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Vorher war Zebin Gernlach auf ihren Rollstuhl angewiesen. Mit einem neuen, am linken Unterschenkel angebrachten elektronischen Stimulationsgerät ist sie nun in der Lage, von ihrer Wohnung nahe der Hindenburgstraße mit dem Rollator in die Innenstadt zu gehen. Nach einem juristischen Streit hat sich ihre Krankenkasse zur Kostenübernahme bereit erklärt. Foto: be

Fußhebersystem: Technik ersetzt Rollstuhl

Lüneburg. Ihren linken Arm kann sie nicht bewegen, auch ihr linkes Bein ist gelähmt. Fortbewegen konnte sie sich jahrelang nur mit einem elektronischen Rollstuhl und mit einer am Unterschenkel angebrachten Schiene, die für die Lüneburgerin Zebin Gernlach ein „Klotz“ am Bein war. Dann wurde sie auf ein in Amerika hergestelltes Stimulationsgerät aufmerksam, ein sogenanntes Fußhebersystem.

Vor neun Monaten kaufte sie das System, ließ es sich speziell für sie von einem Experten in Salzhausen anpassen – doch ihre Krankenkasse wollte die Kosten in Höhe von 4943,40 Euro nicht bezahlen. So zog die Frau vors Sozialgericht Lüneburg, doch die zuständige Kammer musste kein Urteil fällen: Nachdem ein medizinischer Gutachter in der mündlichen Verhandlung keine Zweifel daran ließ, dass es der Frau mit diesem Impulsgeber wesentlich besser gehe, stimmte der Vertreter der Kasse der Kostenübernahme zu.

Schlaganfall veränderte das Leben über Nacht komplett

Der 62-Jährigen fiel nach dieser Zusage, wie sie selbst sagt, nicht nur ein Klotz vom Bein, sondern auch ein Stein vom Herzen: „Dadurch wird meine Lebensqualität deutlich erhöht, psychisch geht es mir nun viel besser.“ Es war ein Schlaganfall, der das Leben der damaligen Erzieherin aus einem Lüneburger Kinderheim über Nacht komplett veränderte: „Ich lag am 13. August 1995 im Bett, als der Schlaganfall kam.“ Zehn Tage lang war sie im Koma, musste nach einer linksseitigen Totallähmung (Locked-in-Syndrom) unter anderem wieder sprechen und essen lernen – und laufen, was ihr die größten Probleme bereitete. Das Laufen ging mit einer ihr vom Arzt verordneten Schiene mehr schlecht als recht, Treppen waren für sie fast ein Tabu, die konnte sie nur mühsam rauf- und nur rückwärts runtergehen.

Das ist der Impulsgeber, der der Patientin beim Laufen hilft. Er wiegt rund 120 Gramm – deutlich weniger als eine Schiene, die sie zuvor benutzte.

2014 hörte sie von einem sogenannten Impulsgeber: „Der war aber technisch noch nicht so weit wie der Bioness L 300, den ich heute trage.“ Sie wollte schon damals von ihrer Krankenkasse ein Fußhebersystem erstattet bekommen, doch die schaltete den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) ein. Der lehnte ab und wich auch im Widerspruchsverfahren nicht von seiner Meinung ab: Die Orthese, also die Schiene, reiche zur Stabilisierung, Entlastung und Führung. Belegt wurde dies damals mit einer Videodokumentation.

Dieses Video hatte sich jetzt auch Dr. Gerhard Dost, Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie und medizinischer Gutachter im Verfahren vor dem Sozialgericht, angeschaut. Er kam zum Schluss, dass es überhaupt keine Rolle spiele, da es nicht den von der Patientin heute genutzten Impulsgeber zeige: „Der Vergleich hinkt.“ Die Standardprothese habe den Fuß gehoben und gesenkt, die Frau habe sich bewegen können, aber einen Gehstock als Hilfsmittel benötigt. Dabei habe es ein hohes Sturzrisiko gegeben: „Laut Akten stürzte sie zwei- bis dreimal im Monat. Schwerere Verletzungen blieben glücklicherweise aus.“

Das elektronische System wirkt wie eine Einlegesohle

Der Gutachter listete die Vorteile des elektronischen Systems auf: „Das Gangbild ist viel dynamischer, es gibt einen deutlichen Vorteil beim Treppensteigen, das Sturzrisiko wird minimiert.“ Und nicht zu vergessen sei: „Die Orthese ist mit ihren 1,5 bis 1,6 Kilogramm ein Klotz am Bein, das elektronische System wiegt nur 120 Gramm und ist wie eine Einlegesohle.“ Für Zebin Gernlach ist der neue Impulsgeber ein „kleines Wunder“: „Wenn ich beim Gehen den rechten Fuß auf den Boden setze, geht sofort das Sig-nal an den Fußheber, der die Funktion am linken Bein und Fuß auslöst. Es läuft sich wie selbstverständlich, ohne Gleichgewichtsprobleme.“

Die Frau, die Ende der 1990er-Jahre in dem Buch „War ich nicht tot genug?“ ihre Erfahrungen nach dem Koma schilderte und nie aufgegeben hat und täglich ihren Körper trainiert, freut sich, nun ein wenig mobiler zu sein: „Vorher musste ich mit dem elektrischen Rollstuhl in die Stadt fahren“, sagt die in einer barrierefreien Wohnung nahe der Hindenburgstraße lebende Frau: „Heute erledige ich meine Einkäufe mit dem Rollator – und den brauche ich auch nur, um die Einkäufe verstauen zu können.“

Von Rainer Schubert