auf einen Wasserlauf gestoßen. „Das kann ein Teich oder ein alter Elbarm gewesen sein. Das wissen wir noch nicht, deshalb wäre es sehr hilfreich, wenn wir bis zum Schanzengraben suchen könnten“, wünscht sich Archäologe Homann. Kann es sich bei dem Wasserlauf eventuell um die Erthene, den einstigen Fluss, der Artlenburg querte, in die Elbe mündete und dem Ort seinen Namen gab, handeln? Doch auch das bleibt vorerst reine Spekulation.

In Lüneburg geprägte Münzen

Auch in Lüneburg geprägte Münzen wurden bereits zutage gefördert, unter ihnen eine halbierte. Im Heimatkalender 2016, herausgegeben vom Verein für Heimatkunde im Raum Scharnebeck, führt Homann aus, dass diese geteilte Münze „ein Hinweis auf Gewichtsgeldwirtschaft“ sei, „für die das Metallgewicht bedeutender war als seine Form“. Und der Fachmann interpretiert, dass dieser Fund auch den Handel mit den rechtselbischen Slawen belegen könne.
1181 brannte Heinrich der Löwe die Ertheneburg, die vor allem die verkehrstechnisch so bedeutende Furt durch die Elbe geschützt hatte, auf der Flucht vor seinem Cousin, Kaiser Friedrich Barbarossa, nieder. Anschließend wurde ein neues Artlenburg aufgebaut, wahrscheinlich im Bereich von Burgstraße und Kirche. Hatte die Vorgängerburg auch hier, auf dem südlichen ­Elbufer, gestanden?

Nach wie vor ist diese Frage, die Wissenschaftler schon lange beschäftigt, nicht sicher beantwortet. Noch immer glauben einige Historiker, die Striepenburg auf der gegenüberliegenden Geest sei die erste Ertheneburg gewesen. Vielleicht können die neuesten Funde auch hier Klarheit bringen. Denn wenn sich herausstellen sollte, dass der Ort Artlenburg einst eine sehr viel größere Ausdehnung hatte als bislang angenommen, dann dürften die Billunger hier, wo die „Alte Salzstraße“ in die Furt geht, ein bedeutendes Zentrum gehabt haben. Und damit wäre der südliche Standort so gut wie sicher.

Von Silke Elsermann