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Drei Generationen einer Familie: Ulrich, Thomas und Magnus Heuer aus Varendorf bei Bienenbüttel. (Foto: t&w)

Ein Gespräch unter Männern

Varendorf. Heute ist Himmelfahrt – und Vatertag. Die Landeszeitung war aus diesem Anlass zu Besuch bei Familie Heuer aus Varendorf – auf ein Gespräch unter Männern. Wie hat sich die Erziehung in den letzten 50 Jahren verändert? In welchen Punkten bleibt man ewig Sohn? Und was wird mit dem Familienbetrieb passieren? Magnus (14), sein Vater Thomas (51) und Großvater Ulrich Heuer (80) sinnieren über Vergangenheit und Zukunft. Als sie zum Termin auf dem gemeinsamen Hof eintreffen, hat Landwirt Thomas gerade Getreidebestände besichtigt, Ulrich Heuer wegen der Pferdezucht mit einer Hengststation telefoniert, und Magnus kommt vom Fußball.

Magnus: Pferde sind ja nicht so mein Ding. Aber manchmal helfe ich trotzdem. Manchmal. Selten.

Thomas: Er hat mal mit dem Reiten angefangen, aber das war nur eine kurze Sache. Du warst auch eigentlich sehr gut, aber… Nun, jetzt ist es der Fußball.

Ulrich: Ich saß ja schon mit sieben Jahren im Sattel. Wie der Teufel bin ich geritten.

Die Wände in Ulrich Heuers Besprechungszimmer sind mit Preisen und Bildern von seinen Pferden tapeziert: das Springturnier von 1949, die erste Schimmelstute, Fuchsjagden. Schon mit Ende 20 hat er zwei Zuchtstämme aufgebaut. Heute leben 60 Tiere auf dem Hof.

Ulrich: Mein Vater wusste, dass ich dieses Pferde-Virus hatte. Er sagte immer: „Tu mir einen Gefallen und übertreibe das nicht.“ An seine Worte musste ich immer denken – auch, als es dann immer mehr Pferde wurden. Er ist sehr früh gestorben. Mein Bruder auch, mit zehn schon. Ich wäre sonst wohl nie Bauer geworden. Ich habe oft geschimpft.

Thomas: Du hast mir ja auch immer davon abgeraten, Landwirt zu werden. Erstaunlich eigentlich…

Ulrich: Du hättest auch Tierarzt werden und den Hof verpachten können.

Thomas: Ich hatte mich ja sogar für einen Platz in der Tiermedizin beworben…

Ulrich: Und als Du den Studienplatz dann bekamst, hast Du zu mir gesagt: „Wer will eigentlich Tiermedizin studieren? Du oder ich?“ Das werde ich nie vergessen. Ich dachte damals einfach: Du würdest auf dem Trecker sitzen müssen, wenn andere im Sommer Urlaub machen, im ständigen Kampf mit dem Wetter leben.

Thomas: Ich habe es nie bereut, Landwirt zu werden, auch wenn ich mir mittlerweile vorstellen könnte, etwas anderes zu machen. Man ist ja immer an den Hof gebunden. Ich würde gerne mal wieder Magnus beim Fußball zugucken.

Magnus: Ich sollte vielleicht auch Dir öfter mal bei der Arbeit über die Schulter gucken.

Wer vorbei an den kilometerlangen, grünen Pferdewiesen die stattliche Auffahrt zum Hof Heuer hinaufspaziert, der kommt unweigerlich an einem großen Findling vorbei: „Heuer 1416“ steht darauf. Die über 600 Jahre alte Tradition des landwirtschaftlichen Betriebs in Varendorf ist in Stein gemeißelt. Nicht so die Zukunft.

Wenn Du das so hörst, Magnus: Noch Lust, Landwirt zu werden?

Magnus: Landwirtschaft kann ich mir schon vorstellen – aber nicht mit den Pferden. Ich glaube, das ist schon eine ziemlich anspruchsvolle Sache.

Thomas: Du müsstest schon Lust dazu haben. Das ist das A und O.

Ulrich: Ich finde das gut, was der Junge sagt. Wir haben eine Menge Grünland. Da kannst Du auch eine Mutterkuhherde halten. Pferde weg – bis auf ein paar vielleicht –, Kühe drauf und Du machst Deinen eigenen Kram.

Wie ist denn bei Ihnen damals die Hofübergabe gelaufen?

Thomas: Als ich vom Studium zurückkam, habe ich zuerst als Angestellter auf dem Hof gearbeitet. Das war ein fließender Übergang von vier oder fünf Jahren.

Ulrich: Also, früher gab der Alte nie so früh den Hof ab. Mit 70 oder 75 vielleicht. Aber Thomas hatte studiert, war mittlerweile 35. Und wenn er hier bleiben soll, dachte ich: Gut, warum also nicht? Ich halte viel von ihm, weil ich davon überzeugt bin, dass er ein guter und aufrichtiger Mensch ist.

Thomas: Man wächst ja in die Sache hinein. Wenn jetzt einer meiner Söhne Lust dazu hätte, würde ich als Vater auch manche Dinge prüfen: Ist er in der Lage, den Betrieb weiterzuführen, diese ganze Tradition? Geht er verantwortungsbewusst damit um? Wahrscheinlich wird es bei mir genauso sein. Mein Bruder und ich haben ja als Jugendliche schon Anweisungen bekommen und umgesetzt. Aus dieser Rolle kommst Du auch nicht mehr heraus. Du bist nach wie vor Sohn. Das ist so geblieben.

In welchen Punkten genau bleibt man denn Sohn?

