Mittwoch , 19. September 2018
Aktuell
Home | Lokales | Bienenbüttel | Kettensäge contra Fallobst
Annelie, Matthias Stelling, Josephine und Larissa (v.l.) können nicht verstehen, das gesunde Obstbäume gefällt wurden. Sie fordern, dass an gleicher Stelle neue Obstbäume als Ersatz gepflanzt werden. Foto: kre

Kettensäge contra Fallobst

Bienenbüttel. „Das ist unglaublich – ein Skandal!“ Heinrich Scholing, Ratsmitglied der Grünen im Bienenbütteler Gemeinderat spricht aus, was auch andere Ratsmit glieder und Anwohner im Bienenbüttler Ortsteil Hohenbostel denken. Dort wurden im Baugebiet Klusfeld an einem Fußweg 23 kerngesunde Obstbäume von der Verwaltung gefällt. Ohne Wissen des Gemeinderates, ohne einen zuvor politisch gefassten Beschluss. Jetzt ist die Aufregung groß – und nicht nur SPD und Grüne fordern: „Die gefällten Bäume müssen an gleicher Stelle durch neue Obstbäume ersetzt werden!“

Bürger sprechen sich für eine Wiederanpflanzung mit Obstbäumen aus

Kein Verständnis für die Kettensägen-Aktion zeigt auch Anwohner Matthias Stelling: Der Grundschullehrer hat in seiner Hohenbosteler WhatsApp-Gruppe eine spontane Umfrage gestartet. Das Ergebnis ist nicht repräsentativ, aber eindeutig: „73 Bürger sprechen sich für eine Wiederanpflanzung mit Obstbäumen aus, nur drei Anwohner wollen Laubbäume nachgepflanzt wissen“, berichtet Stelling.

Doch warum mussten die Obstbäume überhaupt weichen? Die Entscheidung sei bereits im vergangenen Jahr getroffen worden. Mit Beteiligung der Ortsvorsteherin Diana Wendt-Dittmer, heißt es aus dem Rathaus. Doch auf Anfrage der LZ bestreitet das die Ortsvorsteherin: „Beim Anlieger-Treffen war ich nicht zugegen“, sagt sie.

Ins Rollen gebracht hatten offenbar zuvor einige Anwohner die Aktion. Die hatten sich nämlich bei der Verwaltung über den Zustand der Verbindungswege aufgrund der starken Verunreinigungen durch das Fallobst beschwert. Schnell fand man offenbar eine Lösung, denn in einem Schreiben an die „betroffenen Anlieger“ heißt es: „Die Obstbäume werden, sobald es möglich ist, gegen Laubbäume ausgetauscht, damit das Fallobst die Wegenutzer nicht länger gefährdet.“ Der Brief, unterschrieben von Bürgermeister Dr. Merlin Franke, endet mit dem Satz: „Bitte helfen Sie mit, Hohenbostel sauber und ordentlich zu halten. Vielen Dank!“

Dass die Gemeinde plant, dafür Obstbäume an anderer Stelle zu pflanzen, kann Matthias Stelling ebenso wenig beruhigen, wie die Politiker im Rat: „Es waren 23 Obstbäume, 20 Jahre alt und alle kerngesund“, erinnert Grundschullehrer Stelling – und weiter: „Wenn man sich ihres biologischen und ästhestischen Wertes bewusst ist, und das sollte die Politik sein, dann versteht es sich von selbst, dass Obstbäume keine manövrierfähige Gestaltungsmasse sind.“ Ähnlich beurteilt auch Reinhard Schelle-Grote, Fraktionschef der Grünen im Bienenbütteler Rat, die Aktion: „Problematisch empfinde ich den Hinweis auf die ‚Verschmutzung‘ durch Fallobst und die Aussage, weniger problematische Bäume, also Laubbäume ohne Früchte, pflanzen zu wollen.“

Angelegenheit wird Thema im Rat

„Wir werden die Angelegenheit auf jeden Fall im Rat zur Sprache bringen“, sagt auch SPD-Fraktionschef Arnold Witthöft, für den ebenso klar ist: „Da standen Obstbäume und da müssen auch wieder Obstbäume hin.“ Eine Neuanpflanzung von Obstbäumen an anderer Stelle ist für Witthöft nicht ausreichend.

Im Rathaus hat man die Aufregung, die die Kettensägen-Aktion auslöst, vermutlich falsch eingeschätzt – den Auftrag zum Fällen der 23 Bäume deshalb als „Geschäft der laufenden Verwaltung“ betrachtet. Und eine Baumschutzsatzung gibt es in Bienenbüttel – noch – nicht. Sehr zum Ärger nicht nur der Grünen im Rat: „Diese Maßnahme schreit geradezu nach Einführung einer Baumschutzsatzung“, sagt Reinhard Schelle-Grote und auch sein Fraktionskollege Heinrich Scholing kündigt Konsequenzen an: „Wer angesichts des Klimawandels und des Insektensterbens solche Maßnahmen als ‚laufendes Geschäft der Verwaltung‘ abtut, der hat doch den Knall nicht gehört.“
Enttäuscht ist auch Matthias Stelling vom fehlenden Umweltverständnis: „Ich baue mit meinen Schülern Insektenhotels. Wenn ich nun aber an den Baumstümpfen vorbei gehe, beschleicht mich nur noch ein Gefühl der Sinnlosigkeit in das eigene Tun.“

Gerne hätte die LZ auch Bürgermeister Dr. Merlin Franke oder seine Vertreterin Inga Heitmann persönlich befragt. Doch beide waren gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Genauso wenig wie Vertreter der CDU und der KA-Fraktion im Rat.

von Klaus Reschke