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Mit 57 Jahren hat Volker Trebjilla seine Angst überwunden und Schwimmen gelernt. Foto. phs

Seepferdchen mit 57 Jahren

Lüneburg. Jede Ausrede war ihm recht. Hauptsache nicht schwimmen müssen! Termine hier, Krankheiten da – sein ganzes Leben lang hat sich Volker Trebjilla durchge mogelt, wenn es darum ging, bloß nicht ins Wasser zu müssen. Die Angst vor der Tiefe war immer zu groß gewesen. Bis zu diesem Sommer. Da hat der Jelmstorfer begonnen, in Lüneburg Schwimmunterricht zu nehmen. Jetzt hat er sogar sein Seepferdchen gemacht – mit 57 Jahren.

„Gut machst du das, ganz ruhig. Gleich hast du es geschafft!“ Schwimmmeister Stephan Blischnok steht am Beckenrand im Freibad Hagen in Lüneburg und macht Volker Trebjilla mit einfühlsamer Stimme Mut. Der Jelmstorfer schwimmt gerade eine ganze Bahn, 50 Meter. Auf halber Strecke muss er sich kurz an der Abtrennung festhalten, ein paar Mal durchatmen. Dann aber geht es weiter. Dass der 57-Jährige gerade erst vor Kurzem gelernt hat zu schwimmen, merkt man ihm kaum an.

Sein ganzes Leben lang hat sich der Jelmstorfer gedrückt, wenn er in Schule, Freizeit oder bei der Bundeswehr hätte schwimmen sollen. Immer wieder hat er andere Dinge vorgeschoben, Termine, Hobbys, Verpflichtungen, Krankheiten. „Einmal hab ich mir sogar mit Absicht in den Finger geschnitten“, erzählt Volker Trebjilla. Der Grund: Er hatte nie gelernt zu schwimmen.
Ein schlimmes Erlebnis hatte es zwar nie gegeben, aber die Angst vor der Tiefe war einfach zu groß – und das Vertrauen in das eigene Können zu klein. „Nichts unter den Füßen zu haben, das war für mich nicht ohne. Außerdem hatte ich große Zweifel, dass ich das mit den Armen und Beinen im Wasser gleichzeitig koordinieren kann.“
Dass er es kann, hat Trebjilla sich selbst und allen anderen bewiesen. Im Mai erst hatte er seine erste Einzelunterrichtsstunde bei Schwimmmeister Stephan Blischnok in Lüneburg. Im Nichtschwimmer-Becken hatte er mit Schwimmbrett und Pool-Nudel ausgerüstet die ersten Grundbewegungen gelernt.

Nach nur acht Stunden ging es dann das erste Mal ins Schwimmerbecken. Und kurz darauf „flog dann auch die Pool-Nudel weg“. „Ich wollte das mit aller Gewalt und hatte in dem Moment auch keine Angst. Das war ein Wahnsinnsgefühl. Ich dachte nur: Wow, ich kann das ja doch!“, erinnert sich der 57-Jährige, der nicht bloß gelernt hat, sich aus eigener Kraft über Wasser zu halten. Er hat auch gleich das Seepferdchen gemacht, dazu gehört unter anderem, 25 Meter am Stück zu schwimmen.

Im Juni, nach nur sechs Wochen Unterricht, konnte Schwimmlehrer Stephan Blischnok Trebjilla die Urkunde überreichen – und das orange-weiße Abzeichen. „Das wurde natürlich gleich auf die Badehose genäht“, zeigt der Frühschwimmer stolz. Stolz ist auch Stephan Blischnok. Und überrascht: „Dass das so schnell geklappt hat, ist außergewöhnlich – vor allem in dem Alter.“ Denn gerade Erwachsene seien nicht mehr so unbefangen wie Kinder, sondern machen sich größere Sorgen, was passieren könnte, sagt Blischnok. „Das blockiert einen dann selbst.“
Kollege Martin Petersmann hat ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass vielen Erwachsenen der nötige Mut sowie die Geduld zu diesem Schritt fehlen. „Wir haben immer mal wieder Leute, die sich einen Termin machen. Aber viele kommen dann einfach nicht“, sagt der Schwimmmeister. „Viele schämen sich, überhaupt zuzugeben, dass sie nicht schwimmen können. Dass es jemand so durchzieht wie Volker Trebjilla, ist eher die Ausnahme.“
Anders als früher, als er gerade mal die Füße hineingehalten hatte, kommt Volker Trebjilla heute aus dem Wasser kaum noch heraus. „Es macht total Spaß, und es tut mir gut“, sagt er, und möchte auch anderen Nichtschwimmern Mut machen: „Es ist ja keine Schande, wenn man das nicht kann. Man muss nur seine Angst überwinden. Ich bereue es, dass ich das nicht schon viel früher getan habe.“

Seine nächsten Ziele hat Volker Trebjilla auch schon vor Augen: In zwei Wochen möchte er das Bronze-Abzeichen machen, dafür jetzt noch ordentlich trainieren. „Und dann möchte ich unbedingt mal in einem See und im Meer schwimmen.“

Von Patricia Luft