Ulrich: Man begegnet seinem Kind einfach anders als einem Fremden – auch im täglichen Geschäft. Zum eigenen Sohn würde man – ich formuliere es jetzt mal ganz banal – vielleicht auch sagen: „Das war jetzt aber ein bisschen zu doof.“ Kind bleibt Kind. Aber so ein Vater kann auch nervig sein, nicht wahr? (lacht)

Thomas: Dass wir eine Familie sind, merkt man eigentlich immer.

Ulrich: Thomas ist mir manchmal zu gutmütig. Ich glaube, er frisst zu viel in sich hinein. Man muss auch mal auf den Tisch hauen können. Ich kann eher mal „Nein“ sagen. Das machst Du selten, Thomas.

„Wie behält man die Verbindung zu seinem Kind? Man kriegt ja nicht immer alles mit, was so läuft. Er muss mir nicht alles erzählen, aber ich finde es wichtig, dass er immer ehrlich ist.“
Thomas Heuer, Vater und Sohn

Waren Sie in der Rolle als Vater von Magnus weniger Chef als Ihr eigener Vater es war?

Thomas: Ja.

Ulrich: Ganz anders, auch notgedrungen. Wir hatten weniger Zeit gemeinsam. Im Normalfall habe ich meine Kinder morgens und abends nicht gesehen. Schularbeiten habt ihr mit Eurer Mutter zusammen gemacht. Es tut mir leid, dass ich die Zeit nicht hatte, sie mir nicht einfach genommen habe. Hätte ich sie mir überhaupt nehmen können? Ich weiß es nicht.
Thomas: Dass Du wenig Zeit hattest, das hat man schon gemerkt.

Ulrich: Hast Du Dich vernachlässigt gefühlt?

Thomas: Nein, das nicht. Meine Mutter war ja da, meine Großmutter auch noch lange Zeit. Es war aber schon klar, dass der Betrieb an erster Stelle steht. Heutzutage ist das gesellschaftliche Bewusstsein anders. Meine Frau arbeitet auch. Da müssen die Aufgaben im Haushalt auf mehrere Schultern verteilt werden.

Haben Sie als Vater in der Erziehung bewusst etwas anders gemacht?

Thomas: Es gibt dafür ja keine Gebrauchsanweisung. Also nimmt man das auf, was man selbst zu Hause erfahren hat und richtet es danach aus, wie die Gesellschaft gerade funktioniert. Mir ist wichtig, dass meine Kinder respektvoll mit anderen umgehen, ehrlich sind, freundlich und aufrichtig. Wie Du ja schon gesagt hast, Papa: Ich habe meine Probleme damit, auch mal „Nein“ zu sagen. Das zieht sich bis in die Erziehung meiner Söhne. Da bin ich nicht der Konsequenteste.

Ulrich: Aber dann wird man oft ausgenutzt.

Thomas: Manchmal denke ich wirklich später: Hätte ich doch mal „Nein“ gesagt!

Magnus: Aber das kann Papa ja nicht so.

Thomas: Magnus ist schlau genug, um auszuloten, wo er am besten durchkommt.

Magnus, du hattest gerade Konfirmation: War das deine Entscheidung?

Magnus: Als Kind, wenn man getauft wird, wird einem ja die Frage gestellt, ob man mit Gott leben möchte und die Eltern antworten für einen. Ich fand es toll, das noch einmal selbst entscheiden zu dürfen. Das begleitet einen ein Leben lang.

Thomas: Er wird erwachsen.

Ulrich: Frecher wird er. (Augenzwinkern)

Thomas: Ich finde das gerade sehr spannend. Er ist der erste meiner drei Söhne, der durch die Pubertät läuft.

Magnus, sprichst Du mit deinem Vater auch über die Schule, Freunde, Freundinnen?

Magnus: Ne, eigentlich gar nicht.

Thomas: Da ist jetzt die große Frage: Wie behält man die Verbindung zu seinem Kind? Man kriegt ja nicht immer alles mit, was so läuft, weiß nicht genau, in welches Fahrwasser er gerät. Er muss mir nicht alles erzählen, aber ich finde es wichtig, dass er immer ehrlich ist.

Wie ist es, das als Großvater zu erleben?

Ulrich: Wenn unsere Enkel schon von Weitem rufen: „Oma, Opa!“ Das sind reine Glücksgefühle. Das hätte ich nie gedacht, weil ich eigentlich von anderer Natur bin. Da habe ich mich umstellen müssen. Früher sagte ich: „Du machst das und das.“ Und da gab es keine Widerworte.

Thomas: Es ist ja auch ein Großteil der Verantwortung von Deinen Schultern gefallen. Es stimmt: Wir mussten als Kinder parieren, die Beziehung war von sehr viel Respekt geprägt. Es gab immer was zu tun. Wir haben aber auch gerne geholfen.

Kein Streit?

Ulrich: Zu Hause gegrummelt hat man schon mal.

Thomas: Aber dann gibt’s nach zwei oder drei Tagen ein klärendes Wort und es ist wieder okay.

Magnus: Handyverbote, Fernsehverbote…

Thomas: Na, das nimmt ja heute alles großen Raum ein. Im Vergleich fand ich meine Kindheit besser als die meiner Söhne. Die haben zwar nichts auszustehen, aber diese Medienflut ist schwierig. Das echte Spielen ist seltener geworden.

Herr Heuer, Sie haben selbst zwei Jungs großgezogen. Nun hat Ihr Sohn auch wieder drei Söhne…

Ulrich: Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn ich das so bei befreundeten Familien sehe: So eine Tochter – schlecht ist das nicht. Wie die immer zur Familie halten! Ich habe den Eindruck, da ist die Bindung noch mehr gegeben. Natürlich nicht immer, aber meistens ist es doch so: Die Männer gehen aus dem Haus und gründen eine eigene Familie. Manche melden sich ein halbes Jahr nicht. Ich habe großes Glück mit unseren Jungs.

Von Anna Petersen