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Thomas Oppermann führt die SPD-Bundestagsfraktion in Berlin. Der Sozialdemokrat aus Göttingen sprach knapp acht Wochen vor der Bundestagswahl vor rund 100 Gästen in der KulturBäckerei. Foto: be

Oppermann: "Wahlkampf als 800-Meter-Lauf"

Lüneburg. Sozialdemokrat zu sein, ist in diesen Tagen nicht so einfach. Vor Monaten war die SPD hoffnungsfroh mit Martin Schulz als Kanzlerkandidat ins Wahljahr gestartet. Der Wind of Change, die Veränderung, zog scheinbar durchs Land, die Partei feierte gute Umfragewerte und jubilierte über Neueintritte. Inzwischen haben die Kanzlerin und CDU die Herausforderer deutlich hinter sich gelassen. In der „Zeit“ war zu lesen, dass sogar 24 Prozent der SPD-Wähler Merkel für die bessere Kandidatin halten. Am Montagabend besuchte Thomas Oppermann seine Lüneburger Parteifreunde in der KulturBäckerei für eine Wahlkampfveranstaltung.

Wahlkampf als 800-Meter-Lauf

Der Chef der SPD-Bundestagsfraktion sitzt auf dem Flur hinter dem Veranstaltungssaal, die lokalen Abgeordneten für Bundes- und Landtag, Hiltrud Lotze und Andrea Schröder-Ehlers, und zwei Begleiter aus seinem Stab haben ein paar Canapés vor sich stehen. Oppermann stöhnt leise: „Noch einmal drei Wochen Wahlkampf ranhängen, das wird für viele ein Schlauch.“ Denn nachdem die Abgeordnete Elke Twesten von den Grünen zur CDU gewechselt ist, stehen nach der Bundestagswahl am 24. September am 15. Oktober auch Wahlen für den Landtag an.

Oppermann setzt auf Optimismus. „Wahlkampf ist ein 800-Meter-Lauf, davon haben wir 100 hinter uns.“ Auch aus der „zweiten Position“ sei da eine Menge drin. Er macht den Blick weit: In Amerika habe Clinton vorn gelegen und Trump das Rennen gemacht, in Frankreich sah es für Marcron zunächst auch bescheiden aus.

Der 63-Jährige lächelt. Noch. Denn der Einwand liegt auf der Hand. In Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein schienen die Sozis in Führung, doch in den Landtagen in Düsseldorf und Kiel sitzen nun CDU-Ministerpräsidenten. Der ehemalige Richter ist natürlich Profi genug, um auch das drehen zu wollen: „Das zeigt nur, dass sich niemand nicht zu sicher sein sollte.“

Doch womit will die SPD punkten? „Mit Inhalten, mit Gerechtigkeit“, sagt Oppermann. Mit Unterschieden zur Union: Die SPD stehe beispielsweise für ein Rentenniveau von 48 Prozent, die CDU für 43 Prozent. Die SPD wolle die Lebensarbeitszeit nicht verlängern, die CDU schon. Die SPD wolle eine Steuerentlastung von 15 Milliarden Euro für untere und mittlere Einkommen, die CDU wolle Geschenke an die Wohlhabenden verteilen.

Oppermann lobt Reformen unter Kanzler Schröder. „Schröder hat für einen boomenden Arbeitsmarkt gesorgt.“ Doch die Reformen, die das Land nach vorne brachten, hatten soziale Einschnitte zur Folge – das kritisieren linke Genossen schon lange. Klar, dass Oppermann nun sagt, dass Schröder auf dem Parteitag eine umjubelte Rede für Schulz gehalten habe. Trotzdem hat das dessen Umfragewerte nicht nach oben katapultiert.

Kritik an Merkel und Co. darf nicht fehlen. Ursula von der Leyen führe das Verteidigungsressort mehr schlecht als recht, die Ausrüstung der Bundeswehr sei desolat. Innenminister Thomas de Maizière habe bei der Bundespolizei Stellen gestrichen, die SPD habe dafür gesorgt, dass 8000 neue Jobs entstehen sollen. Widerspruch von der CDU. Ganz anders SPD-Minister wie Andrea Nahles, die das Arbeitsressort hervorragend führe.

Wenn Angela Merkel und ihr Kabinett für Stillstand stehen und alles unter Martin Schulz nur besser werden kann, fragt man sich, was die SPD in den vergangenen Jahre gemacht hat – sie sitzt mit in der großen Koalition. Und warum schreiben Wähler die Erfolge, denn wirtschaftlich steht die Bundesrepublik blendend, offenbar Merkel zu?

Ja, da können wir noch nachlegen, räumt Oppermann ein. Das werde schon: „Kanzlerkandidat Schulz ist ein prächtiger Kerl, er wird kämpfen. Wir werden kämpfen. Es gibt Gelegenheiten, anzugreifen.“

Von Carlo Eggeling