Aktuell
Home | Lokales | Drama um ein Flüchtlingskind: 12-Jährige stürzt sich aus Fenster
Glücklicherweise war keine Pause, als das Mädchen aus dem Fenster auf den Hof sprang, sodass die Mitschüler das Unglück nicht mitansehen mussten. Foto: t&w

Drama um ein Flüchtlingskind: 12-Jährige stürzt sich aus Fenster

Lüneburg. Es ist eine Tragödie, die sich am Dienstagmittag an der Oberschule am Wasserturm in Lüneburg abspielt: Eine Zwölfjährige springt gegen 11.45 Uhr aus dem Fenster des Klassenraums der 7 b im dritten Stock. Das Mädchen stürzt in die Tiefe, bricht sich beide Beine. Eine Lehrerin und mehrere Mitschüler müssen hilflos zusehen, Entsetzen und Fassungslosigkeit sind riesengroß. Und hinter der Entscheidung des Kindes verbirgt sich vermutlich ein Drama.

Notfall-Team betreut Schüler psychologisch

Schulleiter Uwe Wegener und seine Kollegen reagieren besonnen. Sofort läuft ein Notfallplan an: Während sich Lehrer um das schwer verletzte Mädchen kümmern, sorgen andere dafür, dass die anderen Schüler betreut werden. Pastor Ingo Reimann von der nahen Johanniskirche kommt in die betroffene Klasse, um mit den Jungen und Mädchen zu sprechen. Sieben Experten um Godeke Klinge vom Kriseninterventionsteam von Kinderschutzbund, Kinder- und Jugend­psychiatrie und PädIn sind schnell vor Ort, kümmern sich um Schüler und Lehrer.
Wegener hält sich zu den Hintergründen bedeckt. Er lobt aber die schnelle Hilfe. Die Eltern der Kinder aus der Klasse der Zwölfjährigen seien umgehend informiert worden, die anderen Familien wolle man zügig anschreiben, um sie über das Unglück und Hilfsangebote in Kenntnis zu setzen. Heute kommen Psychologen der Landesschulbehörde ins Haus, um weiterhin Gespräche anzubieten. Auch für die Lehrer sei die Situation sehr belastend.

Video: Familie des Opfers demonstriert vor der Schule

Polizeisprecher Kai Richter erklärt: „Wir sehen keinen strafrechtlichen Anlass. Wir sind mit der Schulleitung zu den Hintergründen im Gespräch.“ Das Kind habe schwere Beinbrüche erlitten. Ein Rettungshubschrauber habe die Kleine ins Klinikum Hamburg-Boberg geflogen. Die Crew von Christoph 19 habe zunächst auf dem Sand landen wollen, sei dann aber zum Krankenhaus an der Bögelstraße geflogen, um die Patientin aufzunehmen.

Nach LZ-Informationen stammt die Zwölfjährige aus dem syrischen Aleppo, sie ist mit ihrer Familie aus der vom Bürgerkrieg verwüsteten Stadt geflohen. Seit mindestens drei Jahren lebt sie in Lüneburg. Es ist unklar, ob das Mädchen nicht schon etwas älter als 12 Jahre ist.

Kontakte in die Islamistenszene?

In der Schule wird vermutet, dass die Kleine auf der Flucht fürchterliche Dinge erlebt hat. In den zwei Jahren, in denen sie die Schule besucht, soll sie mehrfach auffällig geworden sein. Auch eine Klassenkonferenz habe es gegeben. Kinder erzählen, dass sie im Unterricht nicht mitgearbeitet und andere geschlagen habe.
Jetzt eskalierte die Situation. Es gab schon vorher den Verdacht, dass sich das Mädchen radikalisieren könnte, heißt es. Der Teenager soll Kontakte zu islamistischen Kreisen in Hamburg haben. Aus Ermittlerkreisen war zu erfahren, dass man dem Verdacht nachgehe. Am Morgen sollen eine Sozialpädagogin und Schulleiter Wegener das Mädchen auf ein Fehlverhalten und kritische Aussagen angesprochen haben. Das Mädchen soll erklärt haben: „Ich freue mich, bald ein Kopftuch zu tragen, ich gehe nach Syrien und werde Kriegerin.“

Die besorgten Pädagogen sollen mit dem Mädchen gesprochen und ihm mögliche Konsequenzen erklärt haben. Offenbar standen eine Klassenkonferenz und ein Ausschluss vom Unterricht im Raum. Eine Lehrerin sei mit dem Teenager in das Klassenzimmer gegangen. Das Mädchen sollte seine Sachen holen. Im gleichen Moment seien Schüler in den Raum gekommen. Das habe das Mädchen genutzt, um in die Tiefe zu springen.

Von Carlo Eggeling