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Rund 150 Eimer mit Kartoffeln verfüttert Stefan Rebere täglich in der Kronsbergheide an seine 350 Schnucken und 20 Ziegen. Foto: phs

Es kriselt in den Schäfereien

Amelinghausen. Gute Tanten, schlechte Tanten: Es gibt sie auch im Tierreich. Ein rundes Wollknäuel mit spitzen Hörnern lauert hinter einem Futtertrog auf seine Chance. Die Chance, das kleine Lämmchen, das da gerade aus dem Leib einer anderen Heidschnucke auf die Welt plumpst, zu umsorgen. Schlimmstenfalls könnte darunter die Bindung zwischen der Mutter und ihrem Spross leiden. Aber nicht mit Schäfer Thomas Rebre. „Tanten“ nennt er die Schnucken, die sich um Lämmer kümmern, die ihnen nicht gehören. „Das nervt!“ Und so greift er das begehrte, pechschwarze Häufchen Leben bei den Vorderläufen und zieht es in eine Einzelbox, wo Mutter und Kind erst einmal ihre Ruhe haben. Die übermotivierte Tante stapft erregt davon. Nur noch wenige Stunden werden vergehen, dann hat sie endlich eigenen Nachwuchs.

So geht das seit Tagen in der Kronsbergheide. Bis zu 30 Lämmer täglich erblicken hier im März und April das Licht der Welt. Es sind die Monate, in denen sich der Schafstall bei Amelinghausen in einen Kreißsaal verwandelt – mit Einzelkabinen, Übungsgruppen und natürlich „Geburtshelfer“ Rebre. Der Spiegel hat ihn mal als Typ Charles Ingalls aus „Unsere kleine Farm“ beschrieben: Lederhose, Stroh in den dunklen Locken – einer, dem man den Knochenjob an der frischen Luft sofort zutraut. Doch mit dem steht er jetzt nicht mehr alleine da: Seit einem Jahr zieht auch Michael Kaufmann mit der Herde durch die Heide – als gleichberechtigter Partner in einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR).

Petition für den Erhalt des Traditionsberufs im Internet

Damit schwimmen die beiden offenbar gegen den Trend: Bundesweit wird zur Zeit immer wieder vor dem „Sterben der Schäfereien“ gewarnt. Mehrere hundert Berufsschäfer waren Mitte des Monats mit Schafen vor das Landwirtschaftsministerium in Berlin gezogen, um für eine Weidetierprämie zu demonstrieren. Im Netz kursiert derweil eine viel beachtete Petition, in der Wanderschäfer Sven de Vries dazu auffordert, mit Unterschriften zum Erhalt des Traditionsberufes beizutragen. Mehr als 115 500 Menschen kamen dem Ruf bis jetzt schon nach. Fehlender Nachwuchs, überhandnehmende Bürokratie, hohe Arbeitsbelastung, Gefahren für die Herden durch den Straßenverkehr oder die Wölfe: Die Liste der genannten Probleme ist lang. Der Bundesverband Berufsschäfer fordert nun die Einführung einer Weidetierprämie: 38 Euro pro Mutterschaf und Jahr. „Wenn wir die Kombination haben: Der Sektor kommt nicht klar, hat aber eine hohe gesellschaftliche Wichtigkeit, dann kann diese Prämie gewährt werden“, so Verbandsvorsitzender Günther Czerkus. Deutschland ist eines der wenigen Länder in Europa, die darauf bislang verzichten.

Auch Michael Kaufmann hält die Verbandsforderung für eine „sinnvolle Sache“. Im Augenblick erhalte man lediglich flächenbezogene Prämien. Durch die nun diskutierte Variante würde aber auch der Mehraufwand, den man speziell in der Weidetierhaltung habe, entlohnt. Er und sein Partner Rebre leben vom Verkauf des Fleisches und von Zuschüssen für die Pflege naturgeschützter Flächen, die mit dem Grasen der Schafe auf Wanderschaft einhergeht. Die Tiere halten das Grün in der Heidelandschaft kurz und tragen so zur Artenvielfalt bei. Ihre Wolle lagert derweil in rauen Mengen auf dem Dachboden des Stalls, denn dafür gibt es heute kaum noch Abnehmer. Trotzdem: „Es läuft, der Betrieb funktioniert“, sagt Kaufmann. Er ist Geburtshelfer, Krankenpfleger, Hirte, Hundetrainer und Umweltschützer – bei Regen und Hitze an 365 Tagen im Jahr. Der Beruf des Schäfers sei zwar schön, „aber auch relativ viel Arbeit für relativ wenig Geld“. Seinen Verdienst pro Stunde habe er bislang nie berechnet, sagt der 35-Jährige. Der liege aber sicher unter dem Mindestlohn.

2300 Betriebe in der Schafhaltung zählte die Landwirtschaftskammer hier 2017 – das sind rund zehn Prozent weniger als noch vor fünf Jahren.

Zurück zum Stall. Draußen im Auslauf herrscht Leben. Einige Lämmer vollführen akrobatische Übungen auf den Rücken der älteren Artgenossen, andere dösen in der Sonne. Hin und wieder kommt es vor, dass sie ihren Müttern dabei verloren gehen. Dann brüllen sie aus Leibeskräften – manchmal stundenlang. Mit einem Mal springt die gesamte Herde auf und rennt hektisch durch die Gegend. Eine trächtige Schnucke haben die Schwangerschaftspfunde ins Wanken gebracht, nun liegt sie am Boden. Thomas Rebre hilft ihr auf. Das muntere Treiben kann weitergehen.

