Aktuell
Home | Lokales | Das Land wird bunter, die Polizei auch
Ewane Makia aus Lüneburg ist Polzist geworden. Foto: zdf

Das Land wird bunter, die Polizei auch

Lüneburg. Die Frau sitzt aufgelöst am Boden, fünf Flüchtlinge stehen um sie herum. Einer hält ihr Portemonnaie in der Hand, ein anderer ihr Handy – eine zweifel hafte Situation. Doch für die Streife, die dazukam, löste sich das Ganze gut auf: Die jungen Männer hatten die Frau gefunden und ihr geholfen. In der Börse suchten sie nach ihrem Ausweis, um herauszufinden, wo sie wohnt. Im Handy hatte einer die Telefonnummer des Vater gefunden und ihn angerufen. Was einem Norddeutschen ungewöhnlich vorkommt, erklärt sich aus der Geschichte der Flüchtlinge, in deren Heimat, ruft man nicht die Polizei. Denn die hilft Menschen oftmals nicht, im Gegenteil – Menschen stehen sich lieber selber bei.

Für Kriminaldirektor Stefan Mayer ein Beispiel dafür, dass es sinnvoll ist, Dinge zu hinterfragen. Die Grundlage dafür lässt sich schlicht in einem Sprichwort zusammenfassen: andere Länder, andere Sitten. Bei der Polizei klingt das mit wissenschaftlichem Hintergrund gediegener, da ist von „interkultureller Kompetenz“ die Rede.
Mayer, der die Dienststelle zur Bekämpfung organisierter Kriminalität leitet, Polizeipräsident Robert Kruse und Vertreter der Hamburger Polizeiakademie stellten jetzt ein Programm vor, mit dem die Polizei ihre Mitarbeiter schulen will. Der Grund liegt auf der Hand, ein Fünftel der Bevölkerung in Deutschland stammt aus zugewanderten Familien. Also haben es die Beamten zum einen mit einem sich wandelnden Klientel zu tun, andererseits tun in ihren Reihen eben auch Beamte Dienst, deren Eltern vielleicht aus Russland, dem Iran oder afrikanischen Staaten stammen.

Mayer und seine Mitstreiter haben ein eintägiges Fortbildungsprogramm für ihre Kollegen entwickelt. Dabei ist klar, dass sie nicht alle kulturellen Feinheiten berücksichtigen. In Gambia herrschen andere Lebensverhältnisse als in Algerien, Syrien, Afghanistan oder im Kosovo. Polizeipräsident Kruse erklärt: „Wir wollen Stereotypen aufbrechen.“ Wer mehr über den anderen wisse, verstehe ihn besser und gehe anders mit ihm um. Die Beamten betonen, dass sie es in der Masse selbstverständlich nicht mit Kriminellen zu tun haben. Wie bei Einheimischen auch, seien die meisten Zuwanderer Menschen wie du und ich, denen man freundlich begegne.

Beispiele für Unterschiede, die mit der Herkunft zu tun haben, gibt es reichlich im Alltag der Polizei. In arabischen Ländern ist Pünktlichkeit weniger wichtig als hier. Wenn jemand, der erst frisch in Deutschland angekommen ist, eben nicht zu einer vereinbarten Zeit erscheint, muss kein böser Wille dahinterstecken. Wenn der Polizist das weiß, geht er möglicherweise mit weniger Ärger und damit offener in eine Befragung: „Da kann er dann bessere Ergebnisse erzielen.“

Dr. Wulf Köpke leitet das Institut für Transkulturelle Transparenz bei der Hamburger Polizei. Er berichtet, dass seine Kollegen ihren Umgang mit Sinti und Roma verändert haben, in Zusammenarbeit mit Vertretern der Volksgruppen. „Polizisten verfallen darauf, Sinti und Roma zu duzen“, sagt der Wissenschaftler. „Das empfinden die als respektlos.“ Also sprechen Ermittler die Betroffenen nun per Sie an, so wie man es auch für sich selbst erwarten würde.

Die leitenden Beamten sagen, es gehe nicht darum, jede kulturelle Besonderheit hinzunehmen, aber es sei sinnvoll, bestimmte Dinge zu kennen, um zu reagieren. Und selbstverständlich setze die Polizei Grenzen und setze Gesetze durch. Doch es hilft beispielsweise zu wissen, dass man Männer aus muslimischen Ländern besser nicht einen nach oben gereckten Daumen zeigt: Die könnten das nicht als Zustimmung, sondern als Beleidigung empfinden – andere Länder, andere Sitten eben.

Kruse und seinen Ermittlern ist klar, dass sie mit Offenheit und Freundlichkeit keine kriminellen Clans oder Diebesbanden beeindrucken und für sich gewinnen. Aber deren Herkunft und Sitten zu kennen helfe, gegen sie zu ermitteln. Köpke sagt: „Wenn wir verstehen, wie sie ticken, können wir sie knacken.“
Dass selbst Programmentwickler Mayer nicht frei von „Stereotypen“ ist, erlebte er im Winter: Da habe er beim Einkaufen einem Afrikaner erklären wollen, dass es auf dem Parkplatz extrem glatt sei: „Das habe ich auf Englisch gemacht, er hat mir in perfektem Deutsch geantwortet.“

Von Carlo Eggeling

Alltag: Lieber direkt fragen

Ein Lüneburger aus Kamerun macht seine Ausbildung bei der Polizei in Schleswig-Holstein: Ewane Makia. Der 29-Jährige wurde in Afrika geboren, ist in Deutschland aufgewachsen. „Die Leute gucken schon, wenn sie mich in Uniform sehen, das ist anders als bei Kollegen mit deutschen Wurzeln.“

In seinem Job wünscht sich der angehende Beamte, dass man „mich klar fragt, woher ich komme“. Seine Beobachtung: „Deutsche haben oft ein Problem, direkt zu fragen. Sie haben Sorge als ausländerfeindlich zu gelten.“ Allerdings sagt er auch: „Privat nervt es mich, wenn ich Bekannten sage, ich bin Lüneburger und sie mich nach meiner Heimat fragen. Die ist Lüneburg.“

Sein Wunsch: „Man sollte Menschen so nehmen, wie sie sind und nicht in Schubladen stecken.“ Foto: zdf