Dienstag , 17. September 2019
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Ein Dachbodenfund und seine Geschichte

Südergellersen. Da wühlt man sich durch Spinnenweben, längst verstaubtes Kinderspielzeug, ungelesene Bücher und auf einmal entdeckt man ihn: den verborgenen Schatz. Das ist zumindest die Hoffnung manch eines Dachbodenstöberers. Und ab und zu wird sie Realität. Zugegeben, in dieser Geschichte geht es nicht um einen Goldschatz und auch nicht um edle Diamanten. Aber das alte chinesische Teeservice, das plötzlich auf dem Dachboden einer Familie in Südergellersen entdeckt wurde, ist trotzdem von unschätzbarem Wert – zumindest für die Nachkommen der Familie Isermann.

„Es ist erschütternd zu sehen, welche Folgen Ereignisse, die so weit weg von uns sind, auf Menschen hier vor Ort haben.“
Dietmar Gehrke, Heimatforscher

Dietmar Gehrke liebt Geschichte – und Geschichten. Und er liebt es, sie zu erzählen. So sehr, dass der Kaffee in seiner Tasse bereits kalt geworden ist, als er endlich einen Schluck nimmt. Der Heimatforscher und Kreisarchäologe sitzt in seinem Wohnzimmer. Gerade hatte sie ihn wieder gepackt, die Leidenschaft für Vergangenes – inklusive leuchtender Augen und jeder Menge Anekdoten.

Gustav Isermann (r.) mit Ehefrau und Sohn Gustav um 1914. (Foto: privat)

Auf Spurensuche in der Familiengeschichte

Doch diesmal ist es nicht die Frühgeschichte, die ihn begeistert, diesmal ist es die Geschichte seiner Familie. Sie zu erforschen, hat sich Gehrke zum Hobby gemacht. „Mich interessiert, wie die Familie in die regionale Geschichte und in die globalen Entwicklungen gleichermaßen eingebettet ist“, sagt er. Also machte er sich auf Spurensuche, rekonstruierte die Ahnenreihen, auch die seiner Ehefrau, und entdeckte dabei eine Familiengeschichte, deren Tragik bisher ungeahnt war.

Gustav Isermann war gerade 20 Jahre alt, als es ihn in die große Welt zog. Ein Tischler aus Südergellersen, der im fernen China, genauer Tsingtau – heute Qingdao –, sein Glück suchte. Als Seesoldat brach er 1905 in die damals deutsche Kolonie am „Gelben Meer“ auf. Der stolze Blick auf den Fotos von damals lässt noch heute erahnen, wie er sich gefühlt haben mag: der Junge vom Dorf, plötzlich in einer edlen Marine-Uniform am anderen Ende der Welt. Vielleicht wollte er ein bisschen angeben mit dem chinesischen Porzellan, das er in dieser Zeit kaufte und mit in die Heimat nahm. „Er wollte wohl ein Stück der großen weiten Welt in das beschauliche Südergellersen bringen“, sagt Gehrke.

Volkstrauertag

Am 18. November ist Volkstrauertag, dann wird bei etlichen Veranstaltungen wieder der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht. Ursprünglich wurde der Volks-
trauertag durch den 1919 gegründeten Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge zum Gedenken an die Kriegstoten des Ersten Weltkrieges eingeführt.

Die erste offizielle Feierstunde fand 1922 im Deutschen Reichstag statt. 1934 bestimmten die nationalsozialistischen Machthaber durch ein Gesetz den Volkstrauertag zum Staatsfeiertag und benannten ihn „Heldengedenktag“. Nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland wurde der Volkstrauertag erneut vom Volksbund eingeführt und 1950 wieder offiziell begangen. 1954 beauftragte die Bundesregierung den Volksbund mit der Aufgabe, die deutschen Soldatengräber im Ausland zu suchen, zu sichern und zu pflegen. In seiner Obhut befinden sich heute 833 Kriegsgräberstätten in 46 Staaten mit etwa 2,7 Millionen Kriegstoten.

Lange währte sein Ausflug nicht, drei Jahre später, 1908, kehrte er in die Heimat zurück. „Wäre er bloß dageblieben“, hört man Dietmar Gehrke sagen. Denn heute weiß man: Nach der Belagerung Tsingtaus durch die Japaner im Jahr 1914 sind die meisten deutschen Soldaten in Kriegsgefangenschaft geraten, aus der sie später meist unversehrt heimkehrten.
Doch der Lebensweg von Gustav Isermann war ein anderer. 1913 wurde er Vater, sein Sohn – ebenfalls Gustav – wurde geboren. Die Isermanns bauten ein Haus in Südergellersen, kurz bevor der Erste Weltkrieg begann. Nur zwei Jahre nach Kriegsbeginn, im Alter von 30 Jahren, fällt Gustav Isermann im Norden Frankreichs. Dort wird er zunächst auch bestattet, bis das Grab später auf einen deutschen Soldatenfriedhof in Belgien umgebettet wird.

Gustav Isermann (3.v.l.) mit einigen seiner Kameraden beim Besuch einer Gaststätte in Tsingtau. (Foto: privat)
Sein einziger Sohn durfte ihn kaum kennenlernen. Er gründete ebenfalls eine Familie, wurde Vater von Zwillingen, Gustav und Gerhard Isermann. Dann wiederholt sich die Historie und auch diese Geschichte. 1944, im Alter von nur 31 Jahren stirbt der zweite Gustav Isermann – wie sein Vater in Frankreich, doch zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Vater und Sohn, sie beide wurden auf belgischen Soldatenfriedhöfen bestattet. Erst die dritte Generation, die Zwillinge Gustav und Gerhard Isermann, dürfen ein Leben ohne Schlachtfelder führen, Kinder und Enkelkinder kennenlernen. „Es ist erschütternd und berührend zu sehen, welche Folgen die Ereignisse von damals, die so weit weg von uns sind, auf Biographien und Lebenswege, auf die Menschen hier vor Ort haben“, sagt Dietmar Gehrke. Gustav Isermann der dritten Generation war sein Schwiegervater, er starb 2017 im Alter von 70 Jahren.

Sohn besucht das Grab seines Vaters in Belgien

Dietmar Gehrke klickt sich durch das digitale Fotoalbum auf seinem Handy. Eines der Bilder zeigt seinen Schwiegervater am Grab dessen Großvaters. Dass er in der Welt unterwegs gewesen war, ein Seesoldat in China, so viel war den Nachkommen bekannt. Die Grabstätte in Belgien konnte Dietmar Gehrke erst mithilfe seiner Recherchen wieder ausfindig machen. Dass sein Schwiegervater sich gleich auf den Weg dorthin machte, berührt Gehrke sichtlich. „Es war meinem Schwiegervater ganz wichtig, zu wissen, wo sein Großvater begraben ist“, sagt Gehrke.

Und dann war da ja noch was. Dieses chinesische Teeservice. Irgendwo in einer Ecke des Dachbodens. Gustav Isermanns Frau heiratete damals erneut, das Porzellan wechselte die Familie. Auf dem Boden stand es zwischen Spinnweben, verstaubtem Kinderspielzeug und ungelesenen Büchern, bis die Nachkommen es entdeckten und der Familie Isermann zurückgaben.
Die Geschichte kann niemand zurückdrehen. Aber sich daran erinnern, das kann jeder. Ob am Sonntag, dem Volkstrauertag, oder im Alltag. Heute steht das alte Teeservice im Wohnzimmer der Familie, als Blickfang. Und als Erinnerung an den jungen Tischler aus Südergellersen, der damals in die Ferne zog, um die Welt zu entdecken.

Von Anke Dankers