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Fachärzte sollen von der gemeinde Zuschüsse für "Investitionen in Praxisräume" erhalten. Foto: t&w

Ein Lockruf für Mediziner

Adendorf. Eine robuste Gesundheit alleine reicht nicht: Kassenpatienten brauchen vor allem Geduld, wenn sie einen Termin beim Facharzt benötigen. Seit Jahren bemüht sich die Adendorfer Politik, niedergelassene Fachärzte in die Gemeinde zu locken. Vergeblich! Jetzt will man es auf ungewöhnliche Weise versuchen. Fachärzte sollen in Lüneburg ihre Praxis für einen Tag schließen und dafür in Adendorf praktizieren. Entsprechende Überlegungen wurden jetzt im nichtöffentlichen Verwaltungsauschuss der Gemeinde diskutiert.

Roter Teppich für Mediziner?

Einige Kommunalpolitiker sind bereit, den Medizinern den roten Teppich auszurollen und ordentlich Steuergeld in die Hand zu nehmen. Von bis zu 100 000 Euro etwa sprechen die Adendorfer Sozialdemokraten – verteilt auf fünf Jahre. Nicht für die Miete, sondern „für Investitionen in die Praxisräume“, erklärt Adendorfs SPD-Chef Rolf-Werner Wagner. „Schließlich handle es sich hier um „Daseinsvorsorge.“ Vor allem ältere Personen und Familien mit Kleinkindern würden nach Wagners Worten von so einem „Praxistag“ in Adendorf profitieren.

Aufgeworfen wurde die Idee von einem Adendorfer Apotheker. Dr. Jörg Berling, selbst Arzt in Adendorf und Vorstandsmitglied in der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN), hat nach eigenen Worten mehrfach intensive Gespräche mit Kollegen geführt. Konkret mit einem Kinder- und einem Augenarzt sowie einem Dermatologen. Denn dass sich Fachärzte zusätzlich und dauerhaft in Adendorf niederlassen, sieht die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) nicht: Die Region Lüneburg gilt mit Fachärzten als „überversorgt.“

Wenig Interesse an Zweigpraxen

Aber: Selbst die Idee einer Zweigpraxis in Adendorf stoße bei seinen Kollegen auf „wenig Interesse“, bedauert Berling. Und er betont: „Ich habe da wirklich alles versucht!“ Für die Kollegen würde die Zweigpraxis in Adendorf nur Mehrarbeit bedeuten, „einen wirklichen Benefit haben die Kollegen davon allerdings nicht.“

Dass die „Rote-Teppich-Aktion“ für Ärzte jetzt in der Öffentlichkeit diskutiert wird, findet Adendorfs Bürgermeister Thomas Maack (SPD) gar nicht gut: „Wir stehen noch ganz am Anfang mit den Gesprächen! Dass jetzt bereits auch schon Summen in der Öffentlichkeit kursieren, findet der Rathauschef daher mehr als misslich.

Doch so charmant die Idee auf den ersten Blick zu sein scheint, Fachärzte wenigstens stundenweise nach Adendorf zu locken, findet die Aktion trotzdem auch im Rat nicht ungeteilte Zustimmung.

Als durchaus „delikat“ bezeichnet CDU-Fraktionschef Gunther von Mirbach die Idee, Selbstständige zu fördern, auch wenn es sich um „Daseinsvorsorge handle“. 100 000 Euro als Anschubfinanzierung sei für die Christdemokraten aber zuviel. „20 000 bis 30 000 Euro würden wir mittragen“, betont von Mirbach. Aber: „Es gibt keinen echten Mehrwert, wenn die Facharztpraxis einen Tag in Lüneburg schließt, nur um in Adendorf zu öffnen.“

Weg nach Lüneburg unzumutbar?

Als „Quatsch“, empfindet auch Markus Graff (Linke) entsprechende Überlegungen: „Die Wartezeiten für die Patienten werden sich dadurch nicht verringern.“ Der Vorteil für die Adendorfer bestünde seinen Worten zufolge lediglich darin, nicht nach Lüneburg fahren zu müssen. „Wir haben einen gut ausgebauten ÖPNV. Die Notwendigkeit, Praxiszeit einzukaufen, sehe ich daher nicht“, betont Graff in einer Pressemitteilung: „Solch eine Möglichkeit für Amelinghausen, Dahlenburg oder Neuhaus wäre sicherlich bedenkenswert, aber nicht für Adendorf“, so Graff, der die entsprechenden Steuergelder lieber für die Senkung der Kosten bei der Mittagsverpflegung in den Kitas eingesetzt wissen würde.

Eine Zweigpraxis bringt „kein zusätzliches Angebot für die Adendorfer Bürger“, bemängelt auch Hans-Dieter Wilhus, ABAE-Fraktionschef. Deshalb kann er sich auch nicht vorstellen, dass der Rat dafür Geld locker machen würde: „Wir haben andere Baustellen, einen Infrastruktur-Stau in der Gemeinde“, bemängelt er. Straßen müssten repariert, der Bahnhaltepunkt finanziert werden. „Das alles kostet Geld.“

Wenig begeistert äußert sich auch Bärbel Sasse von den Grünen: „Wir möchten die fachärztliche Versorgung in Adendorf verbessern. Aber mit dem geplanen Modell ändert sich nichts an der Anzahl der Praxisstunden. Das ist kein Zusatzangebot.“ Und Ratsvorsitzender Rainer Dittmers fragt sich: „Ist es den Adendorfern wirklich nicht zumutbar, die wenigen Kilometer nach Lüneburg zum Facharzt zu fahren?“

von Klaus Reschke