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Der zweijährige Frido hat auf seinem 3,80 Meter langen Trampolin einen Heidenspaß. Täglich hüpft er dort auf und ab. Foto: t&w

Trampolin: Gefährlich, aber gut für den Körper

Lüneburg. Mit einem breiten Grinsen sitzt Frido auf dem Trampolin. Er liebt das Sprunggerät, das seine Eltern vor einem Jahr in den Boden eingelassen haben. Der Zweijährige war da noch im Krabbel-Alter, mittlerweile kann er laufen, hat somit auch das Hüpfen für sich entdeckt. Freudestrahlend streckt er dabei die Arme in die Luft. „Zappelmehr macht Spaß“, sagt er und lässt sich nach dem Sprung auf den Po fallen.

Die Adendorferin hat sich damals bewusst für ein bodentiefes Sprunggerät und ein Loch in ihrem Garten entschieden, die Fläche zum Hüpfen ist groß: Ihr Sohn kann sich auf 3,80 Meter Länge und zwei Meter Breite austoben. 500 Euro hat die Familie in die Anschaffung investiert, sich bei dem Aufbau genau an die Vorgaben des Herstellers „Exit“ gehalten. Ein Sicherheitsnetz braucht es nicht, schließlich können die Kinder ebenerdig ein- und aussteigen. Engler sieht daran auch das Risiko des „Herauspurzelns“ minimiert. „Sie haben auch schnell verstanden, dass sich der Boden da plötzlich ändert“, sagt die 30-Jährige, die vor vier Wochen ihr zweites Kind zur Welt gebracht hat.

Das Trampolinspringen hat Frido gemeinsam mit Lena, dem zweijährigen Nachbarskind, gelernt. Bis heute sind die beiden unfallfrei. Auch Übermut kennen sie nicht. „Sie halten beim Springen lieber Händchen“.

Diese Vorsicht ist jedoch längst nicht die Regel. So hat die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie kürzlich eine Studie herausgegeben, aus der hervorgeht, dass sich die Zahl der Trampolinunfälle bei Kindern und Jugendlichen binnen 15 Jahren verdreifacht hat. Rund 28 Prozent der Verletzungen seien schwer.

Auch das Lüneburger Klinikum hat „ganz regelmäßig“ Kinder in der Notaufnahme sitzen, die sich auf dem Trampolin verletzt haben. Der ärztliche Direktor, Dr. Jörg Cramer, sagt: „Das kommt mehrfach in der Woche vor.“ Auch seien es heute deutlich mehr Unfälle als noch vor zehn Jahren. Erst vor einigen Tagen habe man ein Kind mit Schienbeinbruch untersucht.

„Häufig behandeln wir kleine Patienten mit erheblichen Stauchungen, die eine Gipsbehandlung benötigen, aber auch Knochenbrüche sind nicht selten.“ So seien häufig Sprunggelenk, Unterschenkel, Ellenbogengelenk und die Hände betroffen. „Ganz schwere Verletzungen betreffen die Wirbelsäule. Solche Verletzungen kommen bei Älteren vor oder bei Personen, die Trampolinspringen als Vereinssport betreiben“, sagt der Facharzt für Unfallchirurgie und Orthopädie.

Am häufigsten seien es Kinder vom Grundschulalter bis zur Pubertät, die im Krankenhaus mit ihren Eltern vorstellig werden. „Es gibt aber auch Erwachsene, die dann gern mal mithopsen.“ So habe man auch schon einen Vater behandelt, der seine Frontzähne einbüßen musste, nachdem sein Sohn dagegen gesprungen war.

Auch Dr. Steffen Brand, der in einer Lüneburger Gemeinschafts­praxis für Orthopädie und Unfallchirurgie niedergelassen ist, kennt die Risiken nur zu gut. Besonders gefährlich sei das Trampolinspringen, wenn mehrere auf dem Gerät sind. „Es hat nicht die Elastizität, nachzufedern, wenn einer zuerst springt.“ So werde der andere wie auf einem Katapult in die Luft befördert. Jungs seien zudem deutlich gefährdeter als Mädchen: „Sie kommen häufiger mal auf doofe Ideen und springen wilder“.

