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Insgesamt sechs Blumenfelder hatten Renate und Ernst-Henning Michaelis einmal. Vor allem auf dem Reppenstedter Feld lief es schlecht – dort wurde zu viel geklaut oder kaputt gemacht. Foto: phs

Selbstbedienung: Wie ehrlich sind die Kunden?

Lüneburg. Angelika Fiedler hält einen Strauß bunter Gladiolen in der Hand, zupft ein paar grüne Blätter von den langen Stängeln. Die Blumen h at sie gerade selbst geschnitten, auf dem Selbstpflückerfeld in Etzen, direkt an der B 209. „Ich wollte schon so oft mal anhalten, hab es aber nie gemacht. Dabei ist das so schön, selbst zu pflücken“, findet Fiedler. Bevor sie wieder in ihr Auto steigt, zählt sie die Gladiolen und wirft einige Münzen in die vor Ort angebrachte „Kasse des Vertrauens“. Das sei für sie selbstverständlich, sagt sie. Doch nicht alle Kunden sind so ehrlich wie die Lüneburgerin.

So viel Diebstahl, dass Betrieb nicht mehr lohnt

Im Kreis Lüneburg gibt es zahlreiche Stellen, an denen man Blumen oder Obst auf unbeaufsichtigten Selbstpflückerfeldern sowie Gemüse oder Eier an Selbstbedienungs-Verkaufsständen bekommt. Ein Geschäft, das sich unterm Strich lohnt. Doch nicht selten sorgt es für Frust bei den Anbietern – sie müssen sich über geklaute Ware, beinahe aufgebrochene Kassen oder Müll ärgern.

Bewirtschaftet wird das Blumenfeld in Etzen von Renate und Ernst-Henning Michaelis aus Amelinghausen. Seit 2001 hat das Ehepaar Blumen-Selbstpflückerfelder, anfangs als Betriebszweig neben Kartoffel- und Getreideanbau, mittlerweile als „nettes Zubrot zur Rente“.

Insgesamt sechs Felder waren es einmal, unter anderem in Salzhausen, Bad Bevensen und Reppenstedt. Seit zwei Jahren haben die beiden nur noch das etwa ein Hektar große Feld in Etzen. Hier bieten sie von März bis November durchgehend rund 144 000 einzelne Blumen zum Selbstpflücken an – darunter je nach Saison Tulpen, Sonnenblumen, Lilien oder Pfingstrosen.
Und mit dem Etzener Feld machen die beiden auch sehr gute Erfahrungen, sagen sie. Ganz anders sah es zum Beispiel in Reppenstedt aus. Dort wurde so viel geklaut, dass das Ehepaar das Feld aufgab.

Ernst-Henning Michaelis ist noch immer enttäuscht. „Da haben wir so viel Arbeit reingesteckt, und am Ende waren alle Blumen weg und kaum Geld in der Kasse.“ Jedes Feld kostete den Landwirt zirka zehn Stunden Arbeit pro Woche, insgesamt 60 Stunden für alle sechs Felder – für Pflügen, Pflanzen, Pflegen. „Hinzu kommt das tägliche umherfahren, um auf jedem Feld nach dem Rechten zu sehen und die Kassen zu leeren“, sagt Michaelis. „Da erwarten wir auch, dass bezahlt wird“, betont seine Frau Renate und fügt hinzu: „Es ist schade, wenn das alles nicht wertgeschätzt wird.“

Geklaut wird nicht nur dann, wenn niemand zusieht

Doch nicht nur die Zahlungsmoral der Kunden ließ zu wünschen übrig. Gerade in Reppenstedt erwartete das Paar immer wieder böse Überraschungen auf ihren Feldern: Müll, wie zum Beispiel dreckige Windeln oder Öltonnen, zertrampelte Blumen, ausgegrabene Blumen samt Wurzel, beinahe aufgebohrte oder fast leere Kassen. Auch die zur Verfügung gestellten Messer verschwinden regelmäßig. „Seit wir die Blumen anbieten, wurden uns bestimmt schon 2000 Messer geklaut“, schätzt Michaelis.

