Aktuell
Home | Lokales | Retten, was zu retten ist: Bauern im Erntefrust
Matthias Kruse auf einem der Äcker, die er mit dem Mähdrescher zumindest befahren kann. Tiefe Spuren und Schäden im Boden hinterlässt die schwere Maschine trotzdem. Foto: phs

Retten, was zu retten ist: Bauern im Erntefrust

Garze. Seine letzte Hoffnung waren die Azoren. Von dort aus sollte ein Hochdruckgebiet diese Woche trockene, sonnige Tage bringen – genau das, was sich Matthias Kruse derzeit am sehnlichsten wünscht. Wie alle Bauern im Norden steht der Landwirt aus Garze massiv unter Druck: Das Getreide muss gedroschen, die neue Ernte gesät, das Schlimmste irgendwie noch abgewendet werden. Doch so sehr er auch auf das Azorenhoch gehofft hat, „der Sommer, den wir brauchen, will einfach nicht kommen“, sagt Kruse. Ändert sich nichts daran, drohen auf etlichen seiner Äcker Totalausfälle – „und damit die schlimmste Ernte meines Lebens“.

Andauernde Regenfälle werden zum Problem

Probleme bereiten die andauernden Regenfällen der vergangenen Wochen fast allen Landwirten im Norden, doch Kruse und seine Kollegen in der Elbmarsch trifft es besonders hart. „Auf vielen unserer schweren, lehmigen Flächen steht das Wasser, da mit dem Mähdrescher draufzufahren – unmöglich“, sagt er. Allein zehn bis 14 Tage gutes Wetter bräuchte es, damit die Felder wieder befahrbar sind. „Das heißt, für uns zählt momentan nur noch eins: Retten, was noch zu retten ist.“

Die Qualität beim Weizen hat Kruse längst abgeschrieben. „Der optimale Erntezeitpunkt ist überschritten, das Korn ist mehrmals nass und wieder trocken geworden, dadurch haben sich Keime gebildet und der Kleber im Korn ist aufgebraucht.“ Die Konsequenz: „Der Weizen verliert an Backfähigkeit und kann nur noch verfüttert werden.“ Statt aktuell rund 160 Euro bringt die Tonne Weizen Kruse damit nur noch 145 Euro. „Hinzu kommen vermutlich Trocknungskosten von 20 bis 40 Euro pro Tonne.“ Gewinne sind damit nicht mehr zu machen, doch selbst die hat Kruse mittlerweile abgeschrieben. „Ich bin froh um jeden Hektar, den wir ernten können.“ Denn in Gefahr ist nicht mehr nur die diesjährige Ernte.

„Irgendwann wird uns nichts anderes übrig bleiben, als die Ernte unterzupflügen.“
Matthias Kruse, Landwirt aus Garze

Zeit für Aussaat drängt

Die Zeit drängt auch bei der Aussaat für die Ernte des kommenden Jahres. „Das Wintergetreide und vor allem der Raps müssen dringend in die Erde“, sagt Kruse. „Doch dafür müssen wir erstmal ernten können.“ Kommt in den nächsten zwei Wochen der erhoffte Sommer, „dann kann es sein, dass wir mit einem blauen Auge davonkommen und nur die Qualitätseinbußen hinnehmen müssen.“ Bleibt es regnerisch und kalt, „dann wird uns irgendwann nichts anderes übrig bleiben, als die Ernte unterzupflügen“.

Ein weiteres Problem, mit dem viele Landwirte in der Elbmarsch derzeit kämpfen, sind die Spuren, die ihre Maschinen im aufgeweichten Boden hinterlassen. Der Radegaster Landwirt Karsten Reinstorf geht davon aus, „dass wir Struktur-Schäden und Verdichtungen auf Extrem-Standorten über Jahre spüren werden“. Sorgen macht er sich als Viehhalter zudem um die Versorgung seiner Tiere. „Denn auch die Qualität von Stroh und Heu leidet zum Teil extrem unter dem regnerischen Wetter.“

Geringste Erntemenge seit 2012

Nicht ganz so hart wie die Landwirte in der Elbmarsch trifft es Bauern, die auf leichteren Böden wirtschaften. „Auch dort haben die Landwirte Probleme mit Qualitätsverlusten und zusätzlichen Trocknungskosten“, berichtet Landberater Peter Müller, „aber die meisten Flächen sind zumindest befahrbar.“ Sorge bereitet vielen Bauern in der Geest dafür die anstehende Kartoffelernte. „Bleibt es so nass, führt das zu Problemen mit Krautfäule und der Lagerfähigkeit der Kartoffeln“, sagt Müller. Die Konsequenz: Einbußen auch in diesem Bereich.

Niedersachsenweit erwartet die Landwirtschaftskammer Niedersachsen bei der Raps- und Getreideernte die geringste Erntemenge seit 2012. Doch sicher ist auch das bisher nicht. „Noch ist nicht klar, ob alle Felder, auf denen noch Getreide steht, auch geerntet werden können“, heißt es in einer Pressemitteilung. Schlimmstenfalls müsste die Kammer ihre Prognose korrigieren – und zwar nach unten.

Alles hängt also am Wetter der nächsten Wochen. Und zumindest bis Ende August wagt der Meterologe des Deutschen Wetterdienstes, Florian Bilger, eine Prognose. „In den nächsten Tagen wird es wieder wärmer, Anfang der nächsten Woche dann wieder kälter“, sagt er. Dauerregen sei zwar vorerst nicht in Sicht, „doch es kann immer wieder mal Schauer und Gewitter geben“. Ob das ausreichen wird, zu retten, was von der Ernte noch zu retten ist? Matthias Kruse kann es wieder mal nur hoffen.

Von Anna Sprockhoff