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Eine Grüne Keiljungfer hat es sich gestern auf dem Kanu gemütlich gemacht. Sie gehört zu den europaweit zu schützenden Fließgewässer-Libellenarten. Foto: plu

Flugkünstler im Visier: Wie lassen sich Libellen schützen?

Lüneburg. Gekonnt gleiten Stefanie Voß und Christine Ebenhack in ihren roten Kajaks durchs klare Wasser, beide haben ein GPS-Gerät um den Hals hängen. Aufmerksa m halten sie Ausschau, was ihnen auf ihrem Weg von Grünhagen nach Lüneburg auf der Ilmenau begegnet. Auf eine Tierart ist ihr Auge ganz besonders geschult: die Grüne Keiljungfer. Sie gehört zu den europaweit zu schützenden Fließgewässer-Libellenarten. Die beiden Biologinnen sollen derzeit im Auftrag der Unteren Naturschutzbehörden der Landkreise Lüneburg, Celle und Uelzen herausfinden, wo die Grünen Keiljungfern fliegen und ihre Eier abgelegen, und wie man sie schützen kann.

Erfassung der Grünen Keiljungfer auf der Ilmenau

Stefanie Voß (27) und Christine Ebenhack (30) arbeiten als Biologinnen für die Planungsgemeinschaft LaReG aus Braunschweig. Dort sind sie unter anderem für die Kartierung verschiedener Tierarten zuständig, zum Beispiel Amphibien, Vögel, Fledermäuse, Käfer oder Libellen. Ihr aktueller Auftrag: die erstmalige Erfassung der Verbreitung der Grünen Keiljungfer in dem rund 5 400 Hektar großen Flora-Fauna-Habitat (FFH)-Gebiet Ilmenau, mitsamt seinen Nebenbächen. „Wir haben uns hierfür einige Stellen herausgesucht, die repräsentativ für das Gebiet sind“, erklärt Voß.
Ziel ist es, die Ergebnisse in einen kreisübergreifenden Managementplan für das FFH-Gebiet Ilmenau einzubeziehen. Die Unteren Naturschutzbehörden der betroffenen Landkreise arbeiten derzeit in einem vierjährigen Kooperationsprojekt zusammen und werden mit Fördermitteln der EU und des Landes Niedersachsen unterstützt.

Stefanie Voß (l.) und Christine Ebenhack kartieren derzeit die Libellenart Grüne Keiljungfer auf der Ilmenau. Jedes gesichtete Exemplar verorten sie in ihrem GPS-Gerät.. Foto: phs

Jede Libelle wird im GPS-Gerät verortet

Bereits im April hatten Voß und Ebenhack immer wieder Kartierungen an der Ilmenau vorgenommen, dabei zunächst das Vorkommen der Larven untersucht, die im kiesigen Flussgrund leben. Auch die Schlupforte an Flussufern hatten sie unter die Lupe genommen, ebenso wie die „Exuvien“ – die über der Wasseroberfläche hängenden Larvenhäute, die nach dem Schlüpfen zurückbleiben.

Dafür waren die beiden Biologinnen mit Wat­hose und Neoprenanzug zu Fuß durchs kühle Nass gestapft. „Das Wasser reichte an manchen Stellen bis zur Brust“, erzählt Voß, die es in dem stellenweise 1,20 Meter tiefen Wasser nicht immer leicht hatte, sich auf den Beinen zu halten. „Einmal bin ich baden gegangen, weil ich ausgerutscht bin.“
Bei bestem Wetter machen sich die beiden Biologinnen jetzt erneut an die Arbeit, diesmal aber auf dem Wasser. Sie suchen nach den geschlechtsreifen Exemplaren der Grünen Keiljungfer – eine kräftig gebaute Libelle mit einer Flügelspannweite von bis zu siebeneinhalb Zentimetern und einer Körperlänge von etwa fünf Zentimetern.

Mit zwei Kajaks befuhren die Biologinnen die Ilmenau von Grünhagen nach Lüneburg. Auf der rund 20 Kilometer langen Strecke ging es vorbei an saftig grünen Wiesen, im Wind wehenden Sträuchern, einer Entenfamilie, Schwalbennestern und riesigen Bäumen, deren ins Wasser hängenden Ästen die Paddel-Gruppe immer wieder ausweichen musste. Mit dabei: Petra Mros vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) und Heike Engelhardt von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Uelzen. Sie findet: „Man muss kennen, was man schützen will.“

Während Christine Ebenhack aufmerksam nach den großen Libellen Ausschau hält, deren Kopf grün und der Schwanz schwarz-gelb ist, erzählt sie: „Man muss sich natürlich für Libellen interessieren. Wenn man das tut, macht das richtig Spaß. Wenn man eine sieht oder Exuvien findet, da freut man sich einfach.“ Jedes Mal, wenn ein Exemplar angeschwirrt kommt, drückt die Biologin einen Knopf auf ihrem GPS-Gerät. „Wir laden die Koordinaten hier direkt ein. Später lesen Zeichner in unserem Büro die Daten aus und erstellen eine Karte. Darauf kann man dann ganz genau sehen, wo genau die Grüne Keiljungfer vorkommt.“

Rund 80 Exemplare sind den beiden gestern begegnet. „Ich dachte, dass man mehr Einzelgänger sieht, aber die Libellen hier sind sehr gesellig“, sagt Voß. „Und zutraulich! Die kennen ja gar keine Scheu“, fügt Heike Engelhardt überrascht hinzu, als sich bereits das zweite Exemplar auf ihre Hand setzt.
Ausgewertet werden die Daten von Stefanie Voß und Christine Ebenhack im September. Ende des Jahres werden die beiden den Unteren Naturschutzbehörden anhand ihrer Beobachtungen Vorschläge machen, mit welchen Maßnahmen der Bestand der Grünen Keiljungfer geschützt werden kann. Eine Maßnahme könnte sein, die Ufer-Grünstreifen erst nach dem Schlüpfen der Larven zu mähen, oder Einleitungen von Klärwasser noch strenger zu kontrollieren, kündigt Engelhardt an.

Von Patricia Luft

Natura: 2000 Schutz von Räumen und Arten

Die Ilmenau und ihre Nebengewässer sind aufgrund des Vorkommens von selten gewordenen Feuchtwaldbiotopen und naturnah ausgeprägten Abschnitten von Heidegewässern ein wichtiger Bestandteil des EU-Schutzgebietsnetzes Natura 2000.

Einzelne Natur- und Landschaftsschutzgebiete sind zu ihrem Erhalt bereits ausgewiesen worden. Bis Ende 2020 soll nun auch die Planung und Abstimmung von notwendigen Naturschutzmaßnahmen in einem Managementplan erfolgen. Nicht nur die Lebensräume entlang der Gewässer stehen im Fokus, auch ausgewählte Tierarten in und an der Ilmenau – zum Beispiel Fischarten wie Groppe und Neunauge, die Bach- und Flussperlmuschel, Fischotter oder die Grüne Keiljungfer.