Vor dem Zaun stehen Eimer voller Kartoffeln – 150, um genau zu sein. Rebre kämpft sich mit dem Futter durch die gierige Menge. Die Damen wissen: „Wenn der Typ kommt, gibt es auf alle Fälle genug zu fressen. Wir laufen herum und werden sicher satt.“ „Die kennen uns und die vertrauen uns“, sagt der Schäfer über seine 350 Heidschnucken und 20 Ziegen. Letztere können bestimmte Pflanzen effektiver verbeißen als ihre wolligen Kolleginnen.

Etlichen Betrieben fehlen die Nachfolger

Die Schäfereien befinden sich seit zehn Jahren auf dem absteigenden Ast. „Sowohl die Zahl der Halter als auch die der gehaltenen Tiere ging seit 2008 deutlich zurück“, erklärt Marktexperte Dr. Albert Hortmann-Scholten von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. „Bundesweit beschäftigen sich nach Angaben des Fördervereins der deutschen Schafhaltung nur noch 989 Berufsschäfer mit der Haltung dieser Spezies. Ein Minus von 13 Prozent innerhalb von sieben Jahren.“ Der Trend zeichnet sich auch in der Lüneburger Heide ab: Circa 2300 Betriebe in der Schafhaltung zählte die Kammer hier 2017 – das sind rund zehn Prozent weniger als noch vor fünf Jahren. Und fragt man Mathias Brockob, Berater für Schaf- und Ziegenhaltung der Kammer, ist ein Ende des Abwärtstrends nicht in Sicht – im Gegenteil: „Eine weitere Abnahme ist zu befürchten, da keine Nachfolger bereit sind, die Betriebe weiterzuführen und ein Schutz gegen die Wölfe für die meisten Betriebe nicht möglich ist.“

Ziegen bekommen meist Zwillinge, Heidschnucken in der Regel nur ein Jungtier. Die Geburt dauert nur wenige Minuten, selten kommt es zu Komplikationen. Trotzdem gibt es in Amelinghausen auch in diesem Jahr fünf „Flaschenkinder“, die drei- bis fünfmal am Tag auf ihre warme Vollmilch warten. Leichte Beute für den Wolf? Fehlanzeige. Bislang hat er kein Tier aus Rebres Bestand reißen können. „Wir machen seit Jahren gute Erfahrung mit Elektrozäunen“, sagt der 51-Jährige und möchte es dabei zu diesem Thema auch lieber belassen.

In den vergangenen zehn Jahren soll sich die Zahl der Lämmer und Schafe in Niedersachsen um rund 60 000 Tiere reduziert haben, sagt Hortmann-Scholten mit Bezug auf die Niedersächsische Tierseuchenkasse. In der Lüneburger Heide gibt es derzeit noch rund 28 000 Schafe, davon sind 10 000 Heidschnucken. Wenn die Herde der Kronsbergheide nach der Lammzeit zu ihrer zehnmonatigen Wanderschaft aufbricht, wachen die Schäfer und ihre Altdeutschen Hütehunde wieder über 700 Schafe – bis die Jungtiere ab etwa einem Dreivierteljahr schlachtreif sind. Ältere Schnucken, die mit der Herde nicht mehr mithalten können, werden durch Nachwuchs ersetzt: circa 20 pro Jahr. Ein abschließender Gesundheits-Check noch Ende April, dann lernt der Nachwuchs das Grünland bei Bergen kennen und für Thomas Rebre endet die anstrengendste Zeit des Jahres – doch auch die schönste.

von Anna Petersen

One comment

  1. „Wir machen seit Jahren gute Erfahrung mit Elektrozäunen“, sagt der 51-Jährige und möchte es dabei zu diesem Thema auch lieber belassen.“
    Das ist sehr schade!
    Die große Masse der deutschen Weidetierhalter wäre heilfroh, an dem Geheimwissen Rebre’s teilhaben zu können. Der Großteil der Wolfsrisse findet nämlich in mindestens gleichwertig geschützten Herden statt und Hobby-und Kleinhaltungen werden dann eben einfach aufgegeben, Berufsschäfer durch unbezahlbare, nicht leistbare und letztendlich unwirksame Herdenschutzmaßnahmen in den Ruin getrieben.
    Richtig spannend wär auch, zu erfahren, wie ein Betrieb mit 350 Schnucken zwei Familien ernähren kann. Bei allen anderen selbstständigen Schäfern reicht eine derartige Schafzahl nicht mal aus, um eine Person zu ernähren.
    Die einzige logische Erklärung: Der ganze Laden hängt am Tropf von NABU oder anderen NGOs, die zur Verwirklichung ihrer lupophilen Träume Vorzeigebetriebe wie diesen dringend brauchen, um ihre Lüge von der friedlichen Koexistenz von Großraubtieren und Weidevieh unter einer städtisch lebenden, wildnisverblendeten und unbetroffenen Bevölkerung weiterhin verbreiten zu können. Wenn diese Leute das Schäfersterben auch real mit den völlig unregulierten Wölfen in Verbindung brächten, flössen wohl deutlich weniger Spendengelder aufs ‚Willkommen Wolf‘-Konto.