Auch sei es nicht ratsam, Spielgeräte mit auf das Trampolin zu nehmen. Brand sagt: „Wer nach dem Sprung auf einem Ball landet, kann sich schnell schwer verletzen.“

Trotz der potenziellen Gefahren überwiegen für Dr. Steffen Brand die Vorteile. „Die Kinder haben sehr viel Spaß bei dem Sport.“ Das Springen fördere die motorische Entwicklung, die Koordination und den Gleichgewichtssinn. Auch werde nicht nur eine Muskelgruppe trainiert, sondern der gesamte Bewegungsapparat. „Man braucht beispielsweise Stabilität im Rumpf, um hoch springen zu können.“

Von Anna Paarmann

Tipps von Experten

Wie springt mein Kind sicherer?

▶ Sicherheitsnetz : Um das Trampolin herum sollte sich ein hohes Netz befinden. Es soll verhindern, dass der Springer vom Turngerät herunterfällt.
▶ Alleine springen : Es macht vielleicht mehr Spaß, zu zweit zu springen. Sicherer ist es, alleine zu springen. Denn der schwerere Springer katapultiert den leichteren in die Höhe. Dieser könnte dann unglücklich fallen und sich verletzen.
▶ Ausprobieren : Wer zum ersten Mal auf einem Trampolin hüpft, sollte zunächst aus dem Stand springen. Ein Salto ist eher schwierig. Später kann der Springer dann auch eine Grätsche ausprobieren oder die Beine anziehen.
▶ Spannung : Beim Springen sollte man darauf achten, dass die Bauchmuskeln angespannt sind und der Rücken gerade ist. Auf dem Bauch zu landen, ist keine gute Idee. Dabei drückt man oft den Rücken zu sehr durch. dpa

Hintergrund

Netz schützt bedingt

Die Zeitschrift „Der Unfallchi­rurg“ hat im Jahr 2014 eine Studie zu dem Thema herausgegeben. Ärzten, die im Kinderorthopädischen Behandlungszentrum in Aschau und in der Unfallklinik Murnau in Bayern tätig sind, ist aufgefallen, dass sich in ihrer Nothilfe zunehmend Kinder mit Verletzungen infolge eines Trampolinunfalls vorgestellt haben. So haben sie die Zahlen zwischen 2002 und 2010 ausgewertet. Insgesamt wurden in der chirurgischen Nothilfe in dem Zeitraum 13 566 Kinder behandelt, 262 von ihnen haben sich beim Trampolinspringen verletzt.

Einen sprunghaften Anstieg verzeichnete die Einrichtung im Jahr 2007: Verletzten sich vorher jährlich statistisch gesehen 13,4 Kinder, waren es danach 50,25. Am häufigsten kam es dabei zu Verstauchungen (38 Prozent), Prellungen (28) und Frakturen (25). Bei 76 Unfällen handelte es sich um schwere Verletzungen, häufig waren Gipsbehandlungen oder Klinikaufenthalte nötig.

Die Eltern der Kinder, die sich beim Trampolinspringen verletzt haben, wurden von den Kliniken angeschrieben und zu den Umständen der Unfälle befragt. 153 Fragebögen wurden zurückgesendet. Heraus kam beispielsweise, dass 147 Kinder auf großen Trampolinen Unfälle hatten. Auch verletzten sich 75 Prozent der Kinder, weil sie mit mehreren gleichzeitig auf der Sprungfläche tobten. Und: 28 Prozent aller Trampolinverletzungen sind schwer, obwohl fast zwei Drittel der Trampoline mit einer Schutzausstattung versehen sind. Schutznetze verringern das Risiko einer schweren Verletzung also nicht. Die Ärzte vermuten, dass dieses Phänomen an einer „erhöhten Risikofreudigkeit“ der Kinder liegen könnte, da sie sich durch das Netz „sicher“ fühlen und übermütiger springen.

Das Fazit: „Wir können nur zusammenfassen, dass die vorhandenen Sicherheitsmaßnahmen nicht ausreichend sind und ein sicherer Trampolingebrauch nicht garantiert werden kann. Wenn 28 Prozent aller Verletzungen schwer ausfallen, muss von einem Hochrisikosport gesprochen werden.“ ap