Erstaunlich auch die Dreistigkeit vieler Kunden: Denn das alles passiert nicht nur dann, wenn niemand zusieht, weiß der Landwirt: „Wir haben auch schon beobachtet, dass Leute riesige Sträuße gepflückt haben, und dann waren da nur ein paar Cent in der Kasse. Die betrügen auch, wenn man auf dem Feld ist. Die Schamgrenze ist da niedrig“, sagt der 70-Jährige. „Anfangs war das schon ein beschämendes Gefühl, beklaut zu werden.“ Es sei ein Lernprozess, „das nicht so persönlich zu nehmen und sich nicht zu sehr darüber zu ärgern“.

Das Gefühl kennt auch Nicole Diersen aus Amelinghausen. Die Landwirtin bietet seit einem Jahr täglich frische Eier und Kartoffeln zum SB-Verkauf an – in einem unbeaufsichtigten Holz-Häuschen auf ihrem Hof, direkt am Rand der Lüneburger Straße. Ihre Erfahrung: „An sich klappt das ganz gut, aber es kommt auch vor, dass etwas nicht bezahlt wird oder zu wenig Geld in der Kasse ist. Das ist dann ärgerlich.“

Ordentlich geklaut hingegen wird bei Andreas und Inga Cohrs aus Bardowick – und das fast wöchentlich. Auch sie haben ein kleines Häuschen auf ihrem Hof stehen, bieten darin Karotten, Gurken, Rote Beete, Weißkohl oder Zucchinis an. Ein 20-Kilo-Sack Karotten oder Rote Beete kostet bei Cohrs derzeit gerade einmal 2,50 Euro, und dennoch werden diese regelmäßig gestohlen.
„Einmal waren es 15 Säcke Karotten auf einmal, die weg waren“, erinnert sich der 56-Jährige. Seine Vermutung: Die Diebe verkaufen diese weiter. Inga Cohrs ist mittlerweile ziemlich genervt davon, sagt sie. „Da überlegt man sich wirklich, ob man das noch weitermacht, oder ob es einfach nur noch was gibt, wenn die Leute bei uns klingeln.“

Die meisten Felder sind nicht bewacht

Unbeaufsichtigt sind die Erd- und Blaubeer-Selbstpflückerfelder von Peter Strampe aus Neetze zwar nicht die ganze Zeit, doch auch er bleibt von Diebstahl nicht verschont. Zumindest tagsüber ist ein Mitarbeiter vor Ort, der die gepflückten Beeren wiegt und abkassiert. „Da läuft größtenteils alles ehrlich ab. Die Leute essen sich zwar während des Pflückens schon satt, was ja auch nicht bezahlt wird, aber das muss man mit einrechnen“, sagt der Landwirt. Er ist überzeugt: Ohne Beaufsichtigung geht es nicht. Das merkt Strampe vor allem abends: „Da klauen die Leute dann die Früchte vom Feld – wenn keiner mehr da sitzt.“ Denn abgezäunt, bewacht oder gefilmt werden Selbstpflückerfelder in der Regel nicht. Die Anbieter vertrauen auf die Ehrlichkeit ihrer Kunden, darauf basiert das Selbstpflücker- und SB-Verkauf-Konzept.

Auch Ernst-Henning Michaelis hat sich bereits des öfteren den Kopf über verschiedene Schutz-Maßnahmen für seine Felder zerbrochen. Doch selbst ein aufgestelltes Gartenhäuschen auf dem Reppenstedter Feld hatte nichts gebracht. „Es sollte so aussehen, als säße da jemand drin – zur Abschreckung. Aber die Leute, die klauen wollen, die klauen“, ist Michaelis überzeugt. Überwachungskameras sind für ihn keine Option: „Das will ich unseren ehrlichen Kunden nicht zumuten.“ Stattdessen möchten er und seine Frau Renate mit einem Schild an die Ehrlichkeit ihrer Kunden appelieren. Ihre Botschaft lautet: „Nur bezahlte Blumen bringen Freu(n)de“.

Von Patricia Luft