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Dieser Sommersteinpilz ist innerhalb nur eines Tages gewachsen. „Pilze können bis zu 13 Zentimeter pro Tag wachsen“, weiß Bernhard Frank. Foto: plu

„Dampfiges Wetter“ gut für Pilze

Lüneburg. Bernhard Frank ist erstaunt, als er mit Körbchen und Pilzmesser ausgestattet seine tägliche Runde durch Waldstücke und Wiesen nahe Lüneburg macht. „Da s Grün ist in kurzer Zeit überall dermaßen hoch gewachsen, da kommt man ja nicht mehr hinterher mit dem Schneiden und Mähen.“ Suchend lässt er seinen Blick über den Boden schweifen und muss feststellen: „Und Pilze sieht man so auch keine.“ Doch die sind in diesem Jahr wieder zahlreich vorhanden – und das viel früher als üblich.

Normalerweise haben Pilze von September bis November Saison. „Dieses Jahr hat sie aber bereits im Juni angefangen. Und dauert nach wie vor an“, sagt Bernhard Frank.

Schuld an dem enormen Pflanzenwachstum ist das herbstliche Wetter der vergangenen Wochen: warmer Gewitterregen, Nebel, schwüle Temperaturen. Dieses „dampfige Wetter“, wie Frank es nennt, ließ nicht nur Gräser und Sträucher in die Höhe schießen, sondern auch unzählige Pilze. Für den leidenschaftlichen Pilzexperten ein Grund zur Freude – aber auch Ursache für jede Menge Arbeit.

Schon als Kind liebte der gebürtige Oberpfälzer es, zusammen mit seinen Eltern „in die Pilze“ zu gehen. Und auch heute, 16 Jahre nach seinem Umzug in den Norden, verbringt Bernhard Frank einen Großteil seiner Zeit beim Pilzesammeln. Sein enormes Wissen teilt er seit Jahren mit Interessierten, bietet im Kreis Lüneburg regelmäßig an den Wochenenden Pilzlehrwanderungen an. Und die Nachfrage ist groß: „Bis zu 100 Leute hab ich bei einer Wanderung schon durch den Wald geführt“, erzählt der 63-Jährige, der seinen Teilnehmern nicht bloß zeigt, wo die begehrten Speisepilze wie Steinpilze und Pfifferlinge zu finden sind. Vor allem möchte er den Pilz-Neulingen die Merkmale der Giftpilze ins Gedächtnis einprägen. „Angelesenes Wissen reicht einfach nicht aus, um Pilze sicher bestimmen zu können. Viele Speisepilze haben giftige Doppelgänger – und die muss man kennen.“

„Dieses Jahr hat
die Pilzsaison
bereits im Juni
angefangen.
Und dauert an.“
Bernhard Frank
Pilzsachverständiger

Doch nicht jeder kennt sie – und so kommt es immer wieder zu lebensbedrohlichen Pilzvergiftungen. Davor warnt derzeit auch das Gesundheitsamt des Landkreises Lüneburg. „Wer sich mit giftigen Pilzen und Pflanzen in der Region nicht genau auskennt, sollte auf die selbst gesammelte Pilzpfanne oder Beeren aus der freien Natur verzichten“, sagt Dr. Marion Wunderlich, Leiterin des Lüneburger Gesundheitsamts. „Im schlimmsten Fall kann eine Vergiftung Organschäden oder ein tödliches Herz-Kreislauf-Versagen verursachen.“

Vor allem Pilze wie der Grüne oder der Kegelhütige (weiße Art) Knollenblätterpilz können schnell mit harmlosen Exemplaren verwechselt werden – und innerhalb kurzer Zeit zum Tod führen. Eine besondere Gefahr besteht hier für zugewanderte Menschen, wenn sie giftige Pflanzen finden, die Speisepflanzen aus ihren Heimatländern ähneln. Im Herbst 2015 hatte eine Flüchtlingsfamilie im Landkreis Lüneburg den hochgiftigen Knollenblätterpilz gegessen, der einem Speisepilz zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Folge: Die gesamte Familie schwebte in Lebensgefahr und musste in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) mit Lebertransplantationen gerettet werden.

„Neuzugewanderte sollten vor dem Verzehr selbstgepflückter Pilze und Beeren gewarnt werden“, rät Karin Kuntze vom Lüneburger Bildungs- und Integrationsbüro. Der Landkreis Lüneburg stellt dazu auf seiner Webseite Audio-Dateien mit Warnhinweisen in acht Sprachen zum Anhören zur Verfügung.

Während der Pilzsaison steht auch Bernhard Franks Telefon oft nicht still. Vor rund 20 Jahren legte er bei der Deutschen Gesellschaft für Mykologie die Prüfung zum Pilzsachverständigen ab. Er erkennt rund 1000 verschiedene Pilzarten – und ist Ansprechpartner bei Unsicherheiten oder bei Verdacht auf Pilzvergiftung: „Die Leute müssen mir die Pilze, die gegessen wurden, so schnell wie möglich bringen, damit ich sie bestimmen kann. Ich darf dabei aber nur Ausschlüsse treffen“, erklärt Frank, der als ehrenamtlicher Ansprechpartner für den gesamten Kreis Lüneburg sowie auch Hamburg zur Verfügung steht.

Zwar ist es dank heutiger Technik möglich, über Fotos oder Videos Giftpilze auszuschließen, für eine genaue Bestimmung aber muss der Experte das Exemplar persönlich unter die Lupe nehmen können, sagt er. „Da wurden mir auch schon Pilze mit dem Taxi oder der Polizei gebracht.“ In diesem Jahr hatte Bernhard Frank bereits sieben Notrufe. „Meistens Kinder, die sich beim Rumkrabbeln irgendwelche Pilze in den Mund gesteckt haben. Zum Glück war da aber bisher nie was richtig Schlimmes dabei.“

Von Patricia Luft

Schnelle Hilfe

Nummern für den Notfall

Bei Verdacht auf Pilzvergiftung ist Bernhard Frank unter (04178) 899567 oder (0160) 98003795 zu erreichen. Für schnelle Hilfe bei Vergiftungen sorgt das Gift-Informationszentrum-Nord unter der Telefonnummer (0551) 19240, die rund um die Uhr erreichbar ist. Reste der verzehrten Pilze oder Beeren helfen den Ärzten im Notfall, das Gift zu bestimmen und die richtige Behandlung einzuleiten. Auf der Internetseite www.landkreis-lueneburg.de/flüchtlinge finden Interessierte weitere Informationen sowie Plakate und Flyer zum Ausdrucken. Hier können auch die Warnhinweise in acht Sprachen angehört werden.

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