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Hier schlüpfte Ferdinand Revellio (vorne r.) in die ungewohnte Rolle eines „Taxi-Fahrers“, er trat zusammen mit den Enkelkindern Mats-Ole (vorne), Janina und Lasse für das Goldhochzeits-Paar Gisela und Klaus Juraschka in die Pedale. Foto: be

Unterwegs mit dem Fahrradbus

Lüneburg. Radeln sie durch Lüneburg, ziehen sie die Blicke auf sich. Denn ihre sogenannten Fahrradbusse sind ein Novum im Stadtgebiet und ein bislang einzigarti ges Projekt bundesweit. In die Spur gebracht haben es die Leuphana-Studierenden Charlotte Griestop, Tina Brenneisen, Jakob Kohlbrenner, der wissenschaftliche Uni-Mitarbeiter Ferdinand Revellio und der Tüftler Philipp Köder, der im Bereich der Umweltbildung tätig ist. Sie wollen eine Alternative bieten zur Hightech-Kultur auf innerstädtischen Straßen.

Mittlerweile rollen drei solcher Fahrradbusse in Lüneburg, die die lose Projektgruppe über die Fahrradwerkstatt KonRad auf dem Uni-Campus an der Scharnhorststraße ausleiht. Wie beispielsweise jetzt an die Lüneburger Gisela und Klaus Juraschka, die ihre Goldene Hochzeit auf besondere Weise feiern wollten. Ferdinand Revellio setzte sich ans Steuer: „Das war außergewöhnlich, ein Sonderfall.“ Denn in der Regel erhalten Interessierte erst einmal eine Einführung, radeln dann alleine los, also ohne einen Chauffeur der Projektgruppe. Dieses Briefing ist auch nötig, denn ein Fahrradbus lässt sich nicht so einfach fahren wie ein normales Rad. Revellio: „Laut Straßenverkehrsordnung dürfte so ein Gefährt 18 Meter lang sein. Aus Sicherheitsgründen machen wir das aber natürlich nicht. Zusammen mit sechs Mitfahrern bringt der Fahrradbus schon rund 700 Kilogramm auf die Waage.“ So bleibt‘s also höchstens bei drei aneinander gereihten Wagen. Es gibt aber auch die kleineren Varianten für zwei und für vier Personen. Diese Busse haben übrigens auch Tachos, es werden Geschwindigkeiten von bis zu 30 km/h erreicht – wie mit einem normalen Rad auch.

Neben den drei Fahrradbussen, die in Lüneburg auf den Straßen unterwegs sind, hat die Projektgruppe weitere XXL-Fahrräder in Freiburg im Einsatz: „Dort werden sie in einer Schule eingesetzt“, sagt Revellio, der sich auch Projekte mit Kindern und Jugendlichen in Lüneburg vorstellen kann: „Das Umweltbildungszentrum oder Jugendzentren könnten damit wöchentliche Ausflüge ins Grüne anbieten.“ Ein Traum für die jungen Tüftler wäre die Kooperation etwa mit der Lüneburg Marketing GmbH oder der Lüneburger Heide GmbH, die die Gefährte für Touristen-Touren zur Verfügung stellen würden.

Ein ähnliches Projekt ist allerdings in Hannover gescheitert: „Die ökologisch orientierte Initiative ,Wissenschaftsladen‘ in Hannover-Linden hatte starkes Interesse, wollte den Fahrradbus für Samstagsausflüge in ihr Programm nehmen. Sie hat dafür aber keine finanzielle Förderung bekommen.“
Der Fahrradbus selbst ist kostspielig, alleine das Material für ein Exemplar kostet mehr als 2500 Euro, hinzu kommen dann unzählige Arbeitsstunden. Reichlich Geld machen wollen die jungen Initiatoren allerdings nicht, die Ausleihe für einen Fahrradbus kostet laut Revellio 5 bis 10 Euro pro Tag, für ein Wochenende werden 25 Euro genommen – inklusive der Einführung. Angekoppelt werden kann der Schwerlastanhänger der Marke „Carla Cargo“, der sich für Einkäufe, aber auch für kleinere Umzüge eignet. Der Anhänger ist allerdings ein Nachbau, den hat eine andere Projektgruppe entwickelt.

Die Idee für den Fahrradbus entstand 2013 beim Treffen einer Jugendgruppe des BUND. So sollte auf Veranstaltungen gezeigt werden, was in Sachen Mobilität möglich ist. Der Bauplan war nach sechs Monaten fertig, realisiert werden konnte das Projekt aber noch nicht – es fehlte an Geld. Das kam 2014 mit einem Sponsor. Dass mit den XXL-Rädern auch längere Touren und Reisen bewältigt werden können, zeigte die Gruppe bereits: 2015 fuhren junge Leute mit Fahrradbussen beim Projekt „Wander-Uni“ 2000 Kilometer quer durch Deutschland, im Sommer 2016 nahm das aktuelle Team an einer großen Tour von Stuttgart zum Klima-Camp nach Köln teil, strampelte dann weiter nach Lüneburg.

Von Rainer Schubert