Donnerstag , 18. Oktober 2018
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Verteidiger Prof. Dr. Steffen Stern (l.) mit seinem Mandanten Ziad K., deren Ziel es ist, eine Verurteilung wegen Doppelmordes zu vermeiden. Foto: phs

Lüneburger Doppelmord: Keine Hinweise auf eine Affekt-Tat

Lüneburg. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Ziad K. seine Ehefrau (32) und deren Freundin (33) am 4. Januar 2015 in seiner Wohnung an der Adolf-Reichwein-Straß e mit rund 40 Messerstichen umbrachte. Das belegen nicht nur zahlreiche Indizien, er hatte die Tat auch in der seit Mai 2017 laufenden Neuauflage des Prozesses gestanden, beruft sich jedoch auf Erinnerungslücken. Hat er die Tat im Affekt begangen?

Das ist eine wesentliche Frage, die die 1. große Strafkammer am Landgericht zu klären hat. Und die verneinte gestern der psychia­trische Gutachter Dr. Reiner Friedrich klar: „Es sind keine Hinweise auf ein Affekt-Delikt zu sehen.“ Der Tatablauf sei „zielgerichtet“ gewesen, auch das Verhalten von K. nach den Messerstichen spreche „gegen eine erhebliche Beeinträchtigung seiner Steuerungsfähigkeit“. Das heißt: Der Mann ist voll schuldfähig.

Bundesgerichtshof sieht Rechtsverstoß

Ziad K. war im September 2016 von einer anderen Strafkammer wegen Doppelmordes zu lebenslänglich verurteilt worden, zudem bejahten die Richter die besondere Schwere der Schuld. Doch der Bundesgerichtshof sah einen Rechtsverstoß, sodass nun erneut verhandelt wird. Die Staatsanwaltschaft bleibt beim Vorwurf des Doppelmordes, begangen aus niedrigen Beweggründen und Heimtücke sowie zur Verdeckung einer Straftat: Ziad K., der sein Alter mit 40 angibt und Kurde jesidischen Glaubens ist, habe Angst gehabt, dass sich seine Frau von ihm trennen und zum christlichen Glauben wechseln wollte. Sie hatte sich mit einer Lüneburgerin angefreundet, die in einer freikirchlichen Gemeinde aktiv war – sie war das zweite Opfer. Der Verteidiger geht von Fällen des Totschlags aus.

Der Psychiater skizzierte den Lebenslauf des Mannes, der mit acht Geschwistern in einem Dorf im Irak aufwuchs. In jungen Jahren flüchtete er nach Deutschland zu einem Onkel in Siedenburg im Kreis Diepholz, arbeitete dort als Ein-Euro-Jobber für die Gemeinde und heiratete im Jahr 2000 seine Frau, die ebenfalls jesidischen Glaubens war. Als er von einem Job in einem Lüneburger Hotel hörte, zog die Familie, zu der inzwischen drei Kinder gehörten, vor rund zehn Jahren nach Lüneburg. Sein Arbeitgeber rutschte in die Insolvenz, K. fand einen Job als Hilfskoch in einer Lüneburger Gaststätte.

„Er hatte eine Wandlung durchgemacht“

„Er hatte eine Wandlung durchgemacht“, sagte Friedrich: „Bis 2010 war K. glücklich, nach dem Tod seines Vaters gab es eine Stimmungsverschlechterung. Und Mitte 2014 war ihm aufgefallen, dass seine Frau anders geworden ist.“ Ihre Kontakte zu der älteren Freundin seien enger geworden: „Ihm war klar, dass ein Religionswechsel Konsequenzen für die Familie haben würde, die Familie ins Abseits geraten“, von anderen Jesiden nicht mehr geachtet würde. Ziad K. hatte erzählt, die Freundin habe seiner Frau einer „Gehirnwäsche“ unterzogen. In der Nacht vor der Tat habe seine Frau ihm vorgeschlagen, gemeinsam in den Gottesdienst der freikirchlichen Gemeinde zu gehen.

Die Tat selber hat K. dem Psychiater nach dessen Angaben so erzählt: Am Nachmittag nach dem Gottesdienstbesuch kam es zu einem Streit, die Ehefrau habe ihm vorgeworfen, er sei ein „Teufelsanbeter“. Dann habe die Freundin geklingelt, ihm vorgehalten, dass er seine Familie verlieren und aus der Wohnung gewiesen würde. Er habe die Freundin zum Gehen aufgefordert: „Er holte ein oder zwei Messer aus der Küche, die Freundin sagte, dass sie keine Angst vor Messern habe. Die Frauen gingen auf ihn zu, dann setzte die Erinnerung bei ihm aus, wie er erzählte.“

Für den Psychiater ist klar, dass Handlungen wie das Holen der Messer und das „Vorgehen gegen gleich zwei Personen, die sich vermutlich gewehrt haben“ gegen „ein impulsives Geschehen“, also gegen eine Affekthandlung sprechen. Das sei ebenso zielgerichtet gewesen wie sein Verhalten nach der Tat, als er sich von seinen Kindern verabschiedete, die er bei einem seiner Brüder untergebracht hatte, dann rund 1000 Euro bei einem Bankautomaten zog und in seinem Auto flüchtete.
Der Prozess wird fortgesetzt.

Von Rainer Schubert