Donnerstag , 13. Dezember 2018
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Adnan Mustafa (Mitte) ist verzweifelt, seine Tochter hat sich aus dem dritten Stock der Schule am Wasserturm gestürzt. Sie soll gesagt haben, sie wolle als Kriegerin nach Syrien. Der Vater kann das nicht glauben. Foto: ca

Drama um Flüchtlingskind: Familie macht der Schule Vorwürfe

Lüneburg. Der Schmerz ist riesengroß, die Tochter ringt um ihr Leben. Familie Mustafa zog gestern durch die Stadt zur Oberschule am Wassertur m, um zu protestieren: Sie gibt Lehrern die Schuld, dass sich die Zwölfjährige am Dienstag aus dem 3. Stock stürzte und dabei schwerste Verletzungen erlitt. Vater Adnan, Mutter Mona und ihre Angehörigen forderten ein Gespräch mit Schulleiter Uwe Wegener. Das kam schließlich auch zustande, aber nicht in der Schule, sondern in der Landesschulbehörde.

Wie berichtet, hatte sich das Mädchen in die Tiefe gestürzt und war später mit dem Rettungshubschrauber in die Klinik Hamburg-Boberg geflogen worden. Nach Aussage der Familie ist der Zustand der Tochter kritisch. Sie habe mehrere Frakturen und innere Verletzungen erlitten.

Vater: „Meine Tochter liest nicht einmal im Koran“

Es war ein lauter Protestzug durch die Stadt, Freunde hatten sich angeschlossen, rund 30 Personen. Die Familie rief immer wieder, dass die Tochter keinen Kontakt zum Islamischen Staat habe, keine Terroristin sei. Dabei ging es um das, was die LZ aus inoffiziellen Quellen erfahren und berichtet hatte und was gestern der Vater des schwer verletzten Mädchens als auch die Polizei bestätigten. Einer Sozialpädagogin und Schulleiter Wegener gegenüber soll die Kleine gesagt haben: „Ich freue mich, bald ein Kopftuch zu tragen. Ich gehe nach Syrien und werde Kriegerin.“ Eben diese Sätze habe Wegener auch ihm gesagt, erzählte Adnan Mustafa, der aber auch rief: „Meine Tochter liest nicht einmal im Koran.“ Das sei alles Unsinn: Die Lehrer hätten das Mädchen schlecht behandelt.

„Mein Kind hat mit Terror nichts zu tun“

Während man in der Schule vermutet, dass das Kind möglicherweise auf der Flucht aus Aleppo in Syrien furchtbare Dinge erlebt haben könnte und deshalb auch immer wieder so auffällig gewesen sei, dass es eine Klassenkonferenz gegeben habe, weist Mona Mustafa dies zurück, beharrt darauf, dass aller Ärger nur durch die Lehrer verursacht worden sei.

Wie schon am Unglückstag setzen die Pädagogen auf intensive Betreuung: Das Kriseninterventionsteam war in der Schule, dazu Psychologen der Landesschulbehörde, die Gespräche führen. Wegener betont, dass er nichts zu seiner schwer verletzten Schülerin sagen wolle, außer dass alle hoffen, dass sie in die Schule zurückkehren könne. Der Pädagoge erklärt aber: „Es gibt Gespräche für Schüler und Kollegen.“ Besonders für die, die die Tragödie miterleben mussten.

Polizei hält Provokation für denkbar

Wie berichtet, hatten Wegener und eine Kollegin am Dienstagvormittag mit der Zwölfjährigen über ihre radikalen Äußerungen gesprochen. Sie hatten gesagt, dass es eine erneute Klassenkonferenz geben werde und das Mädchen vom Unterricht ausgeschlossen werden solle. Eine Lehrerin ging dann mit der Kleinen in den Klassenraum der 7 b, das Mädchen sollte seine Sachen holen. Als weitere Schüler in das Zimmer kamen, soll die Zwölfjährige gesprungen sein.

Die Polizei unterstreicht, dass es keine Hinweise auf ein Fremdverschulden gebe, man gehe von einem versuchten Freitod aus. Kriminaldirektor Steffen Grimme sagt: „Wir ermitteln. Auch das Thema Radikalisierung ist im Spiel. Wir haben aber keine konkreten Hinweise dafür. Es ist auch denkbar, dass das Mädchen Behauptungen aussprach, um zu provozieren.“

Gleichwohl saßen bei dem Gespräch in der Landesschulbehörde neben mehreren Juristen, Schulleitung und Familie Beamte vom Staatsschutz mit am Tisch. Eine Änderung wird es schnell geben: Die Fenster der Schule, bislang unter anderem aus Denkmalschutzgründen noch zu öffnen, sollen neue Sicherungssysteme erhalten.

Mädge äußert Mitgefühl für die Familie

Die Stadt hat eine Stellungnahme veröffentlicht: „Dem schwer verletzten Mädchen und seiner Familie gilt mein tiefes Mitgefühl“, sagt OB Mädge. „Sie machen im Moment Furchtbares durch – jeder Mensch, der selber Kinder hat, kann das erahnen. Ich drücke dem Mädchen alle Daumen, dass es wieder gesund wird, und ich wünsche der Familie, dass sie erst einmal zur Ruhe kommt und Kraft findet. Meine Gedanken gelten aber auch der betroffenen Lehrerin, die sicherlich sehr mitgenommen ist.“

Und weiter: „Was niemandem in dieser Situation weiterhilft, sind Spekulationen und Gerüchte. Der Unglücksfall muss aufgeklärt werden. Was immer sich genau an der Schule und im Kopf des Mädchens abgespielt hat, dass es zu dieser Ausnahmesituation kam, ist in erster Linie die Aufgabe der Schulbehörde und der Polizei. Ich habe volles Vertrauen in die Schulleitung und das Kollegium der Oberschule am Wasserturm, dass sie in dieser Situation die richtigen Schritte unternimmt.“

Von Carlo Eggeling