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Irmtraud Hövermann ist die einzige „Equal-Pay-Beraterin“ des deutschen Landfrauenverbandes (dlv) in der Region Lüneburg. Foto: Julius Matuschik

Die Lohnungerechtigkeit und ihre Folgen

Kirchgellersen. Am 18. März ist Equal-Pay-Day, also der Tag, bis zu dem Frauen rechnerisch arbeiten müssen, um das Einkommen zu erzielen, das Männer bereits am 31.Dezember des Vorjahres hatten. Symbolisch macht der Tag damit auf die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen aufmerksam. Das ist auch Aufgabe von Irmtraud Hövermann (57). Die Vorsitzende des Landfrauenvereins Kirchgellersen ist die einzige „Equal-Pay-Beraterin“ des deutschen Landfrauenverbandes (dlv) in der Region Lüneburg.

LZ: Was macht eine „Equal-Pay-Beraterin“?
Hövermann: Als Beraterin informiere ich zum Thema Lohnungerechtigkeit. Frauen verdienen im Durchschnitt 21 Prozent weniger als Männer. Es geht also um die Forderung nach gerechter Bezahlung und gleichem Lohn für gleiche Arbeit, aber auch um viel mehr: Wie wirkt es sich später aus, wenn ich wegen der Familie Teilzeit arbeite? Wie kann ich die Weichen stellen, um Altersarmut zu verhindern?

Wen beraten Sie?
Ich werde eingeladen von Gruppen und Vereinen. Gerade war ich in den zehnten Klassen einer Oberschule. Da ging es stark um typische Rollenmuster. Wenn Sie da fragen, wie die Jugendlichen sich eine Führungskraft vorstellen, dann ist das für 90 Prozent ganz klar ein Mann. Es gibt als noch einiges zu tun.

Warum ist Lohnungerechtigkeit ein Thema für Landfrauen?
Aber klar ist das ein Thema für uns. Wir werden zwar meist nur wahrgenommen als diejenigen, die viel für das Miteinander auf dem Dorf tun. Aber zu unserem Selbstverständnis gehört genauso, die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen auf dem Lande zu verbessern. Das passt also. Mittlerweile gibt es in Deutschland 23 Beraterinnen, die die Qualifizierung über unseren Verband absolviert haben. Landfrauen sind nah dran an den Menschen und können das Bewusstsein dafür schärfen, dass sich an der Ungerechtigkeit etwas ändern muss. Das ist schließlich ein Thema, das alle angeht.

Ist die Lohnungerechtigkeit auf dem Lande denn stärker als in der Stadt?
Ja, das ist tatsächlich so. Auch wenn es regionale Unterschiede gibt, sind die Bedingungen für Frauen hier meist schlechter. Oft gibt es wohnortnah auch nur Mini- oder Teilzeitjobs und die Angebote für Kinderbetreuung sind nicht ausreichend – auch wenn sich das jetzt deutlich bessert.

Gehen Frauen sorgloser mit der Frage um, wie sie sich für das Alter absichern?
Es ist schwierig, das zu verallgemeinern. Auf jeden Fall ist erschreckend, dass sich manche Frauen erst dann Gedanken darüber machen, wenn sie in eine schwierige Situation geraten, also etwa durch Scheidung. Und dann stellen sie plötzlich fest, dass sie mit dem Minijob keine Familie ernähren können. Was raten Sie also?
Auf jeden Fall schon bei der Berufswahl aufpassen: Mädchen sollten wirklich beruflich das tun, was ihnen liegt. Also die alten Rollenmuster aufbrechen und auch neue Berufe wählen. Dass soziale Tätigkeiten schlechter bezahlt werden, ist natürlich auch ein Aspekt der Ungerechtigkeit. Und bei der Familiengründung sollte ganz klar sein: Wir teilen uns die Aufgaben und wenn ein Partner beruflich zurücksteckt, darf er dadurch keine Nachteile haben.

Sollte man das nicht jedem Paar selbst überlassen, wie man das regelt?
Ich will niemand in sein Familienleben reinreden. Aber man muss sich klar sein, dass Entscheidungen später Folgen haben. Wenn ich sechs Jahre wegen des Kindes zu Hause bleibe, dann steigt die Gefahr, nicht mehr zurück in den erlernten Job zu können.

Ältere Frauen können ihren Lebensweg aber nicht mehr zurückdrehen.
Was die finanzielle Vorsorge angeht, stimmt das natürlich. Bei den Älteren ist mir auch ein Anliegen, dafür zu werben, dass wir die veränderten Lebensmodelle auch akzeptieren. Das erlebe ich selbst: Für meinen Mann und mich war immer klar, dass wir den landwirtschaftlichen Betrieb zusammen führen. Meinen erlernten Beruf hätte ich schon deshalb nicht ausüben können, weil es im Dorf keinen Kindergarten gab, als meine Kinder klein waren. Mein Sohn, der den Hof jetzt übernommen hat, und meine Schwiegertochter machen das anders. Und das finde ich gut.

Wird der Tag kommen, an dem die Lohnlücke verschwunden ist?
Das hoffe ich doch. Wir kommen voran, allerdings langsam. Damit es schneller geht, müssen die Unternehmen mehr auf die Arbeitszeitwünsche von Frauen und Männern eingehen.

Appell an die Ministerin

Abgeordnete fordert Regierung zum Handeln auf

Auch die Grünen-Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden fordert mehr Lohngerechtigkeit für Frauen. „Die neue Frauenministerin Franziska Giffey muss als eine ihrer ersten Amtshandlungen wirksame Maßnahmen ergreifen, um das Lohngefälle zwischen Frauen und Männern zu reduzieren“, erklärt sie in einer Pressemitteilung. Das Gesetz zur Entgelttransparenz reiche dafür nicht aus. „Die Bundesregierung lobt sich für ein Gesetz, das wirkungslos ist. Denn nur ein Bruchteil der Frauen hat ein Auskunftsrecht. Betrieben ist es auch völlig frei gestellt, ob sie ihre Entgeltstrukturen tatsächlich auf Benachteiligungen überprüfen.“
Die Forderung der Grünen: Viel mehr Frauen sollen einen Auskunftsanspruch erhalten. „Außerdem brauchen wir ein Verbandsklagerecht, damit Verbände, die sich für Gleichstellung einsetzen, oder Gruppen von betroffenen Frauen gemeinsam gegen ungerechte Bezahlung klagen können.“

von Ute Klingberg-Strunk