Donnerstag , 18. Oktober 2018
Aktuell
Home | Lokales | Die sozialpolitischen Mahner: Sozialverband wird 100 Jahre
Solidarität und Teilhabe: Rund 8000 Menschen demonstrierten 2016 auf dem Opernplatz in Hannover für soziale Gerechtigkeit, ein zentrales Anliegen des Sozialverbandes Deutschland. Auch Teilnehmer aus Lüneburg waren in der Landeshauptstadt dabei. Foto: nh/sami atwa

Die sozialpolitischen Mahner: Sozialverband wird 100 Jahre

Lüneburg. Endlos lange Reihen Uniformierter ziehen durch die Stadt. Menschen ohne Arme, ohne Beine, mit dicken Verbänden um Kopf und Glieder oder dem starren Blick traumatisierter Menschen. Fast drei Millionen Soldaten kehren nach dem Ersten Weltkrieg mit bleibenden Schäden zurück. Doch der Staat kümmert sich kaum. Das ist die Geburtsstunde des „Bundes der Kriegsteilnehmer und Kriegsbeschädigten“.

Gebutrstagsfeier im Glockenhaus

Am Freitag, 25. August, feiert der Sozialverband (SoVD) Lüneburg-Lüchow im Glockenhaus seinen 100. Geburtstag gemeinsam mit den SoVD Harburg-Land, Landrat Manfred Nahrstedt, Bürgermeister Eduard Kolle, SoVD-Landesgeschäftsführer Dirk Swinke und dem Landesverbandsvorsitzenden Adolf Bauer und vielen befreundeten Verbänden. Denn soziale und politische Ungerechtigkeit sind heute genauso brisant wie vor 100 Jahren.

„Der SoVD hat seit seiner Gründung den Anspruch, sozialpolitischer Mahner zu sein“, sagt Kreisvorsitzende Elfi Rosin. „Deshalb werden alle Gesetzesvorhaben und politischen Pläne in den sozialpolitischen Ausschüssen auf allen Ebenen diskutiert und von den Fachleuten bewertet.“ Umfangreiche und fachkundige Stellungnahmen seien nicht selten die Grundlage für Politik, Meinungen zu überdenken oder Gesetzesvorgaben neu zu bewerten.

Sechs Menschen legen Grundstein

Sechs Menschen waren es, die am 23. Mai 1917 in Berlin den Grundstein für den Kampf gegen Ungerechtigkeit legten. Allen voran Erich Kuttner. Als Soldat selbst schwer verletzt, setzte sich der Journalist in seinen Artikeln immer wieder für die Versorgung der Kriegsrückkehrer und soziale Gerechtigkeit ein. Mit einem Startkapital von 61 Mark begann der Verein seine Arbeit.
Aus Hilfe für Kriegsopfer wurde schnell Hilfe für Hinterbliebene und Unterstützung für behinderte Menschen. Auch Wohnungsbau und eine bessere Rente standen bald auf der Agenda. 1922 hatte der Reichsbund bereits 830 000 Mitglieder.

Er initiierte Baugenossenschaften, gewährte Hypothekendarlehen, richtete eine Sterbekasse ein, bot im eigenen Erholungsheim Kuren an und betrieb Werkstätten für „Kunstgliederbau“, in denen Kriegsbeschädigte an Prothesen arbeiten. Über das Engagement für die Kriegerwitwen kommt der Reichsbund auch früh zur Frauenarbeit: Nur sechs Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechtes, gibt es 1924 im Bundesvorstand eine hauptamtliche Mitarbeiterin für die Frauenarbeit.

Versorgung von Kriegsopfern und Behinderten

Nach der Selbstauflösung im Mai 1933 erhielt der Reichsbund in Lüneburg am 14. November 1946 die Erlaubnis seine Arbeit wieder aufzunehmen. Zwei Jahre später waren es bereits wieder 6000 Mitglieder in etlichen Ortsverbänden Lüneburgs.

Nach wie vor war die Versorgung von Kriegsopfern und Behinderten das oberste Ziel, doch schon bald kamen Dinge wie Unfallversicherung, Rentenanpassung oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall dazu. Der Reichsbund gestaltete etliche Gesetze mit und gründet 1972 auch einen eigenen Jugendverband.

2010 war für den Kreisverband Lüneburg noch einmal ein entscheidendes Jahr. „Der Kreisverband Lüchow-Dannenberg konnte sich finanziell nicht mehr halten“, erinnert sich Elfi Rosin. Der Kreisvorsitzende Hans Stenzel fragte bei ihr an, ob eine Fusion denkbar sei. „Das war ein finanzielles Risiko, aber wir haben es hinbekommen“, sagt Rosin. 1700 Mitglieder aus Lüchow kamen zu den 900 aus Lüneburg dazu. Heute ist der Kreisverband Lüneburg-Lüchow stabil. „Die Arbeit des SoVD steht fest auf zwei Säulen“, sagt Rosin. „Zum einen in der Beratung und Vertretung sozialrechtlicher Verfahren und zum anderen in der Betreuung vor Ort.“ Ein Konzept, das sich seit 100 Jahren auszahlt.

Von Claudia Wesch

Ausstellung: 100 Jahre SoVD

Pünktlich zum 100. Bestehen hat der SoVD eine Wanderausstellung zusammengestellt, die vom 28. bis 30. August im Senioren- und Pflegestützpunkt Niedersachsen, Region Lüneburg, in der Heiligengeiststraße 29 a zu sehen ist.

Der Besuch der Ausstellung ist nach einer Anmeldung im SoVD-Beratungszentrum Lüneburg unter (04131) 240211 jederzeit möglich. Infos auch unter www.100-jahre-sovd.de.