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Jan von Hofmann (vorn) und Macello Stzesny sind zur Probe schon mal in die Eichen im Bleckeder Schlosspark gestiegen, bevor am Freitag die offiziellen Wettbewerbe starten. (Foto: t&w)

„Bäume zeigen uns ihre Probleme“

Bleckede. Keine Frage, dieser Mann liebt die Bäume. Das wird schon während des Interviews schnell deutlich: „Die Bäume brauchen den Menschen n icht. Der Mensch aber braucht die Bäume!“ So gesehen empfindet Jan von Hofmann (48) seine Berufsbezeichnung „Baumpfleger“ auch als etwas irreführend. „Verkehrssicherungs-Experte für Bäume wäre die treffendere Beschreibung“, sagt der Mann aus Höxter. Denn gerufen werden er und seine Kollegen meist dann, wenn Äste aus den Baumkronen herabzustürzen drohen und Menschen und Sachwerte zu Schaden kommen könnten.

Jan von Hofmann ist aber auch der Präsident der ISA-Germany – der deutschen Sektion der internationalen Gesellschaft für Baumpflege. Die veranstaltet am Wochenende, Freitag, 11. Mai, bis Sonntag, 13. Mai, die 25. Deutsche Baumklettermeisterschaft. Austragungsort ist der Schlosspark in Bleckede. „Wir erwarten rund 60 Teilnehmer und mehrere 100 Besucher“, sagt von Hofmann, „aus der gesamten Bundesrepublik und dem angrenzenden Ausland.“

„Baumpfleger“ ist ein vergleichsweise junger Beruf, erst 2001 von der Berufsgenossenschaft offiziell anerkannt. Rund 3500 Baumkletterer sind seinen Worten zufolge in Deutschland bei der Berufsgenossenschaft registriert – die meisten von ihnen kommen aus den sogenannten „grünen Berufen“. Gärtner, Landschaftspfleger und Forstwirte. Sie alle teilen die gleiche Leidenschaft: die Liebe zur Natur und die Lust am Seilklettern.

Vor dem Klettern beurteilen Baumpfleger die Gefahr

Sonderlich gefährlich sei sein Beruf nicht, sagt von Hofmann, jedenfalls nicht gefährlicher, als viele andere Berufe auch. Das beweise der Blick in die Unfallstatistik: „Auf das Jahr gesehen gibt es in unserem Metier nur etwa 60 gemeldete Unfälle bei der Berufsgenossenschaft“, berichtet der Sektions-Präsident. Das spreche zum einen für die gute Ausbildung, zum anderen für die Qualität des Arbeitsmaterials. „Die kletternde Baumpflege erfordert ein Höchstmaß an Konzentration, Kraft, Kondition, Agilität und Akrobatik. Und dabei sind stets die Sicherheitsvorgaben der Berufsgenossenschaft einzuhalten“, erklärt Hofmann.

Doch bevor sich die Baumpfleger daran machen, den Baum zu erklimmen, ist erst einmal eine Gefährdungs-Beurteilung Pflicht: „Wir schauen uns den Baum vom Boden aus genau an“, erklärt Hofmann. Gibt es bereits sichtbare Schäden im Wurzelbereich? Sind im Stamm oder den Ästen Risse erkennbar? Hängt bereits Totholz in der Krone? Und wie sieht es mit Insektenbefall aus? Nisten zum Beispiel Hornissen im Baum? „Bäume zeigen uns ihre Probleme, man muss sie nur lesen können“, ist der 48 Jahre alte Baum-Experte überzeugt.

Fragen, die geklärt sein müssen, bevor der Baumkletterer seine Nylonschnur mithilfe eines Wurfgewichtes in eine Astgabel des Baumes wirft. Zielgenauigkeit ist Voraussetzung – Würfe über 30 Meter und höher sollten für den Profi aber kein Problem sein. Mithilfe der Schnur wird dann das Aufstiegsseil in den Baum gezogen. „Wichtig ist, dass der Kletterer lotrecht zum Stamm in den Baum steigt“, erklärt Hofmann, „dann wirken die geringsten Kräfte auf die Äste.

Teilnehmer müssen fünf Disziplinen meistern

Fünf Disziplinen müssen die Wettkampfteilnehmer in Bleckede meistern: Beginnend mit der „Throwline“ – dem Werfen des Aufstiegsseils; dem „Footlock & Ascent“, bei dem 15 beziehungsweise 12 Meter am Seil mit unterschiedlichen Techniken in den Baum geklettert werden muss; dem „Speedclimb“, also auf Zeit von Ast zu Ast noch oben klettern; dem „Workclimb“, bei dem mehrere Arbeitsstationen in der Krone möglichst baumschonend zu erreichen sind sowie der Station „Rescue“, an der ein „verletzter“ Kletterer aus dem Baum geborgen werden muss.

Die jeweils drei besten Männer und die drei besten Frauen qualifizieren sich für die Europameisterschaften, die jeweils Erstplatzierten lösen das Ticket für die Weltmeisterschaft.

Jan von Hofmann selbst wird an den Wettbewerben aber nicht teilnehmen: „Das überlasse ich den anderen“, sagt er – und mit der Organisation, der Vorbereitung und der Durchführung des Wettbewerbs habe er auch so schon genug zu tun.

Spiel, Spaß und Vorträge

Parallel zur Meisterschaft bietet die ISA-Germany einen Tag lang Vorträge rund um die Baumpflege an. Workshops, Angebote für Kinder, Kistenklettern und Führungen zum Thema Baum runden das Programm ab. Der Zeitplan: Erste öffentliche Vorführungen im Schlosspark finden bereits am Donnerstag ab 15 Uhr statt, der eigentliche Wettkampf startet am Freitag, und dauert bis Sonntag. Zum Abschluss der Veranstaltung am Sonntagnachmittag pflanzt die deutsche ISA-Sektion gemeinsam mit Vertretern der Stadt Bleckede eine Säuleneiche.

Von Klaus Reschke