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Seit rund einer Woche wird im Kulturcafé Kaffee ausgeschenkt - auch von den Bewohnern (hier Bella Wohl) selbst. (Foto: t&w)

„Wir sind nicht wie McDonald’s“

St. Dionys. Der einen war das Leben zu laut und zu hektisch, der anderen zu ruhig und einsam: Bella Wohl, die Großstadt-Lady aus der „Mini-WG“ in Kreuzberg und Pia Thomas-Gilsbach, die Frau aus dem Harz mit Haus und Garten, hatten beide ein bisschen davon, was die andere vermisste – doch auch davon ein Quäntchen zu viel. Die Lösung für die beiden Frauen fand sich in der Lüneburger Heide, genauer in St. Dionys: Wo die Ruhe höchstens mal von einem Rübentransporter zerschnitten wird und der Trubel zwischen den mehr als 100 Jahre alten Mauern eines ehemaligen Gutshauses gerade erst wieder eingezogen ist – zusammen mit Bella Wohl, Pia Thomas-Gilsbach und sieben weiteren Bewohnern, die sich in das Abenteuer „Wohnprojekt“ gestürzt haben.

„Der Traum ist in der Realität angekommen.“
Pia Thomas-Gilsbach

Früher kehrte man unter diesem Dach beim Griechen auf einen Ouzo ein. Jetzt beherbergt es Menschen, die hier leben – und zum Teil auch arbeiten. Denn seit letzter Woche ist das Kulturcafé, ein zentraler Meilenstein des Gemeinschaftsprojekts, eröffnet worden. Immer Freitag bis Sonntag zwischen 10 und 18 Uhr servieren Bewohner und externe Mitarbeiter Kaffee und Speisen, regelmäßig sind Kulturveranstaltungen im frischsanierten Erdgeschoss geplant. „Der Traum ist in der Realität angekommen“, stellt Pia Thomas-Gilsbach fest. Nicht alles sei so gelaufen, wie geplant, doch das Ergebnis stimme sie und ihre Mitbewohner zufrieden. Nur eines fehlt noch zum vollkommenen Glück: Familien mit Kindern, die sich in dem denkmalgeschützten Haus niederlassen möchten.

Kurzer Rückblick: Alles begann vor rund zwölf Jahren als eine träumerische Idee unter guten Freunden. Bella Wohl und zwei alte Schulfreundinnen philosophierten darüber, wie es wohl wäre, ein gemeinsames Wohnprojekt fürs Alter auf die Beine zu stellen – draußen auf dem Land, in einem großen Haus, alle zusammen. Ein Gedanke, der später immer wieder aufkeimte und die Frauen tatsächlich eines Tages zur Suche nach einem geeigneten Objekt trieb. In St. Dionys sprang der Funke sofort über: Die gut 1000 Quadratmeter im Ortskern werden, nach einer aufwendigen Kernsanierung, seit vergangenem Jahr zu großen Teilen bewohnt. Wer ein paar Quadratmeter erwirbt und ausbaut, wird Mitglied der Eigentümergemeinschaft, kann als solches den Garten nutzen und sich bei Fragen der Hausgestaltung aktiv einbringen.

Gruppe sucht noch Familien

Klingt einfach, ist es aber nicht immer: „Da gibt es natürlich mal unterschiedliche Meinungen“, weiß Pia Thomas-Gilsbach. „Wäre ja aber auch schade, wenn nicht.“ Alle vier bis sechs Wochen trifft man sich, um über gemeinsame Angelegenheiten zu sprechen: Wildblumenwiese oder kurzer Rasen? Treppengeländer aus Holz oder Metall? Meist findet sich ein Kompromiss – und wenn nicht, dann wird eben abgestimmt. Jetzt wachsen Sträucher auf dem gepflegten Rasen und das Metallgeländer ziert ein Holzgriff. „Wir sind nicht wie McDonald’s, in dem Sinne, dass wir nur eine klare Linie haben“, erklärt Bella Wohl. „Das Zusammenleben ist hier ein lebendiger Prozess.“

Das jüngste Mitglied ist 48, das älteste 68 Jahre alt. Eigentlich würden sie sich für die Hausgemeinschaft noch ein oder zwei junge Familien wünschen. „Das hat sich allerdings als schwieriger herausgestellt, als wir gedacht hatten“, erzählt Bella Wohl. Oft hätten potenzielle Mitbewohner im letzten Augenblick noch einen Rückzieher gemacht. Über die Gründe kann die 64-Jährige nur spekulieren: zu teuer, zu abgelegen, zu individuell? Jedenfalls will die Gruppe die Suche noch nicht aufgeben, mit Kino- und Konzertabenden zumindest etwas Kulturprogramm in den Ort bringen. Das hat sich auch bereits herumgesprochen. Wohl: „Die Dorfbewohner sind total positiv und freuen sich, dass hier wieder etwas passiert.“

Derweil werden die letzten Handgriffe für die drei neuen Gästezimmer getätigt. Hier sollen bald Radfahrer, Wanderer und Besucher der benachbarten Golfanlage übernachten. Die Hausbewohner haben die Räume zusammen ausgebaut, wollen das Angebot künftig auch gemeinsam betreiben. Möbelpakete und gestapelte Bodenbeläge im Eingangsflur verraten: Hier wird noch regelmäßig gehämmert und gebohrt.

Pia Thomas-Gilsbach stört sich daran nicht. Nachdem ihre vier Kinder aus dem gemeinsamen Haus im Harz ausgezogen waren, regierte Stille zwischen den vertrauten Wänden. „Dann stehst Du da und überlegst.“ Was tun mit dem ganzen Platz? „Du überlegst: Wo schlafe ich heute?“, führt Bella Wohl den Gedanken zu Ende. Ihre Nachbarin nickt. In St. Dionys neuestem alten Haus ist es niemals leise. Immer gibt es etwas zu tun. Der Einzug ins Wohnprojekt sei „ein Sprung ins kalte Wasser“ gewesen, sagt Pia Thomas-Gilsbach rückblickend, aber einer in die richtige Richtung.

Von Anna Petersen